Archiv für August 2009

28
Aug
09

Vergessene Befreier, vorauseilender Gehorsam und Kollaborateure, an die nicht erinnert werden soll

Pünktlich zum Jahrestag des Überfalls auf Polen, also dem Beginn des 2. Weltkrieges, kann man in Berlin die Ausstellung „Die 3. Welt im 2. Weltkrieg“ sehen. Ich persönlich bin zunächstmal allen, die Deutschland vom Hitlerfaschismus befreit haben, sehr dankbar. Ich mag mir gar nicht vorstellen, welches Leben ich hätte führen müssen, wenn die Nazis nicht bedingungslos hätten kapitulieren müssen.

Bis ich einigen alten Weltkriegveteranen in Ghana begegnet bin, hatte ich mir nie vergegenwärtigt, dass viele der Befreier aus Afrika und Asien kamen. „Die 3. Welt stellte im 2. Weltkrieg mehr Soldaten als Europa und hatte mehr Kriegsopfer zu beklagen als Deutschland“, heißt es in der Ankündigung der Ausstellung. Sie wird von wissenschaftlichen Vorträgen begleitet. Der Historiker Raphael Scheck wird über „Hitlers afrikanische Opfer“ sprechen, Professor Kum’a Ndumbe aus Kamerun über die Kolonialpläne der Nazis und der Schriftsteller Peter Finkelgruen über das jüdische Ghetto von Shanghai.

Die Ausstellung sollte in der „Werkstatt der Kulturen“ in Neukölln gezeigt werden. Dort wird alljährlich der „Karneval der Kulturen“ organisiert und zahlreiche andere spannende Veranstaltungen, die den Horizont über den eigenen kulturellen Tellerrand erweitern.

Doch kurzfristig sagte die Werkstattleiterin Philippa Ebéné ab. Die vom Kölner Journalisten Karl Rössel konzipierte Ausstellung dokumentiert den antifaschistischen Widerstand, aber auch die Kollaboration mit den Nazis, die es in Asien, Afrika und Lateinamerika gegeben hat. Der Streit zwischen Ausstellungsmacher Rössel und Werkstattleiterin Ebéné entspann sich um die Gewichtung, die der Kollaboration in der Ausstellung beigemessen wird. Während Ebéné nach ihrer Darstellung eine Ausstellung haben wollte, die den Kampf Nichtweißer gegen den Nationalsozialismus würdigt, wollte Rössel auf die Darstellung der Kollaborateure nicht verzichten. Konkret ging es wohl um zwei von 96 Tafeln. Eine befasst sich unter der Überschrift „Palästinenserführer und Kriegsverbrecher“ mit der Rolle von Hadsch Amin al Husseini, dem obersten Repräsentanten Palästinas, Mufti von Jerusalem. Bereits 1937 hatte er dazu aufgerufen, muslimische Länder „judenfrei“ zu machen. Von 1941 bis 1945 lebte er in Berlin, pflegte freundschaftlichen Umgang mit Hitler und gründete eine muslimisch-bosnische SS-Division. Eine zweite Tafel benennt die „Sympathisanten der Faschisten im Nahen Osten“, etwa Ägyptens König Faruk. Es gibt übrigens auch eine dritte Tafel, die „Arabische Retter“ würdigt, die Juden vor dem Tod bewahrten.

Diverse Vermittlungsversuche haben nicht gefruchtet. Die Ausstellung wird jetzt im Wedding gezeigt.

Warum dürfen arabische NS-Kollaborateure und Kriegsverbrecher in der „Werkstatt der Kulturen“ nicht beim Namen genannt werden? Ebéné ist keine Antisemitin. Im letzten Jahr hat sie auf einen jüdischen Redner bei der jährlichen arabischen Kulturwoche bestanden. Daraufhin sagten die Veranstalter, Berliner arabische Vereine, die komplette Veranstaltung ab. Vielleicht war es diese Erfahrung, die sie jetzt motivierte? Letztendlich drängt sich der Eindruck auf, hier wurde in vorauseilendem Gehorsam Rücksicht auf die arabische Community genommen, mit der es sich die „Werkstatt der Kulturen“ nicht verderben wollte. Das erscheint feige und bevormundend. Wenn Teile des Klientels der Werkstatt Probleme mit der auszustellenden Darstellung gehabt hätten, wäre es ein wunderbarer Anknüpfungspunkt für einen interkulturellen Dialog gewesen. Im Übrigen gibt es auch Araber, die sich kritisch mit arabischer Geschichte auseinandersetzen. Die sind offenbar der „Werkstatt der Kulturen“ egal. Nazi-Kollaborateure hat es überall auf der Welt gegeben. Mittlerweile ist es auch kein historisches Tabu mehr, sich sogar mit jüdischen Kollaborateuren – welche Beweggründe sie auch immer gehabt haben mögen – zu beschäftigen. Die “Werkstatt der Kultutren” hat einer offenen Auseinandersetzung zwischen den Kulturen einen Bärendienst erwiesen.

Mehr über die Ausstellung unter: www.3www2.de und www.africavenir.org.

Die Ausstellung mit einem umfangreichen Begleitprogramm findet vom 1. – 20. September 2009 in den Uferhallen, Uferstr. 8 – 11, 13357 Berlin Wedding statt

26
Aug
09

Bad, bad wine…in der box at the beach

Nach einem kurzen sommerlichen Abendspaziergang durch das Hansaviertel zogen uns auf der Suche nach einem Feierabendwein die bunten Lichter in diese Strandbar. Nach Einbruch der Dunkelheit in einem Liegestuhl an der Spree zu sitzen, sich vom kühlen Wind erfrischen zu lassen, den Lichtern von Schiffen und Flugzeugen nachzusehen, dabei Abwegiges mit der Liebsten zu plaudern…Für einen bescheidenen Menschen wie mich ist das schon ein mächtiges Stück vom Glück dieser Welt. Wahrscheinlich wäre es zuviel des Guten, wäre jetzt auch noch ein Glas trinkbarer Wein erreichbar gewesen. War aber auch nicht. Auf der Tafel hinter dem Tresen stehen ohne nähere Angaben Rotwein und Weißwein zur Wahl. Da erwartet man sicher keine Offenbahrung. Selbst dass er in einem Plastikwasserbecher gereicht wurde, hätte ich akzeptiert. Aber für 4 Euro pro 0,2 l hatte ich doch auf irgendetwas Trinkbares gehofft. Im Nachhinein erscheint mir das übertrieben freundliche Grinsen mit dem mir der Barmann das Getränk überreichte geradezu als zynisch.

Für einen Montag voraussehbar war es ziemlich leer. Das Publikum war eher studentisch als touristisch, was ich zunächst als angenehm empfand, denn Student war ich ja selber Mal und Tourist bin ich natürlich selber nie. Aber Lautstärke und Inhaltsleere der Gespräche, die sich kaum ignorieren ließen, trieben uns dann bald in die Flucht. Die Bestellung eines zweiten Glases hatten wir eh nicht in Erwägung gezogen.

So toll es ist, dass eine ehemalige Stadtbrache dieser Nutzung zugeführt wurde, so unverständlich ist es, dass man es wagt seinen Gästen derartige Getränke zu kredenzen. Mal vorausgesetzt dass das Gros der Gäste im nahen Studentenwohnheim Sigmundhof zuhause ist, tun sich einige Fragen auf? Trinken Studenten heutzutage keinen Wein mehr? Wenn doch, haben sie keine Geschmacksknospen? Und hat man als Wirt nicht irgendwie auch die moralische Pflicht das geschmackliche Empfinden junger Menschen zum Positiven hin zu schulen? Sollten wir uns nicht alle für die alkoholische Sozialisation junger Menschen verantwortlich fühlen?

Mein Beitrag zu box at the beach – Ich bin Stroheim – auf Qype

25
Aug
09

Die Bar zur öffentlichen Bedürfnisanstalt

Hirsebier wird in vielen Teilen Afrikas getrunken. Auch bei den Dagara, die im Nordwesten Ghanas und im angrenzenden Burkina Faso leben.
Save Journey
Dort brauen ausschließlich Frauen das Getränk, häufig für den Hausgebrauch, aber es haben sich auch an einigen Orten Brauerinnen zusammengeschlossen um ihr Bier in Bars auszuschenken. Diese Bars heißen Discos und werden häufig nach markanten Orten in der Nähe benannt. In Hamile, einem ghanaischen Grenzort zu Burkina, gibt es zahlreiche dieser Diskos. Im islamischen Teil wird das Getränk. – es enthält ja immerhin ca. 3% Alkohol – nur in überdachten Räumen angeboten. Das Bier wird in Tonkrügen verschiedener Größe gereicht. Hirsebier ist im Vergleich zu Flaschengetränken preiswert. Meistens wurde ich zu einem Krug eingeladen. Die guten Sitten ließen es nicht zu, dass ich ablehnte und verlangten außerdem dass ich mich mit der Bestellung eines zweiten Kruges revanchierte. Nun bin ich durchaus trinkfest, aber manchmal wurde mir das dann doch zuviel. Nachdem ich diesen Umstand einmal gegenüber dem katholischen Dorfpfarrer erwähnte, wurde er prompt zum Thema seiner nächsten Sonntagspredigt, woraufhin ich nur noch von Nichtkirchgängern eingeladen wurde.

Das Brauen von Hirsebier ist ein aufwendiger Prozess, der sich über mehrere Tage hin zieht. Es muss innerhalb von wenigen Tagen getrunken werden, da es sonst verdirbt.

Nachdem ein georderter Krug den Gästen gebracht wird, kratzt die Brauerin mit einer Scherbe zunächst die Hefe ab, die sich im oberen Bereich abgesetzt hat. Sie wird für den nächsten Braugang wieder verwendet. Danach füllt sie zunächst eine Kalebassenschale für den Besteller und nimmt selbst den ersten Schluck davon. Ein Sicheres Zeichen dafür, dass das Bier nicht vergiftet ist. Erst dann werden die Schalen der anderen Gäste gefüllt. In meiner Lieblingsdisco kann man angenehm unter einer Veranda sitzen, die Brauerinnen sind immer zu einem Scherz aufgelegt. Etwas anderes als Hirsebier ist nicht im Angebot. Diese Bar befindet sich in der Nähe einer öffentlichen Toilette, die vor vielen Jahren im Rahmen eines Hygiene-Entwicklungsprojektes gebaut wurde. Entsprechend heißt sie auch „Banjirra Disco“, was man mit „Bar zur Bedürfnisanstalt“ oder – wie es mein damaliger ghanaischer Professor tat – derber mit „Scheißhaus-Disco“ übersetzen könnte. Da dass Dach der Toilette in der Sonne Hitze speichert, bevölkern in der Abenddämmerung immer zahlreiche wechselwarme Eidechsen diesen Ort. Da es ja an sich harmlose Tiere sind, ignoriert man sie einfach. Das wollte mir allerdings nicht mehr gelingen als einmal eine Eidechse vom Dach fiel – gerade als ich an diesem Ort einem Bedürfnis nachkam. Sie landete im meinem Hemdkragen und rutschte meinen Rücken herunter. Das arme Tier war genauso erschrocken wie ich. Beide versuchten wir durch veitstanz-ähnliche Bewegungen voneinander loszukommen, was schließlich auch gelang.

Ich denke für solche Fälle ist in den Toiletten-Bewertungs-Kategorien des Bewertungsportals Qype der Punkt „nicht sicher“ vorgesehen.

Ich bin Stroheim – auf QypeMein Beitrag zu Banjirra Disco

Ernte2Unbenannt-2

08
Aug
09

Ende eines Kaufhauses

Hertie2
Heute wurde er tatsächlich geschlossen. Er war für mich immer der Schmuddel-Hertie auch wenn er zeitweise Karstadt hieß. Das Gebäude aus den 60er Jahren, nach Entwürfen des Hamburger Architekten Hans Soll, hätte schon vor 25 Jahren – als ich zum ersten Mal hier eingekauft habe – eines radikalen Liftings bedurft. Die Verkäuferinnen begegneten einem mit einem eher robusten Charme, aber daran hatte ich mich schon lange gewöhnt. Es war ein Kaufhaus für den alltäglichen Kram. Für Ausgefallenes und Exklusiveres fuhr ich dann doch eher gleich in einen Nachbarbezirk. Es war aber auch eine Moabiter Institution. So unhipp und doch heiß und innig hassgeliebt, stand es für den ganzen Kiez.

Hertie4

Er wird mir fehlen, nicht nur weil es in den 99-Cent-Läden, die sich in der Turmstraße, der Einkaufsstraße Moabits, plastikperlenkettenartig aneinanderreihen, eigentlich gar nichts bekomme, was ich brauche, sondern auch weil ich fürchte, dass Herties Ende ein weiterer Schritt in Richtung Niedergang der Turmstraße und damit des ganzen Stadtteils ist. Ich kann mich noch an mehrere Feinkostgeschäfte hier erinnern. In der nahe gelegenen Arminius-Markthalle kaufte sogar die Frau unseres Bundespräsidenten ein, bevor man die Halle mit dem Einbau einer Norma- und einer Schlecker-Filiale verschandelte und immer mehr Lebensmittelstände durch Ramschtrödelstände ersetzt wurden. Auf dem Gelände des Krankenhauses Moabit, ebenfalls mit Turmstrassenadresse, pulsierte das Leben, bevor es Anfang des Jahrtausends geschlossen wurde. Temps perdu. Vielleicht kommen wieder bessere Zeiten. Immerhin haben die Moabiter Gerichte und der Untersuchungsknast keinen konjunkturellen Nachfrageeinbruch zu befürchten…Zum fünfzigjährigen Jubiläum hätte die Hertie-Filiale noch ein Jahr gebraucht. 260 Mitarbeiter (zu Zeiten der Eröffnung waren es noch 700) wurden jetzt entlassen. Sie saßen nach der Schließung heute noch auf dem Parkplatz hinter dem Gebäude zusammen und „feierten“ Abschied. Hoffentlich kommen möglichst Viele mit ihrer Situation klar. Macht et jut.

Hertie3





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