Autor Archive für Gerd Arno Schwiedergall

02
Jan
12

Ausgekurbelt: Charlottenburger Traditionskino wird zum Biosupermarkt

Die Leuchtbuchstaben, die bis vor kurzem den Meyerinckplatz allabendlich in rotes Licht tauchten, sind abgeflext, Popcornmaschinen, Kinositze, Lampen und alles andere ist verramscht. Die Kurbel gibt es nicht mehr. Noch existiert die Website des Kinos, aber sie gibt nicht mehr viel her:

Im leeren Schaukasten spiegelt sich die Ankündigung, dass hier nach einem Entwurf des Architekten Christopher von Bothmer der “Umbau von 3 Kinosälen in einem (sic!) Biomarkt und 6 Wohnungen” erfolgen soll. Jemand hat einen eindeutigen Kommentar hinterlassen.

Gegen die Schließung des Kinos hat sich die Bürgerinitiative „Rettet die Kurbel“ formiert. 7500 Unterschriften wurden gesammelt und fast 4000 Unterstützer wurden auf facebook gewonnen. Die Initiative bestreitet, dass das Kino unrentabel sei. Der Betreiber – und Gebäudeeigentümer – habe notwendige Investitionen unterlassen. Bei der Umwidmung gehe es ihm um Profitmaximierung. Unter den teiweise prominenten Unterstützern finden sich unter anderem Berlinale-Chef Dieter Kosslick, der Kunstsammler Peter Raue, Wim Wenders, Rosa von Praunheim ebenso wie eine ganze Riege von Schauspielern wie Otto Sander, Angelika Domröse oder Oliver Kalkhofe. Das Medienboard Berlin-Brandenburg schaltet sich ein, das Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf fordert den Eigentümer auf, die Schließung auszusetzen und ein „Moratorium“ bis zum Sommer 2012 zu akzeptieren um bis dahin eine tragfähige Lösung zu finden. Angeblich gäbe es mehrere Interessenten, die das Kino weiter betreiben wollten.

Der Biosupermarkt Alnatura will in dem Gebäude ab dem Frühjahr 2013 Müsli und Dinkelstangen verkaufen. Aber man hat offenbar kalte Füße bekommen: „Sofern eine Möglichkeit besteht, den Kinobetrieb weiter zu führen, werden wir dem nicht im Wege stehen,” verkündet eine Unternehmenssprecherin.

Der Eigentümer Symcha Karolinski denkt allerdings nicht daran, den Vertrag mit Alnatura aufzulösen. Er fühlt sich zu Unrecht kritisiert. Er habe das Kino 2005 übernommen, weil es keiner wollte, in Eigenregie betrieben und zwei Mal vor der Pleite gerettet. Seine Kritiker hätten lieber öfter ins Kino gehen sollen. Neben 16 großen Multiplexkinos hätte die Kurbel keine Chance mehr gehabt. Die drei Interessenten könnten „ nicht die notwendige Bonität aufweisen“. Gegen das Moratorium stünden die Verträge mit den Baufirmen.

Karolinski plant, das marode Gebäude für mehrere Millionen umfassend zu sanieren. Er spricht von einem sechsstelligen Verlust, den er in den vergangenen fünf Jahren mit dem 600-Sitze-Kino gemacht hat und er fühlt sich von der Initiative genötigt und hat Anzeige erstattet.

Die Räume beherbergen auch schon ein Ladengeschäft, bevor der Architekt Karl Schienemann sie zum Kino umbaut. Unter heftigen Anfeindungen des Inhabers der benachbarten Minerva-Lichtspiele Heinrich Hadekel, eröffnen die jüdischen Betreiber Heinz Grabley und Hanna Koenke 1934 die Kurbel. Bereits 1935 erfolgt der Umbau zum ersten „echten“ Tonfilmkino mit einer speziellen akustischen Dämmung. Im Rahmen dieser Modernisierung werden das markante umlaufende Vordach und viele Lichtakzente geschaffen. Die Betreiber wollen vorwiegend ausgewählte internationale Produktionen in der Originalfassung ohne Untertitel und Synchronisation zeigen. Zwei Jahre später übernimmt Walter Jonigkeit, der später zur Berliner Kinolegende werden soll, die Kurbel. Über die Umstände der Übernahme und das weitere Schicksal der jüdischen Kinogründer konnte ich nichts in Erfahrung bringen.

Jonigkeit gelingt es, das Kino bis in den Krieg hinein weiter zu betreiben. Als es nach Bombenabwürfen Feuer fängt, drückt ihm die unterbesetzte Feuerwehr eine Spritze in die Hand, die er abwechselnd mit einem Freund bedient und so das Kino rettet. Erst gegen Ende des Krieges wird die Kurbel zum Munitionslager zweckentfremdet. Nach der Befreiung lässt Jonigkeit die dort vorgefundenen Panzerfäuste zerlegen. Die ausgebauten Feuersteine sind begehrte Tauschware, mit deren Hilfe das Kino instand gesetzt werden kann.

Schon am 27. Mai 1945 nimmt die Kurbel nach dem Marmorhaus als zweites Berliner Kino seinen Betrieb wieder auf. Jonigkeit hat von einem russischen Unteroffizier, der in einem Pankower Tabakladen ein Filmlager verwaltet, den russischen Film „Um sechs Uhr nach Kriegsende“ ergattert. Der Film ist unübersetzt, aber die Zuschauer kommen.

Von Dezember 1953 bis zum April 1956 läuft in der Kurbel “Vom Winde verweht”. In 2395 Vorstellungen sehen rund 6 000 000 Zuschauer den Film. Die Platzanweiserinnen müssen bei täglich drei Vorstellungen halbjährlich in ein anderes Kino versetzt werden. Sie können die Filmdialoge nicht mehr hören und sprechen fast nur noch in Filmzitaten. Der Straßenbahnschaffner – ja, bis 1967 gab es auch in Westberlin Straßenbahnen – ruft die Haltestelle angeblich so aus: „Ku`damm, Ecke Giesebrechtstraße, Vom Winde verweht – aussteigen“. Jonigkeit macht ein Nebengeschäft mit selbstgemachten Programmheften. Abends sammelt er die abgerissenen Kinokarten auf und verteilt sie in der S-Bahn. „Die Kamera – das Haus des guten Films“ steht drauf. Als bei ihm später die „Die Brücke am Kwai“ läuft, besticht er die Tanzkapellen der Stadt, dass sie recht häufig den River-Kwai-Marsch spielen, und ihm so das Publikum ins Haus zu bringen.

Kassenraum und Foyer erfahren in den 50ern durch Verglasung der Eingangskolonnaden eine großzügige Erweiterung. Im Oktober 1957 kommt es zum Skandal als Jonigkeit das Kino an die FDJ vermietet, die zum 40. Jahrestag der Oktoberrevolution den sowjetischen Film „Peter der Große“ zeigen will. Die Polizei befürchtet eine Störung der öffentlichen Ordnung und verbietet die Veranstaltung.

Die rapide sinkenden Besucherzahlen Anfang der 70er Jahre zwingen Jonigkeit zur Aufgabe der Kurbel. Nach einem kurzen Intermezzo als Pornokino eröffnet das Haus 1974 neu als Off-Kino. Wechselnde Betreiber versuchen sich an Programm- und Arthaus-Kino, ab 1995 werden nur noch Filme in der englischen Originalfassung gezeigt. Nachdem 2001 das Cinestar am Potsdamer Platz beginnt OV-Filme anzubieten, zeigt die Kurbel trotz Besucher-Protesten wieder synchronisierte Fassungen. 2003 geht der letzte Betreiber, die Ufa Theater AG, in die Insolvenz und schließt deutschlandweit 33 Kinos – darunter auch die Kurbel. Anfang 2004 versucht sich ein neuer Betreiber mit einem „One Dollar“-Konzept. Man zeigt für 2,99 Euro Filme, die gerade in den großen Häusern ausgelaufen sind und meldet noch im selben Jahr Konkurs an. Ab Februar 2005 nimmt der Hausbesitzer, der das Gebäude 1993 erwarb, den Filmbetrieb in Eigenregie auf und engagiert Moishe Waks als Geschäftsführer. Nach seinem Tod 2009 wird Tom Zielinski sein Nachfolger.

Tom Zielinski war im Dezember mit dem Verkauf von Technik und Inventar der Kurbel beschäftigt. Auch ich bin an einem Verkaufstag vor Ort, bringe es aber nicht übers Herz, etwas mit nach Hause zu nehmen.

„Vom Winde verweht“ ist der letzte Film, der am 21. Dezember in der Kurbel gezeigt wird. Am 2. Januar 2012 soll der Umbau beginnen.

17
Sep
11

Gasthof zum Grünen Baum in Boitzenburg

“Der Gasthof zum Grünen Baum” ist ein Ort der eher war und sein wird als einer, der ist. Es wird sicher noch einige Jahre dauern, bis man hier logieren kann. Es ist aber möglich, die Auferstehung dieses Ortes zu verfolgen und zu begleiten.

Als es mich vor über sieben Jahren auf der Suche nach einem für meine Hochzeitsfeier geeigneten Ort in die Uckermark verschlug, fiel mir das Gebäude schon beim Vorbeifahren auf und ich entzifferte den an der verwitterten Fassade erhalten gebliebenen Namenszug „Gasthof zum grünen Baum.“ (Der Punkt hinter Baum steht wirklich da). So heruntergekommen wie das Haus aussah, strahlte es dennoch einen eigentümlichen Charme aus. Wäre es ein Mensch gewesen, hätte ich wohl etwas gesagt wie: “Es scheint Dir nicht gut zu gehen, aber ich würde Dich unheimlich gerne kennen lernen. Jetzt lad ich Dich erstmal zu einem anständigen Essen und einem guten Glas Wein ein und dann werden wir schon sehen, wie es weiter gehen kann.”

Ich weiß nicht, wann die Gastronomie eingestellt und das Gebäude dem Verfall anheim gegeben wurde. In den 50er Jahren wurde hier zumindest noch Bier ausgeschenkt. Wie wohl auch schon Jahrhunderte vorher. Die erste Nennung ist auf das Jahr 1772 datiert und im Landeshauptarchiv Potsdam zu finden. Im „Oberkrug“, wie der Gasthof damals noch hieß, legten die Postkutschen auf der Route Berlin-Stettin einen Zwischenstopp ein und wechselten die Pferde.

Eine alte Postkarte lässt vermuten, dass das Haus irgendwann um 1900 den Namen “Gasthof zum Grünen Baum” bekam. Von 1900 bis 1920 führten Albert und Hermine Biss den Gasthof, danach übernahm ihr Sohn Walter mit seiner Ehefrau Gertrud den Betrieb.

Das ältere Gebäude wurde vermutlich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts abgerissen und durch die jetzigen Bauten ersetzt. Während das Hauptgebäude auf einem Feldsteinfundament errichtet wurde, über das sich ein zweigeschossiger Putzbau mit einem Satteldach erhebt, wurde das hofseitige Stallgebäude anderthalbgeschossig aus unverputzten roten Ziegeln gebaut. Im kleinen, straßenseitig gelegenen Biergarten sind die alte Lindenbepflanzung sowie eine kleine Freitreppe und die niedrigen Befestigungsmauern der Terrasse erhalten geblieben.

Am diesjährigen Tag des offenen Denkmals war es nicht nur möglich, sich das Gebäude von innen anzusehen, sondern auch zu erfahren, wie es wiederbelebt werden soll. Im Moment sieht es von innen genau so schlimm aus wie von außen: marodes Gebälk, feuchte Wände, und entfernte Decken und Böden korrespondieren mit glaslosen Fenstern und verwittertem Putz.

Aber der Architekt und Tischler Carsten Frerich und die Grafikdesignerin Ulrike Hesse haben sich des Hauses angenommen. Sie haben den Zustand des Gasthofes von Fachleuten untersuchen lassen und sie wirken kompetent und realistisch genug, dass man davon ausgehen kann, dass sie ihre Pläne umsetzen werden und dem denkmalgeschützten Haus neues Leben einhauchen. Ein Hotel mit zehn Zimmern im Hauptgebäude und drei Appartements im Stallgebäude soll es werden, natürlich mit Gastronomie und Biergarten. Auf ihrer Website – und auf einem gerade entstehenden Blog – kann man die aktuellen Planungen und Entwicklungen verfolgen und sich über die Geschichte des Gasthofes informieren. In einem Glossar lässt sich zudem Wissenswertes über das Boitzenburger Land nachlesen.

Den beiden Instandsetzern kann man natürlich nur allen erdenklichen Erfolg wünschen und einigen anderen maroden Gebäuden in Boitzenburg wünscht man, dass sich Menschen finden, die sich ihrer in ähnlicher Weise annehmen.

Gasthof zum grünen Baum
Templiner Straße 4, 17268 Boitzenburger Land

Mein Beitrag zu Gasthof zum Grünen Baum – Ich bin Stroheim – auf Qype

09
Sep
11

Wer sucht, der findet…

Der Herr Vilmoskörte, Moabit-Papst, hat in der Statistik von WordPress nachgesehen bei welchen Suchbegriffen auf sein Blog geführt wurde und die besten in seinem Blog-Beitrag „Vogel ohne Fleisch…“ aufgelistet. Das musste ich ihm natürlich gleich nachmachen und war dann doch etwas irritiert. Vermutlich waren die Verfasser der folgenden Suchanfragen eher unbefriedigt, als sie hier gelandet sind:

meerschweinchen schlachten

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hat dünnen stuhl abgesetzt

stein- und judenfreier badestrand

scheng schong schang ich kann nicht nicht nicht schlafen

eigenartig

melancholiker

10
Jun
11

Finanzamt Charlottenburg: Hinter die Hausnummer geschaut

Zugegeben, dass Verhältnis zwischen meinem Finanzamt und mir ist nicht das Beste. Ich bin mit meinen Steuererklärungen seit Jahren im Rückstand.

Aber darum geht es mir hier nicht. Es geht um das Gebäude, in dem das Finanzamt Charlottenburg residiert. Basierend auf dem Entwurf der Stadtbauräte Brucker und Kepler wurde es 1939 vollendet. Damals war es das größte Finanzamt Berlins. Es besteht aus einem repräsentativen Haupttrakt in der Bismarckstraße, einem Mittelflügel und einem rückwärtigen Gebäudeflügel in der Spielhagenstraße. Hier machen die Bürofenster heute mitunter geradezu einen schmuddeligen Eindruck.

Insgesamt wirkt das Gebäude eher langweilig und einfallslos. Ein monumentaler Akzent wurde mit der über drei Geschosse reichenden Portalnische am Haupteingang gesetzt. Vier kantige Muschelkalkpfeiler markieren diesen Bereich.

Besucher die hier eintreten, werden unter einem Adlerrelief mit Hoheitszeichen empfangen. Nur wenige Eingeweihte wissen, dass der Adler in seinen Krallen ein Hakenkreuz umklammert, heute lediglich verdeckt von einer Hausnummernleuchte.

Auf facebook gibt es eine Seite, die zur Entfernung des Adlers und des Hakenkreuzes aufordert.

Das wäre der falsche Weg. Natürlich haben damals die Befreier alle Symbole des widerlichen Naziregimes im Boden zerstampfen mögen. Heute kann man solche Relikte nutzen, um Auseinandersetzungen mit Kontinuitäten und Erinnerungen an authentischen Orten zu provozieren. Also weg mit der verdeckenden Leuchte, das Hakenkreuz gezeigt und die Behörde in die Pflicht genommen, wie sie nicht nur ihre Naziarchitektur erklärt, sondern auch drüber informiert, welche Rolle die Finanzämter bei der bürokratisch organisierten Beschlagnahme jüdischen Eigentums gespielt haben.

Das Gebäude liegt an der Ost-West-Achse, die in den Germania-Plänen der Nationalsozialisten für ihre Reichshauptstadt eine zentrale Rolle spielte. Gemeinsam mit der faschistischen Architektur des Finanzamtes bilden die davor platzierten Straßenlaternen ein stimmiges Ensemble. Entworfen hat sie Albert Speer, Hitlers Lieblingsarchitekt und Handlanger, Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt, angeklagt im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof und wegen seiner Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig gesprochen und zu 20 Jahren Haft verurteilt.

Finanzamt Charlottenburg, Bismarckstraße 48, 10627 Berlin

Mein Beitrag zu Finanzamt Charlottenburg – Ich bin Stroheim – auf Qype

20
Mai
11

Friedhof des Zellengefängnisses Moabit

Nur ein paar dutzend Schritte vom geschäftigen Berliner Hauptbahnhof entfernt versteckt sich der Friedhof des Zellengefängnisses Moabit. Präziser: der Teil dieses Friedhofes, in dem die Beamten des Gefängnisses bestattet wurden. Den anderen Teil, auf dem die gestorbenen Gefangenen ihre “letzte Ruhe” fanden, hielt wohl niemand für erhaltenswert und so entstand nach 1955, als der Friedhof geschlossen wurde, auf diesem Areal eine Kleingartenanlage. Hier wird auf Gräbern gegrillt.

Die meisten Grabsteine sind umgefallen, zerstört oder überwachsen. Vor ein paar Jahren hat man den schmiedeeisernen Zaun um die Gräber restauriert. Das Tor ist verschlossen. Einer der wenigen erhaltenen Grabsteine ist der von Ernst Vetter: Hier/ ruhet in Gott/ mein lieber Mann/ und guter Vater,/ der Kgl.Strafanstalt-/ Aufseher/ Ernst Vetter/ * 28.2.1858, + 3.4.1918.

Neben dem Friedhof sind noch Teile der Gefängnismauer und drei Beamtenwohnhäuser übrig geblieben. An der Lehrter Straße erinnert eine Gedenktafel an die Opfer der Nazizeit.

Nach jahrzehntelangen Auseinadersetzungen gibt es seit 2006 nach Plänen von Silvia Glaßer und Udo Dagenbach einen gelungenen Geschichtspark auf dem Gelände des eigentlichen Zellengefängnisses.

Das Gefängnis wurde von 1842 – 1849 von Carl Ferdinand Busse als Kopie des Londoner Gefängnisses Pentonville als preußisches Mustergefängnis errichtet. Die Gefangenen sollten durch strengste Isolation voneinander geläutert werden. In fünf sternförmig angeordneten Flügeln gab es Einzelzellen, die vom Zentralbau aus überwacht wurden. Schweigepflicht, scheuklappenähnliche Mützen, die außerhalb der Zelle getragen werden mussten, Einzelhofgang in 10 qm großen dreieckigen Teilstücken des Hofes (daher kommt die Redensart “im Dreieck springen”) und selbst in der Gefängniskirche Sitze in sargähnlichen Holzkisten, sorgten dafür, dass zahlreiche Gefangene die Flucht in den Wahnsinn oder den Suizid antraten. Folgerichtig wurde 1886 ein Nebengebäude zum Irrenhaus umgebaut.

Noch vor Abschluss der Bauarbeiten wurden die ersten Gefangenen, polnische Freiheitskämpfer, einquartiert. Sie wurden 1848 von Berliner Märzrevolutionären befreit. Prominente Gefangene waren danach Friedrich Wilhelm Voigt, der später als “Hauptmann von Köpenick” ganz groß raus kam. 1878 wurde Max Hödel hier hingerichtet. Er hatte sich an einem Attentat auf den Kaiser Wilhelm I. versucht. Während des ersten Weltkrieges wurden Kriegsgegner und später Teilnehmer der Novemberrevolution inhaftiert. 1933 wurde Erich Mühsam hier eingesperrt. 1940 quartierte sich die Wehrmacht in einem Flügel ein. Der Schriftsteller Wolfgang Borchert saß hier über neun Monate wegen Wehrkraftzersetzung in Einzelhaft. Unter dem Eindruck der Lautsprecheransage des nahen Lehrter Bahnhofs schrieb er das Lied “800 mal Lehrter Straße”. 1941 zog die Gestapo ein. Neben vielen heute vergessenen Antifaschisten war der Sänger und Schauspieler Ernst Busch hier eingekerkert, später zahlreiche Widerstandskämpfer im Umfeld der Attentäter des 20. Juli. In den letzten Kriegstagen wurden 16 politische Gefangene aus ihren Zellen verschleppt und auf dem nahe gelegnen ULAP-Gelände per Genickschuss ermordet. Der junge Kommunist Herbert Kosney überlebte die Hinrichtung schwer verletzt. Ohne diesen Augenzeugen wäre vielleicht auch dieses Verbrechen vergessen. In den Taschen der Leiche des Dichters Albrecht Haushofer fand man die im Gefängnis erstandenen “Moabiter Sonette”.

Nach der Befreiung nutzten die Alliierten das durch Bomben kaum beschädigte Gebäude bis 1955. Zwischen 1946 und 1949 fanden hier mindestens zwölf Hinrichtungen (nach anderen Quellen 48) statt. Als Letzter wurde am 11. Mai 1949 der 24-Jährige Bertold Wehmeyer guillotiniert.

Um Platz zu schaffen für die – zum Glück nie realisierte – Westtangente wurde das Zellengefängnis 1958 abgerissen.

Zum ersten Mal war ich während einer Nachtwanderung im Rahmen einer Geburtstagsfeier einer Kindergartenfreundin meiner mittlerweile über 20-Jährigen Tochter auf dem Friedhof. Abgesehen davon bin ich hier bei meinen Besuchen fast immer wunderbar allein. Ich versuche mir nicht nur die Vergangenheit dieses Ortes vorzustellen, sondern denke auch über den Unterscheid zwischen allein und isoliert sein nach. Auf dem Nachhauseweg bin ich dann immer sehr zufrieden mit meinem bescheidenen Dasein.

Mein Beitrag zu Friedhof des Zellengefängnisses Moabit – Ich bin Stroheim – auf Qype

08
Apr
11

Deutschlandhalle: Das war´s.

Jetzt mal ernsthaft: niemand findet sie schön. Da gibt es höchstens Personen, die einen schon ganz und gar verbrannten Sonntags-Volks-Eintopf noch einmal aufköcheln lassen wollen und behaupten, die Entscheidung, den Kasten zu beseitigen, sei zum einen durch den Gebäudenamen, zum anderen durch den Umstand, dass der (Ver)führer ihrer Großeltern die Halle eingeweiht hat, motiviert. Mit Leuten aus dieser Ecke spiele ich sowieso nicht. Ihnen fehlt jeder ernstzunehmende Sinn für Ästhetik.

Aber an dem Ding klebt die kollektive Berliner Erinnerung.

Im Vorfeld der olympischen Spiele 1936 wird die Halle in der bemerkenswerten Zeit von nur neun Monaten errichtet. Von den Architekten Franz Orthmann und Fritz Wiemer für 10.000 Besucher entworfen, gilt sie als größte Mehrzweckhalle der Welt. Zunächst finden hier Sportveranstaltungen und Massenveranstaltungen der NSDAP statt.

Im Rahmen der Kolonialshow “Ki sua he li” führt Hanna Reitsch 1938 den weltweit ersten Hubschrauber-Hallenflug vor. Sechs Jahre später versucht die Flugenthusiastin Hitler persönlich von ihrer Idee der “Selbstopfer-Flugzeuge” zu überzeugen. Es geht um bemannte Bomben, die in Kamikaze-Art als Selbstmordkommandos operieren sollten, geflogen “von Menschen, die bereit sind, sich selbst zu opfern, in der klaren Überzeugung, dass kein anderes Mittel mehr Rettung bringen konnte,” wie Reitsch in ihrer zuletzt 2001 aufgelegten Autobiografie “Fliegen, mein Leben” schreibt.

1937 findet hier die Weltpremiere von “Menschen – Tiere – Sensationen” statt. Im Januar 1943 machen, während einer ausgebuchten Aufführung dieser Show, britische Bomben das Gebäude zum ersten Mal platt. Bemerkenswerterweise sterben dabei weder Menschen noch Tiere. Von der Halle selbst bleiben allerdings nur Rudimente übrig. Bereits 1949 beschließt der Magistrat von Gesamt-Berlin den Wiederaufbau, allerdings finanziert mit privatem Kapital. Die Wiedereröffnung findet erst 1957 statt.

Es folgen Auftritte der Rolling Stones und von Queen mit Freddie Mercury und dem “British Tattoo” mit der Queen als Besucherin, die der Legende nach ihr eigenes mobiles Klosett mit brachte. Dire Straits, Police, Prince, Tina Turner, Udo Jürgens, die Berliner Philharmoniker, Bob Dylan, New Kids on the Block, Boxkämpfe und Kirchentage, Willy Brandt führt durch Knopfdruck das Farbfernsehen ein, Peter Gabriel, die Fantastischen Vier, die Gründung von “Brot für die Welt” und Jimi Hendrix, Holiday on Ice und Johnny Cash, Herbert Grönemeyer und Sechstagerennen, Muhammad Ali, Santana, Harry Belafonte….

Klaus Kinski. 1971. “Jesus Christus Erlöser”. Das Genie verspricht die “erregendste Geschichte der Menschheit” zu erzählen, von einem der “furchtlosesten, freiesten, modernsten aller Menschen, der sich lieber massakrieren lässt, als lebendig zu verfaulen.” Premiere in der Deutschlandhalle. Es kommt zum Eklat, als ein Zwischenrufer seine Vorstellung eines duldsamen Jesus darstellt. Kinski explodiert.

Obwohl ich von je her eher kleine Hallen bevorzuge, bin ich mir doch sicher, Anfang der 80er mindestens ein Konzert in der Deutschlandhalle besucht zu haben. Aber im Gegensatz zu den überschaubaren Konzerten, will sich eine konkrete Erinnerung an die Bands in der Deutschlandhalle nicht einstellen. Aber Trost kam ja schon aus berufenem Munde: Wer sich an die 80er Jahre erinnern könne, habe sie nicht wirklich erlebt…

Ohne es zu wissen, kennen viele die Deutschlandhalle aus der Verfilmung von “Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo”. Hier spielt David Bowie life seinen Song “Heroes”. Ein Lied inspiriert von einem Paar, das sich Tag für Tag ausgerechnet bei einer Bank unter einem Wachturm an der Berliner Mauer traf und Bowie während seinen Aufnahmen in den Hansa-Tonstudios auffiel. “Die Mauer im Hochen(?) wird kalt.”

Drei Tage, nachdem die Mauer dann tatsächlich fällt, gibt es noch einmal ein legendäres Konzert in der Halle. Das elfstündige Rockkonzert soll Jugendliche aus der DDR willkommen heißen. BAP, Pankow, Ulla Meinecke, Konstantin Wecker, Silly, Udo Lindenberg, Joe Cocker, Melissa Etheridge und etliche andere sind dabei. Die wunderbaren 3 Tornados haben ihren letzten Auftritt. “Set me free. Konzert für Berlin 12. November 1989″ heißt die filmische Dokumentation von Holger Senft.

Der letzte Zustand der Deutschlandhalle, die braugetünchten Außengänge, die abgestoßenen Ecken allerorten, die altersschwachen Sitze, erinnern an einen überdimensionierten Partykeller, übrig geblieben aus der Zeit, als man eben Partykeller hatte. Die Akustik galt immer als grauenhaft.

1998 beschließt der Senat, es solle Schluss sein mit Musikveranstaltungen. 2001 wird die Halle für den Eissport umgebaut und beherbergt, nach dem Abriss der Eissporthalle Jafféstraße, diverse Clubs aus dieser Sparte.

Der Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf versucht den Abriss zu verhindern. Der Senat zieht das Verfahren an sich. Die Halle sei weder “technisch noch wirtschaftlich zu betreiben” meint unsere Stadtentwicklungssenatorin. Die Entscheidung des Abrisses ist gekoppelt an die Entscheidung, das ICC zu sanieren. Der Abriss soll im Laufe des Jahres 2011 erfolgen. Die landeseigene Messegesellschaft errichtet auf dem Areal eine neue Messehalle.

Das war es dann.

Adresse: Messedamm 26, 14055 Berlin

17
Mai
10

Ein Zug will erinnern. Die Bahn will es nicht.

Der „Zug der Erinnerung“ ist wieder in Berlin. Nach den Stationen in Berlin-Grunewald und Spandau steht er nun in Berlin-Schöneweide. Dort hat die Bürgermeisterin von Treptow-Köpenick eine Einladung ausgesprochen. Das Bezirksarchiv beteiligt sich an der Spurensuche nach den Deportierten, das Schulamt wirbt um den Besuch von Jugendlichen. Schöneweide ist die vorletzte Berliner Station. Zum Fahrtabschluss in der Bundeshauptstadt wird der Zug im zentralen Bahnhof Friedrichstraße (Mitte) stehen.

Der „Zug der Erinnerung“ gedenkt der Kinder und Jugendlichen, die während der Nazizeit mit der Deutschen Reichsbahn in Konzentrationslager transportiert wurden. Das staatliche Bahnunternehmen verschleppte etwa 3 Millionen Menschen, darunter eine Million Kinder und Jugendliche. “Wir wollten nicht das Grauen der Deportationen zeigen, die Leichen. Sondern die Hoffnung der Kinder auf Leben”, sagt Hans-Rüdiger Minow, Vorsitzender des Vereins “Zug der Erinnerung”. In knappen Biografien bekommen die Gesichter einen Namen und eine Geschichte. Sie endet beinahe immer tödlich: in Auschwitz, Treblinka, Theresienstadt und anderen Konzentrations- und Vernichtungslagern. Nur Wenige haben das Grauen überlebt. Die Rechtsnachfolgerin der Reichsbahn, die Bundesbahn und nach 1993 Deutsche Bahn sperrt sich gegen Gespräche mit den Überlebenden Auch ein Schreiben ehemaliger Deportierter an Verkehrsminister Ramsauer (CDU) ist seit November letzten Jahres unbeantwortet. Umgerechnet 445 Millionen Euro soll die Reichsbahn bis 1945 mit dem Transport in die Konzentrationslager verdient haben. Geld, das die SS den Deportierten abgenommen und pauschal pro Person und Kilometer an die Bahn weitergereicht habe. Die Deutsche Bahn berechnet dem „Zug der Erinnerung“ rund 1000 Euro für jeden Tag, an dem die Initiative die Gleise nutzt. Er wird behandelt wie irgendein Gütertransport. Schon 2008 hatte die Deutsche Bahn mit Hinweis auf die betrieblichen Abläufe immer wieder die Einfahrt des Zuges an großen Bahnhöfen Berlins verwehrt oder verzögert.

Möglicherweise hängt es damit zusammen, dass in einem Waggon auch die Geschichte der Täter erzählt wird, die häufig ihre Karrieren nach der Befreiung nahtlos fortsetzen konnten.

Schöneweide: Montag, 17. Mai bis Mittwoch, 19. Mai
jeweils 8:30 Uhr bis 19:00 Uhr
Friedrichstraße, Gleis 2: Donnerstag, 20. Mai bis Freitag, 21. Mai
jeweils 8:30 Uhr bis 19:00 Uhr
http://www.zug-der-erinnerung.eu/

31
Mar
10

Wie ich einmal meinen selbst erteilten Bildungsauftrag am Bahnhof Westhafen erfüllte

Der Berliner U-Bahnhof Westhafen wurde im Jahr 2000 nach Entwürfen der Künstlerinnen Francoise Schein und Barbara Reiter sehr ansprechend umgestaltet. Während die Wände des U-Bahnsteigs die Erklärung der Menschenrechte wiedergeben, geht es im Übergang zur S-Bahn zweisprachig um die Erfahrung, die der Dichter Heinrich Heine während seines Exils in Frankreich machen musste. Genauer um die Schwierigkeiten, die die Franzosen mit der Aussprache seines Namens hatten. Von Monsieur Heinrich Heine über Monsieur Henri Heine, Monsieur Enri Enn, Monsieur Enrienne zu Monsieur Un Rien (= ein Nichts). Die Berliner Verkehrsbetriebe haben wohl eher ein pragmatisches Verhältnis zur Kunst. Einzelne Zeilen sind nicht mehr lesbar, weil man ein Telefon und einen Geldautomaten davor montiert hat. Das ist kundenfreundlich, denkt sich der Herr BVG-Entscheidungsträger. Das ist serviceorientiert, denkt sich der Herr BVG-Entscheidungsträger und dass es einerlei sei, ob damit der ganze Text nicht mehr funktioniere. Wenn ein modernes Unternehmen hobelt, fallen eben Späne, denkt er und dass die Fahrgäste mit diesem Heine eh nichts anzufangen wissen.

Gestern trat das vom Herrn BVG-Entscheidungsträger imaginierte Zielpublikum in meine Realität. Drei männliche Jugendliche, leicht alkoholisiert, kurzhaarig, teils mit so komischen Deppencaps verunstaltet, die wohl cool wirken sollen, wenn man sie so klein wählt, dass sie gar nicht auf die Hohlköpfe passen können. „Ey wir sin hier in Doitschland, wieso steht hier kein Doitscher?“ gröhlte es aus einem der Hohlköpfe. Ich befand mich in einer Laune, die mich dazu bemüßigte auf den Schreihals zu reagieren: „Heinrich Heine war Deutscher. Es gibt eben auch Deutsche, die Fremdsprachen beherrschen, wenn auch sicher nicht in Eurem Bekanntenkreis.“ Ja, ich weiß, dass das arrogant, überheblich und vielleicht auch ein bisschen gefährlich war, aber auf die Schnelle fiel mir nichts Besseres ein. Die drei schauten sich verwundert an, schauten mich verwundert an. Man sah, wie ihre kleinen Hirne arbeiteten und eine passende Reaktion auf diese Situation zu finden versuchten. Zuschlagen? Irgendetwas erwidern? Nur was? Schließlich zogen sie wort- und reaktionslos weiter. Bildungsauftrag für heute erfüllt, dachte ich.

Jetzt muss ich nur noch irgendwie auf den Herrn BVG-Entscheidungsträger treffen. Dann erfülle ich meinen selbst erteilten Bildungsauftrag auch an ihm.

Mein Beitrag zu U-Bahnhof Westhafen – Ich bin Stroheim – auf Qype

31
Mar
10

Ja, der Frühling, der Frühling, der Frühling ist hier!

Unerträgliches Gejubel und Gezwitscher allerorten: „Juchee, Juhei, der Frühling kommt, endlich!“ Dabei ist nichts weiter passiert als dass die alljährlichen Temperaturschwankungszyklen den letzten Schnee haben weg schmelzen lassen und der angesammelte Dreck darunter zum Vorschein kam. Ja, oh Wunder, Blumen fangen an zu sprießen und Zugvögel kommen wieder. Hätte Irgendjemand erwartet, dass es dieses Jahr ausbleibt?

Und mal ehrlich, es gibt wohl kaum ein armseligeres Bild, als einsame Stiefmütterchen oder Krokusse, die durch eine steril begradigte Oberfläche brechen um ihr kurzes und unnützes Erdendasein zu durchlaufen. Trost spendet mir immerhin ein wunderschönes Lied des Altmeisters Georg Kreisler, das mir seit Tagen nicht aus dem Kopf will.

20
Feb
10

Die Vorläufer von DiCaprio und Cameron. In der Berliner Chausseestraße wurde der erste Titanic-Film gedreht

Die Nachbarschaft ist historisch prominent. Gegenüber steht das Borsighaus, in dem bis 1945 die Verwaltung des Unternehmens seinen Sitz hatte. Zur Linken liegt das Brechthaus, und zur Rechten befindet sich eine ewige Baugrube. Hier hatte einst Karl Liebknecht seine Rechtsanwaltspraxis. In diesen Räumen wurde am 1. Januar 1916 der Spartakusbund gegründet. Kaum jemand weiß, dass auch das Haus in der Chausseestraße 123 eine bemerkenswerte Geschichte erzählen kann. Hier lassen sich Anfänge der Berliner Filmproduktion verorten. Bereits zwei Monate nach dem Untergang der Titanic wurde hier im Juni 1912 die erste Verfilmung der Katastrophe realisiert.

Das langgestreckte Wohn- und Geschäftshaus wurde 1896 von dem Architekten und Zimmermeister Carl Galuschki errichtet. In der Vorderhausfassade aus rotem Sandstein vereinigen sich Elemente verschiedener Epochen. Der Jugendstil dominiert. Die Vorderhausdurchfahrt mit farbig glasierten Fliesen nimmt die Gestaltung der beiden Innenhöfe vorweg. In einem ehemaligen Fotoatelier unter einem Glasdach im Dachgeschoss arbeitet hier der Filmpionier, Technikfreak und Kameramann Guido Seeber mit der Deutschen Bioscop GmbH seit 1909. Unter anderen entstehen hier die ersten acht großen Filme des Stummfilmstars Asta Nielsen, ehe das Unternehmen neue Produktionsstätten in Potsdam-Babelsberg errichtet. Von 1912 bis 1918 hatte die Continental-Filmkunst in der Chausseestraße 123 ihren Sitz.

Die erste Verfilmung des Titanic-Untergangs trägt den Titel: „In Nacht und Eis“. Buch und Regie stammen von Mime Misu, der rumänischer Abstammung war, sich aber auch gerne mal als Amerikaner ausgab. Er agiert auch noch als Darsteller des heroischen Kapitän Smith. Die Kamera führte u.a. Emil Schünemann, der später oft mit Fritz Lang arbeitete. Gedreht wurde an der Ostseeküste, am Grüpelsee in Königs Wusterhausen, wo ein von leeren Bierfässern getragenes Modell Dampf speiend untergehen musste, und eben im Hinterhof der Chausseestraße 123. Ein Reporter des Berliner Tagblattes berichtete über die Dreharbeiten: „Aus den Fenstern der Hinterzimmer sehen, halb neugierig, halb ängstlich, die Mitbewohner auf das seltsame Treiben da unten. Also ein „Aufbau“ wie auf jeder Bühne, nur plein air. Auf die Leinwand ist die Dekoration des Kesselraums gemalt, wirkliche Manometer und wirkliche Luken, durch die dann Dampf und Feuer kommen wird (…) Wirkliche Kohlen werden zugeschaufelt und starke Männer stehen rechts und links von der mit Segeltuch überdeckten Szene, an Riesenfässer gelehnt, aus denen Sturzwellen fließen werden. Ein paar halbnackte Gesellen, berußt, naß, mit wirrem Haar, warten auf das Zeichen des Regisseurs, um die Verzweiflungs-Botschaften des Kapitäns zu vernehmen, der, mit angeklebtem weißem Spitzbart natürlich, im marineblauen Rock inzwischen noch mit den Kurbelmännern an den kinematographischen Apparaten berät. Dann geht´s an. Durch eine nicht allzu komplizierte mechanische Vorrichtung wird die ganze Bühne ins Schaukeln gebracht. (…) Die Komödianten waten über die nasse Leinwand, wälzen sich in den Kohlen, taumeln und fallen in den Maschinenraum, der Kapitän schreit und reißt mit verzweifelten Gebärden an einem Heizer herum, der im Wasser schwimmt. (…) Ein paar Augenblicke war´s wirklich sehr aufregend. Jetzt wird abgebaut. Der Briefträger geht durch den Chausseestraßenhof, über den die Wellen der „Titanic“ eben in den Abflußkanal strömen.“

Neben dieser Schilderung der Dreharbeiten, bleiben noch drei Zensurkarten von „In Nacht und Eis“ erhalten. Auf diesen Karten wurden die einzelnen Szenen eines Films festgehalten und vermerkt, ob es behördlicherseits Einwände gegen die Vorführung gab. Der Film selbst galt als verschollen, bis 1998 eine 16-Milimeter-Kopie im Archiv eines privaten Sammlers auftauchte. Weltweit 80 Prozent aller Stumm- und frühen Tonfilme aus der Zeit zwischen 1895 und 1930 gelten als verschollen. Der bis in die 50er Jahre übliche Nitrofilm war extrem leicht entflammbar. Feuer zerstörte viele Kinos, Lagerräume und Filmarchive. Beispielsweise brannte 1937 ein Lagerraum von Fox Pictures nieder und mit ihm alle vor 1935 gedrehten Negative. Bei falscher Lagerung zersetzen sich Nitrofilme, genau wie die von Kodak 1940 auf den Markt gebrachten Acetatfilme.

Die meisten verschwundenen Filme wurden jedoch absichtlich zerstört. Abgenutzte Kopien und Filme wurden von den Studios eingeschmolzen, um den enthaltenen Silberanteil zu gewinnen. Mindestens dreimal gab es Vernichtung im großen Stil: Um 1915, als Langfilme zur Norm wurden, zerstörte man zahlreiche, nicht mehr auswertbare Kurzfilme. Ende der 20er, als der Tonfilm sich durchsetzte, wurden Massen von Stummfilmen vernichtet. Vieles, was diese Säuberungen überstand, wurde dann ab den 40ern vernichtet, als man ausgesuchte Nitrofilme auf nichtbrennbares Material kopierte und den Rest aus Sicherheitsgründen vernichtete.

Aber zurück zur Chausseestraße. Die Continental-Studios drehten dort noch zahlreiche Filme, u.a. mit Harry Piel, dem legendären Detektivdarsteller, und mit dem populären Regisseur Jo May. Nach dem Ende des 1. Weltkriegs übernimmt die Argus-Film GmbH die Räume. Der junge Ernst Lubitsch dreht in der Chausseestraße wiederum mit Asta Nielsen. Später hatten hier kleinere Filmfirmen ihren Sitz. 1922 residierte in dem Gebäude beispielsweise eine Nobody Film GmbH. 1938 zieht die Werkzeug-Handels-Abteilung und die Betriebskrankenkasse der AEG ein. Zu DDR-Zeiten war hier die Konzert- und Gastspieldirektion Berlin untergebracht und nach der Wende für ein paar Jahre der Museumspädagogische Dienst. In den 90ern erledigte ich für letzteren auch einige Jobs. Von meinem Bürofenster aus konnte ich über den Hinterhof auf die Friedhöfe der Dorotheenstädtischen und Friedrichswerderschen Gemeinden sehen. Gerüchteweise hörte ich von dem ehemaligen Filmatelier, aber es war unmöglich einen Blick in die Räume zu werfen, da sie baupolizeilich gesperrt waren. Das Gebäude wurde 2008 von einem privaten Investor saniert. Heute befinden haben sich hier überwiegend Werbeagenturen eingemietet. Die renommierte Akademische Buchhandlung Paul Schober, die einige Jahrzehnte im Vorderhaus ansässig war, musste 2002 schließen. Einen Nachfolger gibt es bisher nicht.





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