Archiv der Kategorie 'Augenzeuge - Ohrenzeuge'

23
Sep
09

Was nicht in den Geschichtsbüchern steht: Die 3. Welt im 2. Weltkrieg

Nur noch wenige Tage gibt es die Möglichkeit die Ausstellung „Die dritte Welt im zweiten Weltkrieg“ anzuschauen. Man kann sie mit zahlreichen Ton- und einigen Filmexponaten in den Uferhallen und in abgespeckter Form in der Werkstatt der Kulturen sehen.

Die Ausstellung, konzipiert von dem Verein Africavenir, dem Verein Recherche International und dem Kölner Journalisten Karl Rössel, hatte im Vorfeld für einige Aufregung gesorgt. Offensichtlich hatte sich Philippa Ebéné eine vollkommen andere Ausstellung vorgestellt. Sie wollte „eine Hommage an die gefallenen POCs (People of Colour), die Deutschland vom Faschismus befreiten.“ Warum es in Vorfeld nicht möglich war, sich darüber zu verständigen, dass es sich hier offenbar um zwei gewaltig voneinander abweichende Konzepte handelte, ist kaum nachvollziehbar. Die Motivation Ebénés erschließt sich aus einem Artikel der Jungle World. Hier findet sich auch ein Interview mit Karl Rössel. Die gegenseitigen Unterstellungen und Vorwürfe der Zensur, des Eurozentrismus, Rassismus und Antisemitismus etc.- gerne auch von dritter Seite – waren so absurd wie schädlich. Haben der Ausstellung aber immerhin reichlich Aufmerksamkeit beschert.

Sicher ist die Ausstellung reichlich textlastig, aber sie ist ein Meilenstein. Erstmalig wird hier ein vergessenes Kapitel der Geschichte thematisiert, die Folgen des Zweiten Weltkrieges für Afrika, Asien, Ozeanien und Lateinamerika. Eine Fülle von Einzelaspekten der verschiednen Regionen, die das Interesse weckt, sich intensiver damit zu beschäftigen, wird präsentiert. Absolut sehenswert!

Mein Beitrag zu Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg – Ich bin Stroheim – auf Qype

08
Sep
09

Peter Eichhorns Berlinbetrachtungen

Es macht mich richtig wütend! Wütend auf mich selbst, dass ich bisher erst eine Stadtführung von Peter Eichhorn besucht habe. „Kleiner Mann was nun? Alt-Moabit am kleinen Tiergarten“ nennt er die Tour, nach dem Buch von Hans Fallada von 1932, das zeitlich in der Weltwirtschaftskrise und räumlich teilweise genau hier spielt (und übrigens vier Mal verfilmt wurde).

„Über Moabit werde ich wohl kaum Neues erfahren“, dachte ich im Vorfeld, denn nirgendwo auf der Welt habe ich länger gelebt als hier. Aber Neese, was der Herr Eichhorn an historischen Fakten und Anekdoten über das Gebiet zwischen Spreebogen und Arminius-Markthalle zum Besten gab, hat mich dann doch beeindruckt. Es ging von den frühen Berliner Unternehmern August Borsig und Carl Bolle bis in die Gegenwart zu Ernst Freiberger, um Tucholsky, Lenin und die Brüder Sass…

Bemerkenswerterweise war nicht nur ich ganz gefesselt, sondern genauso die mitgeschleifte Familie, samt Schwiegermutter, präpubertärer Tochter und der Twen-Nichte der Liebsten, sonst eher beim Shoppen auf dem Ku´damm anzutreffen. Als wir hinter der Arminius-Markthalle zum Ende kamen, hatten alle das Gefühl, man könne jetzt in jede beliebige Richtung beliebig lange weitergehen und der Herr Eichhorn würde einfach fortfahren uns an dem Fundus seiner Berlinkenntnisse teilhaben zu lassen.
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„Metropole des Verbrechens – Berlin auf Gangsterjagd“ und „Auferstanden aus Ruinen – Die Stalinallee“ heißen die Führungen, die mich im Moment am meisten interessieren. Gerade plane ich übrigens zusammen mit Peter Eichhorn unsere Betriebsweihnachtsfeier. Denn seine kulinarische und gastronomische Kompetenz steht seiner historischen in Nichts nach. Das hat er gerade mit seinem Buch (zusammen mit Thomas Götz) „Berlin beißt sich durch“, zum Preis von 14,90 Euro erschienen im Grebennikov Verlag (ISBN 9783 9417 84017), bewiesen. Ein Muss für Berlinbesucher, aber auch Einheimische treffen hier auf alt bekannte Klassiker genauso wie auf neue Ausgehtipps. Das Ganze ist erfrischend gegliedert und mit wundervollen Fotos illustriert.

Alle Stadtführungen unter: http://www.berlinbetrachtungen.de/

Mein Beitrag zu Peter Eichhorn Berlinbetrachtungen (Stadtführungen) – Ich bin Stroheim – auf Qype

28
Aug
09

Vergessene Befreier, vorauseilender Gehorsam und Kollaborateure, an die nicht erinnert werden soll

Pünktlich zum Jahrestag des Überfalls auf Polen, also dem Beginn des 2. Weltkrieges, kann man in Berlin die Ausstellung „Die 3. Welt im 2. Weltkrieg“ sehen. Ich persönlich bin zunächstmal allen, die Deutschland vom Hitlerfaschismus befreit haben, sehr dankbar. Ich mag mir gar nicht vorstellen, welches Leben ich hätte führen müssen, wenn die Nazis nicht bedingungslos hätten kapitulieren müssen.

Bis ich einigen alten Weltkriegveteranen in Ghana begegnet bin, hatte ich mir nie vergegenwärtigt, dass viele der Befreier aus Afrika und Asien kamen. „Die 3. Welt stellte im 2. Weltkrieg mehr Soldaten als Europa und hatte mehr Kriegsopfer zu beklagen als Deutschland“, heißt es in der Ankündigung der Ausstellung. Sie wird von wissenschaftlichen Vorträgen begleitet. Der Historiker Raphael Scheck wird über „Hitlers afrikanische Opfer“ sprechen, Professor Kum’a Ndumbe aus Kamerun über die Kolonialpläne der Nazis und der Schriftsteller Peter Finkelgruen über das jüdische Ghetto von Shanghai.

Die Ausstellung sollte in der „Werkstatt der Kulturen“ in Neukölln gezeigt werden. Dort wird alljährlich der „Karneval der Kulturen“ organisiert und zahlreiche andere spannende Veranstaltungen, die den Horizont über den eigenen kulturellen Tellerrand erweitern.

Doch kurzfristig sagte die Werkstattleiterin Philippa Ebéné ab. Die vom Kölner Journalisten Karl Rössel konzipierte Ausstellung dokumentiert den antifaschistischen Widerstand, aber auch die Kollaboration mit den Nazis, die es in Asien, Afrika und Lateinamerika gegeben hat. Der Streit zwischen Ausstellungsmacher Rössel und Werkstattleiterin Ebéné entspann sich um die Gewichtung, die der Kollaboration in der Ausstellung beigemessen wird. Während Ebéné nach ihrer Darstellung eine Ausstellung haben wollte, die den Kampf Nichtweißer gegen den Nationalsozialismus würdigt, wollte Rössel auf die Darstellung der Kollaborateure nicht verzichten. Konkret ging es wohl um zwei von 96 Tafeln. Eine befasst sich unter der Überschrift „Palästinenserführer und Kriegsverbrecher“ mit der Rolle von Hadsch Amin al Husseini, dem obersten Repräsentanten Palästinas, Mufti von Jerusalem. Bereits 1937 hatte er dazu aufgerufen, muslimische Länder „judenfrei“ zu machen. Von 1941 bis 1945 lebte er in Berlin, pflegte freundschaftlichen Umgang mit Hitler und gründete eine muslimisch-bosnische SS-Division. Eine zweite Tafel benennt die „Sympathisanten der Faschisten im Nahen Osten“, etwa Ägyptens König Faruk. Es gibt übrigens auch eine dritte Tafel, die „Arabische Retter“ würdigt, die Juden vor dem Tod bewahrten.

Diverse Vermittlungsversuche haben nicht gefruchtet. Die Ausstellung wird jetzt im Wedding gezeigt.

Warum dürfen arabische NS-Kollaborateure und Kriegsverbrecher in der „Werkstatt der Kulturen“ nicht beim Namen genannt werden? Ebéné ist keine Antisemitin. Im letzten Jahr hat sie auf einen jüdischen Redner bei der jährlichen arabischen Kulturwoche bestanden. Daraufhin sagten die Veranstalter, Berliner arabische Vereine, die komplette Veranstaltung ab. Vielleicht war es diese Erfahrung, die sie jetzt motivierte? Letztendlich drängt sich der Eindruck auf, hier wurde in vorauseilendem Gehorsam Rücksicht auf die arabische Community genommen, mit der es sich die „Werkstatt der Kulturen“ nicht verderben wollte. Das erscheint feige und bevormundend. Wenn Teile des Klientels der Werkstatt Probleme mit der auszustellenden Darstellung gehabt hätten, wäre es ein wunderbarer Anknüpfungspunkt für einen interkulturellen Dialog gewesen. Im Übrigen gibt es auch Araber, die sich kritisch mit arabischer Geschichte auseinandersetzen. Die sind offenbar der „Werkstatt der Kulturen“ egal. Nazi-Kollaborateure hat es überall auf der Welt gegeben. Mittlerweile ist es auch kein historisches Tabu mehr, sich sogar mit jüdischen Kollaborateuren – welche Beweggründe sie auch immer gehabt haben mögen – zu beschäftigen. Die „Werkstatt der Kultutren“ hat einer offenen Auseinandersetzung zwischen den Kulturen einen Bärendienst erwiesen.

Mehr über die Ausstellung unter: www.3www2.de und www.africavenir.org.

Die Ausstellung mit einem umfangreichen Begleitprogramm findet vom 1. – 20. September 2009 in den Uferhallen, Uferstr. 8 – 11, 13357 Berlin Wedding statt

13
Mai
09

Cannes kann nicht Alles sein!

Die Eröffnung des Jugendmedienfestivals REC in der Weißen Rose in Schöneberg hat Lust auf mehr gemacht. Wer immer ein Quäntchen Zeit bis Sonntag erübrigen kann, sollte prüfen, ob er die vielleicht nutzen kann, um wenigstens ein paar Filme der Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu sehen, die auf dem Programm stehen. Im Idealfall kommt man ins Gespräch mit den Filmemachern aus Korea, Irland, Ungarn oder sonst wo her. Kontakt zu jungen Menschen hält jung. Eine wunderbare Atmosphäre, die man hier erlebt. Hingehen! Ansehen! Wer diese Kleinod verpennt, wird sich später fragen lassen müssen, wofür er sich überhaupt in der ersten Dekade diese Jahrtausends interessiert hat!

Mein Beitrag zu Jugendmedienfestival Berlin – Ich bin Stroheim – auf Qype

12
Dez
08

Verbrechen und Strafe

Im Rahmen der Spielzeit´europa zeigen die Berliner Festspiele als Deutschlandpremiere Dostojewskis Klassiker „Schuld und Sühne“ in der Fassung von Andrea Breth. Da die gezeigte Produktion der Salzburger Festspiele auf der Neuübersetzung Swetlana Geiers von 1994 basiert, heißt es jetzt „Verbrechen und Strafe“.

Ein fünfstündiges Theaterstück – inklusive zweier halbstündiger Pausen – ängstigte mich im Vorfeld etwas. Doch die fünf Stunden haben sich gelohnt, das Stück hat zwar eine ordentliche Länge aber keine Längen. Die erste Hälfte des Stückes wo teilweise Gedachtes, Geträumtes, Geschriebenes und Reales in kurzen clipartigen Szenen, die getrennt durch grelle, das Publikum blendende Schweinwerfer, gezeigt werden, erschließt sich wohl kaum, ohne Kenntnis der Romanvorlage. Nach der ersten Pause wird es konventioneller, nahezu klassisch und immer sehr dicht am Text Dostojewskis.

Der Langzeit-Jurastudent Raskolnikov, der sich mit dem Mord an einer Pfandleiherin von der armseligen Masse abheben will, aber sich damit in tiefe Verwirrung und Einsamkeit stürzt, wird von Jens Harzer in einer schnoddrig-nöhlenden Art verkörpert, die man nicht so schnell vergisst. Nicht weniger beeindruckend Sven-Eric Bechtolf als morallos-dekadenter Gutsbesitzer, Udo Samel als väterlicher Untersuchungsrichter, Marie Burchard als Dunja, Raskolnikovs Schwester und Wolfgang Michael als ihr schmierig-verklausulierter Verlobter.

Die Regisseurin Andrea Breth, von 92 bis 97 künstlerische Leiterin der Berliner Schaubühne, hatte die beauftragte Bühnenfassung des bulgarisch-österreichischen Autors Dimitré Dinev verworfen und eine eigene geschrieben. Sie stellt den Ekel an der Welt des jungen Raskolikovs in den Mittelpunkt, die spätere Läuterung in einem sibirischen Straflager, bleibt außen vor.

Die mystisch-düsteren Bühnenbilder von Erich Wonder wirkten teilweise grottenartig, ausweglos, teilsweise als zögen sie sich bis zum Horizont, ohne Begrenzung. Sie erinnern an Alfred Kubins Dostojewski-Illustrationen. Sehr beeindruckend – zumindest von meinem billigen Platz in einer der hinteren Reihen auf dem Rang.

Die "dunkle Dramatisierung von Dostojewskis Roman durch Regisseurin Andrea Breth" sei "nur für Ignoranten zu langsam", urteilt Norbert Mayer in der Wiener Presse, sie sei "in ihrer psychologischen Raffinesse packend bis zum Schluss, fast wie das Original.“ Da schließe ich mich an.

Mit der Uraufführung des Stückes wurden im Juli 2008 die Salzburger Festspiele eröffnet. Dort wird es auch im Sommer 2009 wieder zu sehen sein. In Berlin läuft es noch am 12. und 13. Dezember 2008.

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09
Dez
08

Markt der Kontinente

Es ist schon ein Weihnachtsmarkt der etwas anderen Art. Wer auf Edel-Ethno-Kitsch steht, kommt hier sicherlich auf seine Kosten. Wer seinen Weihnachtsbaum dieses Jahr mal ganz anders behängen will, wird auch fündig. Zwischen Gewirktem, Gedrechseltem, Gewebtem, Geschöpftem, Geschnitztem, Geblasenem, Gebatiktem, Geflochtenem, Geschmiedetem, Gemanschtem, Gepanschtem und Gefrickeltem gab es allerdings auch einige Kunstwerke und Antiquitäten, die dann allerdings auch ihren Preis hatten. Meine persönlichen Favoriten waren Wunderseifen aus Mexiko (siehe Foto), die dem Anwender den Angebeteten oder einfach viel Geld bringen sollen. Bei nur 2,50 Euro pro Stück wäre das ja eine sinnvolle Investition. Auf Nachfrage gab die Verkäuferin aber zu, dass sie sie leider noch nicht ausprobiert hätte und deshalb keine Aussage über die Zuverlässigkeit dieses Produktes treffen könne. Toll fand ich auch eine Schreibtischlampe, gefertigt aus Altblech (siehe anderes Foto). Zahlreiche Nord-Süd-Vereine waren präsent und versuchten u.a. über schädliche Kinderarbeit aufzuklären. Es sollte mich wundern, wenn viele der daneben angebotenen Waren, gerade im Billigbereich, nicht von klitzekleinen Kinderhänden gefertigt gewesen sein sollten.

Unsere Kinder durften asiatische Stockpuppen bauen und waren ganz stolz darauf, von Radio Multikulti interviewt worden zu sein, noch kurz bevor der Sender abgewickelt werden wird. Die Erwachsenen besuchten die Führung „Nächtliche Zweisamkeit – Paardarstellungen in der Asiatischen Kunst“. Das versammelte Bildungsbürgertum lechzte. Aber das Gebotene war dann sehr unerotisch und didaktisch und rhetorisch wenig mitreißend. Das Musikprogramm war interessant, sofern man asiatischer Musik etwas abgewinnen kann.

Erwachsene, die den Markt besuchen, zahlen den regulären Museumseintritt von 6 Euro, dürfen dann aber auch alle drei Museen am Ort ansehen und die Bastelworkshops für die Kinder sind umsonst. Solche Veranstaltungen sind ein legitimer Versuch die Massen in die Dahlemer Museen zu locken. Die üblichen Besucherzahlen werden nämlich dem, was es hier zu entdecken gibt, kaum gerecht. Nachhaltiger Erfolg wird sich aber erst einstellen, wenn die Konzepte der ständigen Ausstellungen spannender werden.

Wir waren beim Asienwochenende. Am 13. und 14. Dezember ist dann noch Amerika dran.

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03
Sep
08

Tag der offenen Moschee

Die Führung durch die Moschee hat sich gelohnt, allein schon weil unserer Familie klar wurde, wie wenig wir eigentlich über den Islam wissen. Ein junger Mann führte uns durch alle Räume, erklärte, was dort so passiert und was das Gemeindeleben ausmacht. Neben den Gebetsräumen für Männer und Frauen, gibt es zahlreiche Klassenräume, aber auch eine Küche, in der z.B. während des Ramadans in riesigen Töpfen für über 100 Leute gekocht wird. Zur Moschee gehören aber auch ein Imbiss, ein Lebensmittelladen und ein Friseur (!). Außerdem gibt es eine Teestube mit Billardtisch und einem Fernseher u.a. für wichtige Fußballspiele. Jeder Besucher wurde zu Tee und Kuchen eingeladen und bekam eine rote Rose zum Abschied. Der junge Mann ist übrigens Mitglied der AG Öffentlichkeitsarbeit der Ayasofya-Gemeinde, die den Tag der offenen Moschee jedes Jahr organisiert. Ich finde, das macht sie sehr gut.

Mein Beitrag zu Tag der offenen Moschee – Ich bin Stroheim – auf Qype