Archive for the 'Kaufen, Kaufen, Kaufen' Category

27
Okt
09

Eine feine Bäckerei

Die Feinbäckerei hat etwas Märchenhaftes an sich. An der eher unwirtlichen Suermondtstraße gelegen, leuchtet sie besonders an grauen Herbst- und Wintertagen und verspricht Wärme und Süße und Wohlgeschmack und ein kleines Stück vom Glück dieser Welt. Hier gibt es noch eine Backstube und nicht nur Aufbacköfen. Hier stellt der Bäckermeister seine Zutaten noch selbst zusammen und verzichtet auf Fertigbackmischungen. Das Angebot ist überschaubar. Geht es auf den Abend zu, ist es manchmal auf wenige Restexemplare reduziert. Der Meister hat wohl zu viel Respekt vor seinen Produkten um für die Tonne zu backen. Dafür experimentiert er gerne und bietet auch Mal Löwenzahn- und Hagebuttenblüten-Brötchen an. Seine herzhaften Bötchen, bei denen er ansonsten beispielsweise Zwiebeln oder Speck oder Sauerkraut in den Teig knetet, sind einer der Höhepunkte. Aber auch seine Blechkuchen oder süßen Backteilchen sind eine Offenbarung.

Der kleine Verkaufsraum könnte auch vor etlichen Jahrzehnten bereits genauso ausgesehen haben. Die Ehefrau des Bäckers steht hinter dem Tresen und kommt mit ihrer nicht antrainierten sondern wesenseigenen Freundlichkeit mit Jedem ins Gespräch. Da muss man dann auch manchmal ein wenig warten bis man dran ist. Die erste Begegnung mit der Feinbäckerei hatte ich als ich – anlässlich der Geburt meiner jüngsten Tochter – Kuchen für meine Kollegen kaufen wollte. Es war gegen zehn Uhr vormittags. „Ja, soviel haben wir ja gar nicht mehr da“ seufzte die Bäckersfrau, „ach sagen Sie einfach was Sie wollen!“ Danach rief sie nach hinten in die Backstube: „Emil, Du musst noch Mal neuen Kuchen backen!“ Natürlich entließ sie mich nicht ohne nach dem Grund des Großeinkaufs zu fragen: „Haben Sie Geburtstag?“ „Nein, ich bin Vater geworden.“ „Herzlichen Glückwunsch, ich hatte auch so einen Nachzügler!“ „So alt sehe ich dann doch auch wieder nicht aus“, dachte ich. „Ja, bei meinem jüngsten Sohn war ich auch schon über dreißig. Genießen sie es!“ Damit war der Mittvierziger wieder versöhnt. Ich konnte den Kuchen dann samt Blechen zwei Stunden später abholen und damit die Kollegen begeistern.

Adresse:

Feinbäckerei
Suermondtstr. 64
13053 Berlin

14
Okt
09

Incontro Catering

Wenn ein Unternehmen wächst, dann ändern sich zwangsläufig auch liebgewordene Rituale. Plötzlich waren wir zu Viele. Es funktionierte nicht mehr, dass die Mitarbeiter sich am Abend vor jedem Kollegengeburtstag in die Küche stellten um Köstlichkeiten zu zaubern, die sie am nächsten Morgen zu Ehren des Betroffnen bei einem gemeinsamen Frühstück auftischten. Die Erkenntnis setzte sich durch: Manches gehört besser outgesourct. Ein Caterer musste her. Es folgten einige unglückliche Versuche (zu teuer, zu lieblos, zu wenig, zu servicewüstenorientiert), bevor ich mich an Incontro erinnerte, dem Hauscaterer einer befreundeten PR-Agentur. Vermutlich ist es nicht klug, diese Adresse weiter zu geben, denn auch jetzt schon bekomme ich manches Mal auf meine monatliche Anfrage eine Absage wegen Kapazitätsproblemen und muss auf einen anderen Anbieter ausweichen.

Unter den Kollegen gibt es zwei Fraktionen. Der einen ist Incontro zu sophisticated. Ihre Vorstellung eines gelungen Frühstücks geht über Hackepeter und Nutella nicht hinaus. Die andere Fraktion liebt Incontro. Vor anderthalb Jahren hatte Incontro eine Phase, in der – nach meinem Geschmack – alles ein wenig zu sehr von Balsamico-Creme und Basilikum-Pesto dominiert war. Haben sie aber überwunden. Ich bestelle zum Frühstück in der Regel Fingerfood. Pro Person zahle ich so 12.- Euro, ohne Getränke, aber mit Lieferung, Aufbau und Abholung des Geschirrs.

Dafür gibt es zum einen belegte Mini-Panini, z.B. mit…

- Spanischem Serranoschinken auf einer Honig-Dijonsenf-Creme, Honigmelone, gerösteten Mandeln und Kräutern
- Französischem Ziegenkäse, saftigen Feigen und gehackten Pistazien
- Gegrilltem Gemüse auf Petersilien-Erdnußpesto, Parmesan und gerösteten Sonnenblumenkernen
- Hähnchen-Orangensalat mit geröstetem Sesam
- Spanischer Chorizo auf einer pikanten Schafskäse-Paprikapaste, frischen Tomaten, Mozzarella und Kräutern

…und außerdem beispielsweise, je nach Jahreszeit:

- Mit Paranüssen gefüllte Datteln, mit Bacon umhüllt und im Ofen gebacken
- Mit Himbeersirup karamellisierte frische Feigen auf Schweinefilet im Serranomantel
- Hackfleischbällchen mit Mandeln, Chili, Limettenschale, Datteln und verschiedenen Gewürzen auf einer Paprikacreme
- Spieße von marinierten, gebratenen Garnelen mit einem Dipp aus Avocado, Orange, Koriander und Wasabi
- Herzhafte Zucchinitaler mit magerem Schinkenspeck, Creme fraiche, Muskat und frischem Thymian
- Hähnchenunterschenkelkeulchen pikant-süß mariniert und im Ofen mit frischem Thymian und Honig gebacken
- Crepetütchen mit Basilikumcreme, französischem Ziegenkäse und Orangen gefüllt
- Gebackene Süßkartoffeln mit Schafskäse, Frühlingszwiebeln, Sonnenblumenkernen und frischem Basilikum im Strudelteig
- Griechischer Sahneyoghurt mit Honig und Zitrone auf frischem Ost und gerösteten Mandeln
usw.

Die Homepage von Incontro ist hoffnungslos veraltet. Die Inhaberin, Barbara Wendorff hat den dort erwähnten Laden schon lange aufgegeben und sich aufs Catering konzentriert.

Obwohl sie ziemlich viel zu tun hat, habe ich noch nie länger als eine halbe Stunde auf ihren Rückruf gewartet nachdem ich auf ihre Mailbox gesprochen hatte.

Incontro Catering
Inhaberin Barbara Wendorff
Heinersdorfer Str. 4-6
13086 Berlin
Tel: 030/ 44357618
Mail: incontro@gmx.de
www.berlincontro.de (veraltet)

25
Aug
09

Die Bar zur öffentlichen Bedürfnisanstalt

Hirsebier wird in vielen Teilen Afrikas getrunken. Auch bei den Dagara, die im Nordwesten Ghanas und im angrenzenden Burkina Faso leben.
Save Journey
Dort brauen ausschließlich Frauen das Getränk, häufig für den Hausgebrauch, aber es haben sich auch an einigen Orten Brauerinnen zusammengeschlossen um ihr Bier in Bars auszuschenken. Diese Bars heißen Discos und werden häufig nach markanten Orten in der Nähe benannt. In Hamile, einem ghanaischen Grenzort zu Burkina, gibt es zahlreiche dieser Diskos. Im islamischen Teil wird das Getränk. – es enthält ja immerhin ca. 3% Alkohol – nur in überdachten Räumen angeboten. Das Bier wird in Tonkrügen verschiedener Größe gereicht. Hirsebier ist im Vergleich zu Flaschengetränken preiswert. Meistens wurde ich zu einem Krug eingeladen. Die guten Sitten ließen es nicht zu, dass ich ablehnte und verlangten außerdem dass ich mich mit der Bestellung eines zweiten Kruges revanchierte. Nun bin ich durchaus trinkfest, aber manchmal wurde mir das dann doch zuviel. Nachdem ich diesen Umstand einmal gegenüber dem katholischen Dorfpfarrer erwähnte, wurde er prompt zum Thema seiner nächsten Sonntagspredigt, woraufhin ich nur noch von Nichtkirchgängern eingeladen wurde.

Das Brauen von Hirsebier ist ein aufwendiger Prozess, der sich über mehrere Tage hin zieht. Es muss innerhalb von wenigen Tagen getrunken werden, da es sonst verdirbt.

Nachdem ein georderter Krug den Gästen gebracht wird, kratzt die Brauerin mit einer Scherbe zunächst die Hefe ab, die sich im oberen Bereich abgesetzt hat. Sie wird für den nächsten Braugang wieder verwendet. Danach füllt sie zunächst eine Kalebassenschale für den Besteller und nimmt selbst den ersten Schluck davon. Ein Sicheres Zeichen dafür, dass das Bier nicht vergiftet ist. Erst dann werden die Schalen der anderen Gäste gefüllt. In meiner Lieblingsdisco kann man angenehm unter einer Veranda sitzen, die Brauerinnen sind immer zu einem Scherz aufgelegt. Etwas anderes als Hirsebier ist nicht im Angebot. Diese Bar befindet sich in der Nähe einer öffentlichen Toilette, die vor vielen Jahren im Rahmen eines Hygiene-Entwicklungsprojektes gebaut wurde. Entsprechend heißt sie auch „Banjirra Disco“, was man mit „Bar zur Bedürfnisanstalt“ oder – wie es mein damaliger ghanaischer Professor tat – derber mit „Scheißhaus-Disco“ übersetzen könnte. Da dass Dach der Toilette in der Sonne Hitze speichert, bevölkern in der Abenddämmerung immer zahlreiche wechselwarme Eidechsen diesen Ort. Da es ja an sich harmlose Tiere sind, ignoriert man sie einfach. Das wollte mir allerdings nicht mehr gelingen als einmal eine Eidechse vom Dach fiel – gerade als ich an diesem Ort einem Bedürfnis nachkam. Sie landete im meinem Hemdkragen und rutschte meinen Rücken herunter. Das arme Tier war genauso erschrocken wie ich. Beide versuchten wir durch veitstanz-ähnliche Bewegungen voneinander loszukommen, was schließlich auch gelang.

Ich denke für solche Fälle ist in den Toiletten-Bewertungs-Kategorien des Bewertungsportals Qype der Punkt „nicht sicher“ vorgesehen.

Adresse: Banjirra Disco, Hamile, nahe dem Ortszentrum, Upper West Region, Ghana

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08
Aug
09

Ende eines Kaufhauses

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Heute wurde er tatsächlich geschlossen. Er war für mich immer der Schmuddel-Hertie auch wenn er zeitweise Karstadt hieß. Das Gebäude aus den 60er Jahren, nach Entwürfen des Hamburger Architekten Hans Soll, hätte schon vor 25 Jahren – als ich zum ersten Mal hier eingekauft habe – eines radikalen Liftings bedurft. Die Verkäuferinnen begegneten einem mit einem eher robusten Charme, aber daran hatte ich mich schon lange gewöhnt. Es war ein Kaufhaus für den alltäglichen Kram. Für Ausgefallenes und Exklusiveres fuhr ich dann doch eher gleich in einen Nachbarbezirk. Es war aber auch eine Moabiter Institution. So unhipp und doch heiß und innig hassgeliebt, stand es für den ganzen Kiez.

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Er wird mir fehlen, nicht nur weil es in den 99-Cent-Läden, die sich in der Turmstraße, der Einkaufsstraße Moabits, plastikperlenkettenartig aneinanderreihen, eigentlich gar nichts bekomme, was ich brauche, sondern auch weil ich fürchte, dass Herties Ende ein weiterer Schritt in Richtung Niedergang der Turmstraße und damit des ganzen Stadtteils ist. Ich kann mich noch an mehrere Feinkostgeschäfte hier erinnern. In der nahe gelegenen Arminius-Markthalle kaufte sogar die Frau unseres Bundespräsidenten ein, bevor man die Halle mit dem Einbau einer Norma- und einer Schlecker-Filiale verschandelte und immer mehr Lebensmittelstände durch Ramschtrödelstände ersetzt wurden. Auf dem Gelände des Krankenhauses Moabit, ebenfalls mit Turmstrassenadresse, pulsierte das Leben, bevor es Anfang des Jahrtausends geschlossen wurde. Temps perdu. Vielleicht kommen wieder bessere Zeiten. Immerhin haben die Moabiter Gerichte und der Untersuchungsknast keinen konjunkturellen Nachfrageeinbruch zu befürchten…Zum fünfzigjährigen Jubiläum hätte die Hertie-Filiale noch ein Jahr gebraucht. 260 Mitarbeiter (zu Zeiten der Eröffnung waren es noch 700) wurden jetzt entlassen. Sie saßen nach der Schließung heute noch auf dem Parkplatz hinter dem Gebäude zusammen und „feierten“ Abschied. Hoffentlich kommen möglichst Viele mit ihrer Situation klar. Macht et jut.

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Ehemalige Adresse: Turmstr. 29, am U-Bhf. Turmstrasse, 10551 Berlin

09
Dez
08

Markt der Kontinente

Es ist schon ein Weihnachtsmarkt der etwas anderen Art. Wer auf Edel-Ethno-Kitsch steht, kommt hier sicherlich auf seine Kosten. Wer seinen Weihnachtsbaum dieses Jahr mal ganz anders behängen will, wird auch fündig. Zwischen Gewirktem, Gedrechseltem, Gewebtem, Geschöpftem, Geschnitztem, Geblasenem, Gebatiktem, Geflochtenem, Geschmiedetem, Gemanschtem, Gepanschtem und Gefrickeltem gab es allerdings auch einige Kunstwerke und Antiquitäten, die dann allerdings auch ihren Preis hatten. Meine persönlichen Favoriten waren Wunderseifen aus Mexiko (siehe Foto), die dem Anwender den Angebeteten oder einfach viel Geld bringen sollen. Bei nur 2,50 Euro pro Stück wäre das ja eine sinnvolle Investition. Auf Nachfrage gab die Verkäuferin aber zu, dass sie sie leider noch nicht ausprobiert hätte und deshalb keine Aussage über die Zuverlässigkeit dieses Produktes treffen könne. Toll fand ich auch eine Schreibtischlampe, gefertigt aus Altblech (siehe anderes Foto). Zahlreiche Nord-Süd-Vereine waren präsent und versuchten u.a. über schädliche Kinderarbeit aufzuklären. Es sollte mich wundern, wenn viele der daneben angebotenen Waren, gerade im Billigbereich, nicht von klitzekleinen Kinderhänden gefertigt gewesen sein sollten.

Wunderseife

Lampe

Unsere Kinder durften asiatische Stockpuppen bauen und waren ganz stolz darauf, von Radio Multikulti interviewt worden zu sein, noch kurz bevor der Sender abgewickelt werden wird. Die Erwachsenen besuchten die Führung „Nächtliche Zweisamkeit – Paardarstellungen in der Asiatischen Kunst“. Das versammelte Bildungsbürgertum lechzte. Aber das Gebotene war dann sehr unerotisch und didaktisch und rhetorisch wenig mitreißend. Das Musikprogramm war interessant, sofern man asiatischer Musik etwas abgewinnen kann.

Panorama

Bühne

Erwachsene, die den Markt besuchen, zahlen den regulären Museumseintritt von 6 Euro, dürfen dann aber auch alle drei Museen am Ort ansehen und die Bastelworkshops für die Kinder sind umsonst. Solche Veranstaltungen sind ein legitimer Versuch die Massen in die Dahlemer Museen zu locken. Die üblichen Besucherzahlen werden nämlich dem, was es hier zu entdecken gibt, kaum gerecht. Nachhaltiger Erfolg wird sich aber erst einstellen, wenn die Konzepte der ständigen Ausstellungen spannender werden.

Wolf

Frosch

Flötenspieler

Wir waren beim Asienwochenende. Am 13. und 14. Dezember ist dann noch Amerika dran.

Info: In der Regel an den vier Wochenenden vor Weihnachten | Ort: Ethnologisches Museum, Lansstraße 8, 14195 Berlin

07
Okt
08

Bergkäserei Diepolz

Seit meiner Kindheit, die im tiefsten Niedersachen verortet ist, wurde meine Vorstellung einer heilen Welt von Bildern geprägt, die das Voralpenland hervorbrachte: blumenübersäte Weiden mit glücklichem, brauem Hornvieh, das einen bärtigen, lederbehosten Milchbauern zum besten Freund hatte. Die Werbung von Bärenmarke und Konsorten leistete ganze Arbeit. Diese Welt war ganz anders als das mir bekannte Landleben: Norddeutsches Fleckvieh, das dreckverkrustet manchmal das ganze Jahr im Stall verbrachte, gepeinigt von mürrischen Bauern im blauen Drillich, deren Atem von Frühstückskorn schwer war und die Vieh wie Familie getreu dem Motto behandelten: „Wozu ein Wort verlieren, wenn es auch ein Fußtritt tut?“.

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Als die beste aller möglichen Ehefrauen, süddeutscher Herkunft, mich vor einigen Jahren zum ersten Mal mit ins Allgäu nahm, begegnete mir dort eine Welt, die den Idealvorstellungen meiner Kindheit sehr nahe kam.

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Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass das ganze Allgäu in seiner heutigen Form, die uns als zeitloses, natürliches Gegenstück, nicht nur zu niedersächsischen Dorfwelten, sondern vor allem zu Urbanität und Industrialisierung erscheint, noch gar nicht so alt ist. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts war das Allgäu vom Flachsanbau geprägt. Die Weidewirtschaft brachte erst dann ein gewisser Carl Hirnbein (eignet sich übrigens auch hervorragend als Schimpfwort: „Du Hirnbein, Du!“), der hier noch heute als großer Heilsbringer verehrt wird, weil er die Käseherstellung populär machte. Aber was war die Voraussetzung für Kuhhaltung und Käseherstellung? Es musste die Möglichkeit geben, den Käse schnell und über weite Strecken zu transportieren um so breite Absatzmärkte zu erreichen. Diese Möglichkeit war gegeben, als das Oberallgäuer Immenstadt Anschluss an das Eisenbahnnetz erhielt. Die Industrialisierung mit seinem markantesten Symbol, der Eisenbahn, machte es also erst möglich, dass im Allgäu ihr eigenes Gegenbild entstehen konnte. Tradition und Moderne geben sich die Hand.

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Meiner Schwiegermutter habe ich nicht nur ihre Tochter, sondern auch die Kenntnis von der Bergkäserei Diepolz zu verdanken. Als ich zum ersten Mal den Bergkäse und den Bauernkäse probiert habe, offenbarte sich mir ein Geschmack, den nur eine heile Welt, wie ich sie mir als Kind vorstellte, zustande gebracht haben konnte.

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Rund zwanzig Betriebe mit durchschnittlich fünfzehn Kühen liefern die Milch an die Sennerei. Zur Käseherstellung wird die Milch zuerst mit Lab versetzt, dadurch dickt sie ein. Danach wird sie mit der Käseharfe zum sogenannte “Käsebruch” geschnitten. Ganz wichtig für das Gelingen des Käses ist die Beschaffenheit des “Bruches”. Der Käsebruch wird in runde Formen abgefüllt und gepresst, am nächsten Tag in ein Salzbad getaucht und nach zwei Tagen zum reifen für mindestens drei Monate in den Käsekeller gebracht. Man schmeckt die Kräuter, die sich die Kühe einverleibt haben. Wer so etwas einmal probiert hat, wird nie wieder ohne Not zum abgepackten Fabrikkäse aus dem Supermarkt zurückgreifen können.

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Wer immer in die Nähe von Immenstadt kommt, sollte den Abstecher nach Diepolz wagen und sich mit Käse (auch für Freunde und Verwandte) eindecken. Bergkäse und Emmentaler, vielleicht noch Bauernkäse, wenn man es milder mag, sollte man wählen. Alle anderen Sorten sind unnötige Spielerei.

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Im Laden gibt es auch noch Faßbutter, Milch und handgeschöpften Quark. Alles köstlich. Für Gruppen werden nach Voranmeldung Käsebrotzeiten angerichtet.

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Angeblich haben die Kühe, die ihre Milch für den Käse lassen (ganz traditionell) noch Namen. Aber da Tradition und Moderne bisweilen ja dicht beieinander liegen, kann man den Käse auch im Internet unter der oben genannten Adresse bestellen.

Adresse: Bergkäserei Diepolz, Diepolz 1, 87509 Immenstadt, www.bergkaeserei-diepolz.de/

03
Sep
08

Pacific-Center

Manches Mal habe ich mich gefragt, wo der ganze Kitsch herkommen mag, den es in den unzähligen Asia-Läden und –ständen zu erstehen gibt. Vieles hat vermutlich hier Zwischenstation gemacht: im Pacific-Center in Berlin-Hohenschönhausen.

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Auf 16.000 Quadratmetern gibt es hier Geschenkartikel, Kleidung, Lebensmittel und noch dieses und jenes in ungefähr hundert kleinen Läden. Die Händler sind überwiegend vietnamesischer Provenienz. Dazu gesellen sich wenige Chinesen, Inder und Pakistanis. Die Produkte stammen in erster Linie aus Ostasien, manche aber auch aus Osteuropa. Die Kunden sind wiederum in erster Linie Vietnamesen. Hier wird en gros und en detail gehandelt. Viele Wiederverkäufer decken sich hier ein. Man sieht Autos mit Nummernschildern aus ganz Ostdeutschland. Obwohl mein Arbeitsplatz über ein Jahr lang nur wenige hundert Meter entfernt lag, habe ich von der Existenz dieses Einkaufszentrums der etwas anderen Art nichts mitbekommen. Von der Strasse aus wirkt es wenig einladend: ein etwas angeranztes Bürogebäude im Plattenbaustil zur Straßenfront hin, dahinter die endlose Halle, die man über die LKW-Laderampe betritt.

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Die Läden reihen sich in unterschiedlicher Größe entlang der Ladenstraßen. Die Wände reichen nicht bis zur Hallendecke, von welcher Versorgungsstränge und Neonlampen herabhängen. Dieses prosaische Ambiente kombiniert mit asiatischen Klängen und den Gerüchen von Räucherstäbchen, Gewürzen und Undefinierbarem, lässt den Besucher zweifeln, ob er sich noch in Berlin befindet. Wer ein Faible für Kunststoffblumen, preiswerte Elektronik und Kleidung, für die asiatische Küche oder ähnliches hat, kommt hier auf seine Kosten. Aber es gibt auch mehrere Restaurants bzw. Kantinen, einen Billiardsalon und einen Frisör hier. Im Freien wurde ein kleiner Garten mit Buddhastatue angelegt. Gekauft habe ich hier bislang noch nichts, aber es reizt mich, von Zeit zu Zeit in diese fremde Welt einzutauchen.

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Adresse: Asia-Pacific-Center, Marzahner  Straße 17, 13053 Berlin

30
Jul
08

Filmgalerie 451 – Videoverleih

Die Filmgalerie 451 ist mehr als eine Videothek. Es ist eine Schatzkiste für Cineasten. 1987 in Stuttgart von zwei Filmfreaks gegründet gibt es mittlerweile auch Filialen in Konstanz und Berlin. Von Anfang an war es als Archiv für Spielfilme gedacht und im Laufe der Jahre haben die Betreiber einige angesammelt. Man findet nicht nur die aktuellen (und nicht mehr aktuellen) Blockbuster, sondern auch klassische und rare Filmkunst, World Cinema sowie Schräges und Experimentelles.

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Als mit der Etablierung der DVD andere Videotheken begannen, ihre VHS-Videos zu verramschen, versagte man sich hier diesem Trend. Bis heute pflegt und verleiht man den Bestand auf DVD und auf VHS, schließlich gibt es unzählige Titel bis heute nicht als DVD und viele wird es vermutlich nie geben.

Neben den übrigen Genres finden sich an einer riesigen Regalwand Filme nach ihren Regisseuren sortiert.
Nicht alles hat Platz im Laden. Etliche Filme sind im Untergeschoss magaziniert. Den Bestand kann man auch im Internet einsehen (nach Standorten getrennt). Hier gibt es die Bereiche „Suchen“ und „Stöbern“. Erstes für die gezielte Auswahl nach Titel, Person und Inhalt. Die zweite Funktion dient zur Zusammenstellung von Auswahllisten nach Genre, Land, Sprache, Jahr usw. Die Suchkriterien lassen sich miteinander kombinieren. Wenn ich also nach einem deutschen Film aus den Jahren 1918 bis 1920 aus dem Genre Fantasy suche, wird mir die entsprechende Liste der ausleihbaren Filme angezeigt. (In diesem Fall ist sie nur kurz. Sie besteht aus „Der Golem“ und „Das Kabinett des Dr. Caligari“.)

Jugendliche haben Zutritt und dürfen mit eigenem Ausweis die für ihre Altersstufe freigegebenen Filme ausleihen.

Als Reaktion auf die Nachfrage nach ungewöhnlichen Filmen gründete die Filmgalerie 451 ein eigenes Videolabel. Die erste Veröffentlichung war „Das Deutsche Kettensägenmassaker“ von Christoph Schlingensief. Nach eigener Aussage werden Filme veröffentlicht, die „inhaltlich und formal etwas wagen.“ Viele der Regisseure seien Außenseiter im Filmbetrieb, innovativ und unangepasst. Neben Pasolini-Filmen finden sich z.B. in der Debütfilm-Reihe die frühen Werke von Dani Levy und Andreas Dresen.

Es verwundert nicht, dass das Personal mit geballter cineastischer Kompetenz aufwartet. Ohne Überheblichkeit, freundlich und hilfsbereit bekommt man auch auf ungewöhnliche Fragen Auskunft.

“Die Filmgalerie 451 gilt als beste Videothek Deutschlands“, urteilt die Frankfurter Rundschau und ich vermute, damit hat sie recht.

Adresse: Torstr. 231, 10115 Berlin





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