Archiv der Kategorie 'Qype'

10
Jun
11

Finanzamt Charlottenburg: Hinter die Hausnummer geschaut

Zugegeben, dass Verhältnis zwischen meinem Finanzamt und mir ist nicht das Beste. Ich bin mit meinen Steuererklärungen seit Jahren im Rückstand.

Aber darum geht es mir hier nicht. Es geht um das Gebäude, in dem das Finanzamt Charlottenburg residiert. Basierend auf dem Entwurf der Stadtbauräte Brucker und Kepler wurde es 1939 vollendet. Damals war es das größte Finanzamt Berlins. Es besteht aus einem repräsentativen Haupttrakt in der Bismarckstraße, einem Mittelflügel und einem rückwärtigen Gebäudeflügel in der Spielhagenstraße. Hier machen die Bürofenster heute mitunter geradezu einen schmuddeligen Eindruck.

Insgesamt wirkt das Gebäude eher langweilig und einfallslos. Ein monumentaler Akzent wurde mit der über drei Geschosse reichenden Portalnische am Haupteingang gesetzt. Vier kantige Muschelkalkpfeiler markieren diesen Bereich.

Besucher die hier eintreten, werden unter einem Adlerrelief mit Hoheitszeichen empfangen. Nur wenige Eingeweihte wissen, dass der Adler in seinen Krallen ein Hakenkreuz umklammert, heute lediglich verdeckt von einer Hausnummernleuchte.

Auf facebook gibt es eine Seite, die zur Entfernung des Adlers und des Hakenkreuzes aufordert.

Das wäre der falsche Weg. Natürlich haben damals die Befreier alle Symbole des widerlichen Naziregimes im Boden zerstampfen mögen. Heute kann man solche Relikte nutzen, um Auseinandersetzungen mit Kontinuitäten und Erinnerungen an authentischen Orten zu provozieren. Also weg mit der verdeckenden Leuchte, das Hakenkreuz gezeigt und die Behörde in die Pflicht genommen, wie sie nicht nur ihre Naziarchitektur erklärt, sondern auch drüber informiert, welche Rolle die Finanzämter bei der bürokratisch organisierten Beschlagnahme jüdischen Eigentums gespielt haben.

Das Gebäude liegt an der Ost-West-Achse, die in den Germania-Plänen der Nationalsozialisten für ihre Reichshauptstadt eine zentrale Rolle spielte. Gemeinsam mit der faschistischen Architektur des Finanzamtes bilden die davor platzierten Straßenlaternen ein stimmiges Ensemble. Entworfen hat sie Albert Speer, Hitlers Lieblingsarchitekt und Handlanger, Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt, angeklagt im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof und wegen seiner Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig gesprochen und zu 20 Jahren Haft verurteilt.

Finanzamt Charlottenburg, Bismarckstraße 48, 10627 Berlin

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20
Mai
11

Friedhof des Zellengefängnisses Moabit

Nur ein paar dutzend Schritte vom geschäftigen Berliner Hauptbahnhof entfernt versteckt sich der Friedhof des Zellengefängnisses Moabit. Präziser: der Teil dieses Friedhofes, in dem die Beamten des Gefängnisses bestattet wurden. Den anderen Teil, auf dem die gestorbenen Gefangenen ihre “letzte Ruhe” fanden, hielt wohl niemand für erhaltenswert und so entstand nach 1955, als der Friedhof geschlossen wurde, auf diesem Areal eine Kleingartenanlage. Hier wird auf Gräbern gegrillt.

Die meisten Grabsteine sind umgefallen, zerstört oder überwachsen. Vor ein paar Jahren hat man den schmiedeeisernen Zaun um die Gräber restauriert. Das Tor ist verschlossen. Einer der wenigen erhaltenen Grabsteine ist der von Ernst Vetter: Hier/ ruhet in Gott/ mein lieber Mann/ und guter Vater,/ der Kgl.Strafanstalt-/ Aufseher/ Ernst Vetter/ * 28.2.1858, + 3.4.1918.

Neben dem Friedhof sind noch Teile der Gefängnismauer und drei Beamtenwohnhäuser übrig geblieben. An der Lehrter Straße erinnert eine Gedenktafel an die Opfer der Nazizeit.

Nach jahrzehntelangen Auseinadersetzungen gibt es seit 2006 nach Plänen von Silvia Glaßer und Udo Dagenbach einen gelungenen Geschichtspark auf dem Gelände des eigentlichen Zellengefängnisses.

Das Gefängnis wurde von 1842 – 1849 von Carl Ferdinand Busse als Kopie des Londoner Gefängnisses Pentonville als preußisches Mustergefängnis errichtet. Die Gefangenen sollten durch strengste Isolation voneinander geläutert werden. In fünf sternförmig angeordneten Flügeln gab es Einzelzellen, die vom Zentralbau aus überwacht wurden. Schweigepflicht, scheuklappenähnliche Mützen, die außerhalb der Zelle getragen werden mussten, Einzelhofgang in 10 qm großen dreieckigen Teilstücken des Hofes (daher kommt die Redensart “im Dreieck springen”) und selbst in der Gefängniskirche Sitze in sargähnlichen Holzkisten, sorgten dafür, dass zahlreiche Gefangene die Flucht in den Wahnsinn oder den Suizid antraten. Folgerichtig wurde 1886 ein Nebengebäude zum Irrenhaus umgebaut.

Noch vor Abschluss der Bauarbeiten wurden die ersten Gefangenen, polnische Freiheitskämpfer, einquartiert. Sie wurden 1848 von Berliner Märzrevolutionären befreit. Prominente Gefangene waren danach Friedrich Wilhelm Voigt, der später als “Hauptmann von Köpenick” ganz groß raus kam. 1878 wurde Max Hödel hier hingerichtet. Er hatte sich an einem Attentat auf den Kaiser Wilhelm I. versucht. Während des ersten Weltkrieges wurden Kriegsgegner und später Teilnehmer der Novemberrevolution inhaftiert. 1933 wurde Erich Mühsam hier eingesperrt. 1940 quartierte sich die Wehrmacht in einem Flügel ein. Der Schriftsteller Wolfgang Borchert saß hier über neun Monate wegen Wehrkraftzersetzung in Einzelhaft. Unter dem Eindruck der Lautsprecheransage des nahen Lehrter Bahnhofs schrieb er das Lied “800 mal Lehrter Straße”. 1941 zog die Gestapo ein. Neben vielen heute vergessenen Antifaschisten war der Sänger und Schauspieler Ernst Busch hier eingekerkert, später zahlreiche Widerstandskämpfer im Umfeld der Attentäter des 20. Juli. In den letzten Kriegstagen wurden 16 politische Gefangene aus ihren Zellen verschleppt und auf dem nahe gelegnen ULAP-Gelände per Genickschuss ermordet. Der junge Kommunist Herbert Kosney überlebte die Hinrichtung schwer verletzt. Ohne diesen Augenzeugen wäre vielleicht auch dieses Verbrechen vergessen. In den Taschen der Leiche des Dichters Albrecht Haushofer fand man die im Gefängnis erstandenen “Moabiter Sonette”.

Nach der Befreiung nutzten die Alliierten das durch Bomben kaum beschädigte Gebäude bis 1955. Zwischen 1946 und 1949 fanden hier mindestens zwölf Hinrichtungen (nach anderen Quellen 48) statt. Als Letzter wurde am 11. Mai 1949 der 24-Jährige Bertold Wehmeyer guillotiniert.

Um Platz zu schaffen für die – zum Glück nie realisierte – Westtangente wurde das Zellengefängnis 1958 abgerissen.

Zum ersten Mal war ich während einer Nachtwanderung im Rahmen einer Geburtstagsfeier einer Kindergartenfreundin meiner mittlerweile über 20-Jährigen Tochter auf dem Friedhof. Abgesehen davon bin ich hier bei meinen Besuchen fast immer wunderbar allein. Ich versuche mir nicht nur die Vergangenheit dieses Ortes vorzustellen, sondern denke auch über den Unterscheid zwischen allein und isoliert sein nach. Auf dem Nachhauseweg bin ich dann immer sehr zufrieden mit meinem bescheidenen Dasein.

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08
Apr
11

Deutschlandhalle: Das war´s.

Jetzt mal ernsthaft: niemand findet sie schön. Da gibt es höchstens Personen, die einen schon ganz und gar verbrannten Sonntags-Volks-Eintopf noch einmal aufköcheln lassen wollen und behaupten, die Entscheidung, den Kasten zu beseitigen, sei zum einen durch den Gebäudenamen, zum anderen durch den Umstand, dass der (Ver)führer ihrer Großeltern die Halle eingeweiht hat, motiviert. Mit Leuten aus dieser Ecke spiele ich sowieso nicht. Ihnen fehlt jeder ernstzunehmende Sinn für Ästhetik.

Aber an dem Ding klebt die kollektive Berliner Erinnerung.

Im Vorfeld der olympischen Spiele 1936 wird die Halle in der bemerkenswerten Zeit von nur neun Monaten errichtet. Von den Architekten Franz Orthmann und Fritz Wiemer für 10.000 Besucher entworfen, gilt sie als größte Mehrzweckhalle der Welt. Zunächst finden hier Sportveranstaltungen und Massenveranstaltungen der NSDAP statt.

Im Rahmen der Kolonialshow “Ki sua he li” führt Hanna Reitsch 1938 den weltweit ersten Hubschrauber-Hallenflug vor. Sechs Jahre später versucht die Flugenthusiastin Hitler persönlich von ihrer Idee der “Selbstopfer-Flugzeuge” zu überzeugen. Es geht um bemannte Bomben, die in Kamikaze-Art als Selbstmordkommandos operieren sollten, geflogen “von Menschen, die bereit sind, sich selbst zu opfern, in der klaren Überzeugung, dass kein anderes Mittel mehr Rettung bringen konnte,” wie Reitsch in ihrer zuletzt 2001 aufgelegten Autobiografie “Fliegen, mein Leben” schreibt.

1937 findet hier die Weltpremiere von “Menschen – Tiere – Sensationen” statt. Im Januar 1943 machen, während einer ausgebuchten Aufführung dieser Show, britische Bomben das Gebäude zum ersten Mal platt. Bemerkenswerterweise sterben dabei weder Menschen noch Tiere. Von der Halle selbst bleiben allerdings nur Rudimente übrig. Bereits 1949 beschließt der Magistrat von Gesamt-Berlin den Wiederaufbau, allerdings finanziert mit privatem Kapital. Die Wiedereröffnung findet erst 1957 statt.

Es folgen Auftritte der Rolling Stones und von Queen mit Freddie Mercury und dem “British Tattoo” mit der Queen als Besucherin, die der Legende nach ihr eigenes mobiles Klosett mit brachte. Dire Straits, Police, Prince, Tina Turner, Udo Jürgens, die Berliner Philharmoniker, Bob Dylan, New Kids on the Block, Boxkämpfe und Kirchentage, Willy Brandt führt durch Knopfdruck das Farbfernsehen ein, Peter Gabriel, die Fantastischen Vier, die Gründung von “Brot für die Welt” und Jimi Hendrix, Holiday on Ice und Johnny Cash, Herbert Grönemeyer und Sechstagerennen, Muhammad Ali, Santana, Harry Belafonte….

Klaus Kinski. 1971. “Jesus Christus Erlöser”. Das Genie verspricht die “erregendste Geschichte der Menschheit” zu erzählen, von einem der “furchtlosesten, freiesten, modernsten aller Menschen, der sich lieber massakrieren lässt, als lebendig zu verfaulen.” Premiere in der Deutschlandhalle. Es kommt zum Eklat, als ein Zwischenrufer seine Vorstellung eines duldsamen Jesus darstellt. Kinski explodiert.

Obwohl ich von je her eher kleine Hallen bevorzuge, bin ich mir doch sicher, Anfang der 80er mindestens ein Konzert in der Deutschlandhalle besucht zu haben. Aber im Gegensatz zu den überschaubaren Konzerten, will sich eine konkrete Erinnerung an die Bands in der Deutschlandhalle nicht einstellen. Aber Trost kam ja schon aus berufenem Munde: Wer sich an die 80er Jahre erinnern könne, habe sie nicht wirklich erlebt…

Ohne es zu wissen, kennen viele die Deutschlandhalle aus der Verfilmung von “Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo”. Hier spielt David Bowie life seinen Song “Heroes”. Ein Lied inspiriert von einem Paar, das sich Tag für Tag ausgerechnet bei einer Bank unter einem Wachturm an der Berliner Mauer traf und Bowie während seinen Aufnahmen in den Hansa-Tonstudios auffiel. “Die Mauer im Hochen(?) wird kalt.”

Drei Tage, nachdem die Mauer dann tatsächlich fällt, gibt es noch einmal ein legendäres Konzert in der Halle. Das elfstündige Rockkonzert soll Jugendliche aus der DDR willkommen heißen. BAP, Pankow, Ulla Meinecke, Konstantin Wecker, Silly, Udo Lindenberg, Joe Cocker, Melissa Etheridge und etliche andere sind dabei. Die wunderbaren 3 Tornados haben ihren letzten Auftritt. “Set me free. Konzert für Berlin 12. November 1989″ heißt die filmische Dokumentation von Holger Senft.

Der letzte Zustand der Deutschlandhalle, die braugetünchten Außengänge, die abgestoßenen Ecken allerorten, die altersschwachen Sitze, erinnern an einen überdimensionierten Partykeller, übrig geblieben aus der Zeit, als man eben Partykeller hatte. Die Akustik galt immer als grauenhaft.

1998 beschließt der Senat, es solle Schluss sein mit Musikveranstaltungen. 2001 wird die Halle für den Eissport umgebaut und beherbergt, nach dem Abriss der Eissporthalle Jafféstraße, diverse Clubs aus dieser Sparte.

Der Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf versucht den Abriss zu verhindern. Der Senat zieht das Verfahren an sich. Die Halle sei weder “technisch noch wirtschaftlich zu betreiben” meint unsere Stadtentwicklungssenatorin. Die Entscheidung des Abrisses ist gekoppelt an die Entscheidung, das ICC zu sanieren. Der Abriss soll im Laufe des Jahres 2011 erfolgen. Die landeseigene Messegesellschaft errichtet auf dem Areal eine neue Messehalle.

Das war es dann.

Adresse: Messedamm 26, 14055 Berlin

31
Mar
10

Wie ich einmal meinen selbst erteilten Bildungsauftrag am Bahnhof Westhafen erfüllte

Der Berliner U-Bahnhof Westhafen wurde im Jahr 2000 nach Entwürfen der Künstlerinnen Francoise Schein und Barbara Reiter sehr ansprechend umgestaltet. Während die Wände des U-Bahnsteigs die Erklärung der Menschenrechte wiedergeben, geht es im Übergang zur S-Bahn zweisprachig um die Erfahrung, die der Dichter Heinrich Heine während seines Exils in Frankreich machen musste. Genauer um die Schwierigkeiten, die die Franzosen mit der Aussprache seines Namens hatten. Von Monsieur Heinrich Heine über Monsieur Henri Heine, Monsieur Enri Enn, Monsieur Enrienne zu Monsieur Un Rien (= ein Nichts). Die Berliner Verkehrsbetriebe haben wohl eher ein pragmatisches Verhältnis zur Kunst. Einzelne Zeilen sind nicht mehr lesbar, weil man ein Telefon und einen Geldautomaten davor montiert hat. Das ist kundenfreundlich, denkt sich der Herr BVG-Entscheidungsträger. Das ist serviceorientiert, denkt sich der Herr BVG-Entscheidungsträger und dass es einerlei sei, ob damit der ganze Text nicht mehr funktioniere. Wenn ein modernes Unternehmen hobelt, fallen eben Späne, denkt er und dass die Fahrgäste mit diesem Heine eh nichts anzufangen wissen.

Gestern trat das vom Herrn BVG-Entscheidungsträger imaginierte Zielpublikum in meine Realität. Drei männliche Jugendliche, leicht alkoholisiert, kurzhaarig, teils mit so komischen Deppencaps verunstaltet, die wohl cool wirken sollen, wenn man sie so klein wählt, dass sie gar nicht auf die Hohlköpfe passen können. „Ey wir sin hier in Doitschland, wieso steht hier kein Doitscher?“ gröhlte es aus einem der Hohlköpfe. Ich befand mich in einer Laune, die mich dazu bemüßigte auf den Schreihals zu reagieren: „Heinrich Heine war Deutscher. Es gibt eben auch Deutsche, die Fremdsprachen beherrschen, wenn auch sicher nicht in Eurem Bekanntenkreis.“ Ja, ich weiß, dass das arrogant, überheblich und vielleicht auch ein bisschen gefährlich war, aber auf die Schnelle fiel mir nichts Besseres ein. Die drei schauten sich verwundert an, schauten mich verwundert an. Man sah, wie ihre kleinen Hirne arbeiteten und eine passende Reaktion auf diese Situation zu finden versuchten. Zuschlagen? Irgendetwas erwidern? Nur was? Schließlich zogen sie wort- und reaktionslos weiter. Bildungsauftrag für heute erfüllt, dachte ich.

Jetzt muss ich nur noch irgendwie auf den Herrn BVG-Entscheidungsträger treffen. Dann erfülle ich meinen selbst erteilten Bildungsauftrag auch an ihm.

Mein Beitrag zu U-Bahnhof Westhafen – Ich bin Stroheim – auf Qype

19
Jan
10

Die goldenen 20er in Blau – Heinrich am Rosa-Luxemburg-Platz

Meine Idee war, mit einem guten Freund eine Reihe von unhippen Berliner Kneipen zu entdecken. Ich schlug ihm vor, am ersten Abend mit dem ”Kaputten Heinrich” zu beginnen. Aber mein Plan ging nicht auf. Nö, kaputte Kneipen hätte er in seinem Leben genug gehabt. Folgerichtig landeten wir im Heinrich. Dieses Restaurant ist alles Andere als unhipp. Dafür sorgen schon die Inhaber Florentine Joop, jüngste Tochter des Mode-Joops und ihr Ehemann der Koch Heinrich Beckmann. Sie betrieben zuvor das Restaurant Barokoko am Nauener Platz in Potsdam. Man möchte an die „Goldenen Zwanziger Jahre“ anknüpfen. Irgendwo habe ich gelesen, dass es sogar Berliner Gerichte der 20er Jahre geben soll. Das ist natürlich Quatsch, denn die Berliner Küche der 20er Jahre unterschied sich wohl kaum von der, der 10er oder 30er Jahre, abgesehen natürlich von der Mangelversorgung im 1. Weltkrieg und dem was, man später zugestanden bekam, wenn man nicht zur Volksgemeinschaft gerechnet wurde. Hunger und Hungerrevolten gab es übrigens auch im Berlin der 20er Jahre. Aber ich schweife ab.

Hinter der denkmalgeschützten Fassade findet man sich in einer Innenausstattung im Stil des „Art Deco“ wieder, zwar nicht immer konsequent und mit einigen Brüchen umgesetzt. Dennoch empfinde ich das Ambiente des hohen, saalartigen Hauptraums als besonders wohltuend. Über eine Treppe erreicht man eine Galerie, ausgestattet mit Club- und Plüschsesseln. Von den Fensterplätzen aus blickt man auf die nahe Volksbühne. Die Farbe Blau dominiert.

Der Service ist aufmerksam. Die Karte angenehm überschaubar. Man verspricht mit saisonal frischen Zutaten zu kochen. Dass nur zwei offene Rotweine auf der Karte stehen ist etwas schwach. Dafür gibt es Staropramen vom Fass.

Der Freund und ich konnten uns Beide nicht zwischen zwei Gerichten entscheiden. Nach einem Sching-Schang-Schong-Urteil, bekam er den „Stolzen Heinrich“, eine Bratwurst in Biersauce mit Kartoffelpüree und Rotkohl. Mir servierte man eine Kalbsleber mit Kartoffelpüree, Zwiebeln und Äpfeln. Abgesehen davon, dass von den zwei (unterschiedlich dicken) Leberstücken das eine etwas zu lange und das andere etwas zu wenig lange gebraten hatte, war Alles sehr ordentlich, aber auch nicht mehr. Es gibt sicherlich Orte wo man ähnliche Qualität preiswerter bekommt. Dafür dann aber auch nicht in so einem Ambiente.

Am Nebentisch saß ein älteres Paar, das mit wichtiger Mine und einem eigenartigen Automatismus jeden Teller fotografierte, der ihnen serviert wurde. Nicht sehr charmant wanderten die entsprechenden Anweisungen dazu vom männlichen zum weiblichen Part. Bestimmt schreiben die für irgend so ein ominöses Online-Bewertungs-Portal…

In meinen Ohren der größte Pluspunkt ist die Musik, die hier gespielt wird. Sie stammte während meiner Anwesenheit tatsächlich aus den 20er Jahren. Es war, als hörte ich meine eigene Schellackplattensammlung – nur die Arbeiterlieder fehlten. Allein dafür werde ich wieder kommen. Aber zunächst stehen zwei total unhippe Lokalitäten im Wedding an. Dazu konnte in den Freund im Laufe des Abends überreden.

Rosa-Luxemburg-Str. 39-41
10178 Berlin
Tel: 030 1389 9906

http://www.heinrich-restaurant.de/

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11
Jan
10

Von Ratten und Schmeißfliegen

Wer eine Ausstellung über „Ratten und Schmeißfliegen“ sehen möchte, hat dazu noch bis Ende Januar in Berlin Gelegenheit. Dabei geht es nicht, wie in den Zitaten von Franz Josef Strauß von 1978 und Edmund Stoiber von 1980, um CSU-kritische Journalisten und Schriftsteller. Es geht auch nicht um Juden, wie in dem NS-Propagandafilm ”Der ewige Jude”, dessen Autor, Eberhard Taubert, Richter am Volksgerichtshof, Referent beim Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda und später dann Berater eben dieses Franz Josef Strauß war.

In der Ausstellung „Berliner – nie allein zu Haus! – (Un)heimliche Tiere in Haus und Garten“ geht es um reales, größeres und kleineres Geziefer. Flöhe, Läuse oder Wanzen, Buchskorpione, Schmeißfliegen, Automarder, Stadtfüchse und Wildschweine, alles was der Berliner sich gerne nach Hause einlädt und was gerne mal beim Berliner zu Hause vorbeischaut, wird hier recht anschaulich dargestellt. Über Ratten erfährt man nicht nur, wie man sie bekämpft, sondern kann sich auch ein Faltblatt über die artgerechte Haltung der Tiere mitnehmen. Wer weiß schon, dass die Hausratte in Berlin seit ca.1930 ausgestorben ist und es die anpassungsfähigeren Wanderratten sind, die uns gelegentlich via Kloschüssel einen Besuch abstatten? Oder dass es in Berlin noch in den 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts Malariaepidemien gab?

In einem Hotelparkhaus am Alexanderplatz hat sich ein Waschbär eingerichtet, im Kita-Garten der Tochter tauchte ein junger Fuchs auf, auf den Köpfen der Kinder immer wieder Läuse. Selbst Wildschweine unternehmen ja gelegentlich Ausflüge zum Alexanderplatz. Da ist es nur gut, wenn man sich etwas vertraut gemacht hat mit dem Viehzeug und nicht so dämlich da steht wie ich neulich, als ich im Restaurant Waldhaus an der Havelchaussee ein Stück Wildschweinbraten verspeist hatte. Die Dunkelheit überraschte mich an der Bushaltestelle. Ein beängstigendes Rascheln kam immer näher und als Verursacher war bald eine Wildschweinrotte ausgemacht. „Jetzt rächen sie sich! Jetzt rächen Sie sich!“ waren meine letzten Gedanken bevor endlich der Linienbus eintraf und mich aus meiner misslichen Lage befreite. In der Ausstellung lernt man, dass auch anders miteinander umgegangen werden kann, wie dieses Foto (Quelle: Stadtmuseum Berlin | Berliner – nie allein zu Haus ! | c) Michael Setzpfandt) zeigt:

Mein Lieblingsexponat ist ein Stück Milbenkäse aus Thüringen. Es war mir aber unmöglich davon abzubeißen, da man ihn wohlweislich hinter einer Glasscheibe platziert hat:

Auch berufliche Perspektiven werden aufgezeigt. Wenn gar nichts mehr geht, kann man immer noch ein Insektenhotel aufmachen:

Wenn man in Berlin doppelt sieht, muss das nicht am übertriebenen Alkoholkonsum liegen. Hervorgerufen durch die Teilung der Stadt gab es zahlreiche Institutionen im Osten und im Westen. Ob Flughäfen, Opernhäuser, Staatsbibliotheken, Planetarien, Funk- bzw. Fernsehtürme: „Was ihr habt, wollen wir auch haben und zwar schöner, höher und pompöser“, lautete die Maxime in beiden Teilen der Stadt. So wurde auch die naturwissenschaftliche Sammlung von einem Förderkreis angelegt, dessen Ziel es war, ein Naturkundemuseum in Westen zu etablieren, als Gegenpart des traditionellen Hauses, das im Ostteil der Stadt lag. Der Vater einer Kollegin, Professor der Paläontologie, war dort Mitglied. Von daher hatte es sich in der Familie etabliert, allerhand totes Getier, das sich so ansammelt, im Kühlschrank aufzubewahren bis man es zum Präparieren einem Museum übereignen konnte. Gab öfter mal Ärger in der WG…

Seit 1987/88 ist die Sammlung in einem von Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte entworfenen Gebäudekomplex in unmittelbarer Nähe des Schloßes Charlottenburg untergebracht. Nach der Wende wurde sie in die Stiftung Stadtmuseum Berlin eingegliedert, und musste sich einen deutlichen Berlinbezug zulegen. So ist beispielsweise ein Forschungs- und Sammlungsschwerpunkt „Bären als Wappentier Berlins“. Von Zeit zu Zeit zeigt man Sonderausstellungen.

Naturwissenschaftliche Sammlung
Schloßstr. 69
14059 Berlin
Tel.: 030 3425030

http://www.stadtmuseum.de/index3.php?museum=ns&id=380

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23
Dez
09

Der Weihnachtsmann ist käuflich

Ich habe eine starke Affinität zu Weihnachten. Schon immer und ungebrochen. Selbst als ich vor langer Zeit als Nachwuchsautonomer auf der traditionellen Heiligabenddemo „Frohes Fest – Cholera und Pest!“ skandierte, richtete sich das keineswegs gegen Weihnachten als Institution. Ein paar Jahre später trug ich mit einigen anderen studentischen Weihnachtsmännern ein Transparent an der Spitze einer winterlichen Streikdemo. „Mit Heckelmann, Landowsky und Co wird keines Eurer Kinder froh“ warnten wir mit rauschebartbasierter Autorität die Eltern des zukünftigen Akademikernachwuchses vor der damaligen reaktionären Berliner Politikerkaste. Das Vermummungsverbot traute sich die Polizei natürlich nicht durchzusetzen. Die anwesenden Pressefotografen hätten zu gerne Bilder von Polizisten, die auf Weihnachtsmänner einschlagen, geschossen.

Am nächsten Tag stand ich dann im selben Outfit vor einem Herrenbekleidungsgeschäft und verteilte Süßigkeiten. Man konnte mich mieten. Seit etlichen Jahrzehnten vermittelt die studentische Arbeitsvermittlung „Heinzelmännchen“ Weihnachtsmänner (und mittlerweile auch Engel). Im Jahr erfüllten 500 Weihnachtsmänner 5.000 Bestellungen. Der Standardpreis (Heiligabend, Berliner Stadtgebiet, Familie mit bis zu drei Kindern) liegt mittlerweile bei 31 Euro.

Viele Jahre schmiss ich mich in den roten Fummel, betröpfelte meine Brille mit Antibeschlagmittel, und kurvte mit meinem kleinen Suzuki-Bus durch mein Einsatzgebiet. Dabei hörte ich lautstark Weihnachtslieder vorwiegend angloamerikanischer Provenienz, je sentimentaler desto besser. Mein Areal umfasste Teile des eigenheimdominierten Britz und der Gropiusstadt. Genau der Trabantenstadt, die man von Christiane F. kennt. In 20-Minuten-Takten trieb es mich in immer neue Wohnzimmer, wo ich Berliner Gören lobte und ihnen behutsame Verhaltensverbesserungsvorschläge unterbreitete, riesige Geschenkehaufen niedermachte, auf Dutzende Videos gebannt wurde und – nachdem ich oft darauf bestehen musste, dass sowohl der Fernseher als auch der Plattenspieler abgeschalten wurde – mit Inbrunst Weihnachtslieder schmetterte. Bei manchen Familien wäre ich gerne geblieben, bei anderen dankte ich dem Himmel, dass ich da so schnell wieder raus kam…

Übrigens waren auch Jürgen von der Lippe und Karl Dall in jungen Jahren als Weihnachtsmänner bei den Heinzelmännchen tätig!

Ein Abend hat sich mir besonders eingeprägt. Die Erzieherinnen einer jugendlichen Wohnheimgruppe hatten es lustig gefunden mich zu bestellen. Die Jugendlichen fanden das nicht lustig. Sie reagierten auf keine meiner Bemühungen. Irgendwann gab ich auf und tat etwas, was Weihnachtsmännern strengstens verboten ist: Ich nahm meinen Bart ab und bat um ein Bier und eine Zigarette. Das taute die Atmosphäre etwas auf. Ich hatte dennoch beschlossen für diesen missglückten Auftritt auf mein Honorar zu verzichten. „Wieso das denn?“ fragte die Betreuerin “so viel wie mit Ihnen haben die Jungs mit uns noch nie gesprochen…“ Fünf Minuten später fand ich mich vor einer riesigen Festtagstafel, um die sich, dominiert von einem Patriarchen, der mich verdächtig an Mario Adorf erinnerte, eine vielköpfige Großfamilie versammelt hatte. Etwas beschwingt von dem gerade konsumierten Bier behauptete ich, dass irgendjemand bei `Oh Tannenbaum´ gebrummt hätte. „Ich glaube, Du bist das!“ wies der Weihnachtsmann auf den Alten. Plötzlich herrschte Totenstille, manches Gesicht wirkte recht erschrocken. Mario glubschte mich ungläubig an: „Du singst jetzt mal alleine `Oh Tannenbaum´“ befahl ich ihm. Er zögerte etwas, dann brummte er los. Erst unsicher, dann mit zunehmender Begeisterung. Als er fertig war, grinste er übers ganze Gesicht, alles klatschte und jubelte und mir bleib nur ein leises „Geht doch“. Als man mir dann im Flur den vorbereiteten Umschlag mit dem Honorar gab, kam Mario noch schnell raus und drückte mir verschmitzt grinsend zusätzliche 50 Mark in die Hand.

Gleich anschließend ging es mit dem stinkenden Fahrstuhl in eine Sozialwohnung im siebten Stock. Die Wohnung war nur rudimentär möbliert. In einem Sessel hatte sich der männliche Part der Familie platziert. Aggressiv und fischäugig glotzte er mich an und versuchte irgendetwas zu artikulieren. Vergeblich, es war schon zu viel Alkohol in ihm. Die Mutter blickte mich mit einem verheulten Gesicht wie einen Eindringling an und wirkte auf seltsame Art entrückt. Dann noch zwei Mädchen, die Ältere gerade zehn Jahre alt, ihre kleine Schwester vielleicht vier. Sie versuchten den Schein einer fröhlichen Weihnacht aufrecht zu erhalten. Die Zehnjährige hatte mit der Kleinen ein ellenlanges Gedicht einstudiert. Das diese jetzt vortrug, während die große Schwester aufmunternd weiterhalf, wenn es mal stockte. Wenig später konnte man einen heulenden Weihnachtsmann aus dem Haus kommen sehen.

Weihnachtsmannvermittlung des Studentenwerks Berlin
Hardenbergstr. 34
10623 Berlin

http://www.berliner-weihnachtsmann.de

030 84312212
weihnachtsmann@studentenwerk-berlin.de

25
Nov
09

Orion ohne Erinnerung

Kurz hinter Staffelde fiel die Tochter in den Schlaf, was allerdings nicht viel änderte, denn als Kartenleserin war sie auch schon vorher ein Totalausfall. Na ja, von einer Zweijährigen darf man in diesem Metier wohl auch nicht zu viel erwarten. „Umwege erhöhen die Ortskenntnis“ ist ein Motto, dem ich schon immer viel abgewinnen konnte. Ich hasse Navigationsgeräte, nicht nur weil ich mir nicht gerne sagen lasse, wo es für mich langzugehen hat. Mir genügen flüchtige Blicke in die Karte und ansonsten orientiere ich mich am Stand der Sonne. Jedenfalls hatten wir wohl eine entscheidende Abfahrt verpasst, als wir mit dem Auto auf dem Weg nach Linum waren, um uns dort Kraniche anzuschauen.

Orion. Ein witziger Name für einen Brandenburger Ort. Ich bog spontan von der Hauptstraße ab und hielt nach Spannendem Ausschau. Keine Raumstation, nichts Erotisches, nur Einfamilienhäuser. Der Ort Orion wirkte sehr langweilig. Es war auch später nicht leicht, etwas über ihn zu erfahren. Die Geschichte ist nicht witzig. Der Ursprung des Ortes liegt in der Nazizeit. In einer Rüstungsfabrik auf einer Waldlichtung ließen die Faschisten Leuchtspurmunition fertigen. Daher der Name des Ortes. Geblieben von damals sind nur drei verklinkerte Ingenieursunterkünfte und ein ebenfalls mit Klinkern versehenes Abwassernetz. Irgendwo soll es auch noch die Abschussrampen geben, von denen aus bei Tests die Leuchtmunition ins Kremmener Luch geschossen wurde. An die Zwangsarbeiter, die hier leiden mussten, erinnert vor Ort nichts. Absolut nichts. Anlässlich des 60. Jahrestages der Befreiung vom Faschismus im Mai 2005 wurden von der Lokalen-Agenda-21-Gruppe gemeinsam mit der Stadt Kremmen – zu der Orion mittlerweile gehört – und mit Unterstützung der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ drei ehemalige ukrainische Zwangsarbeiterinnen, die in ihrer Jugend in der Munitionsfabrik Orion ausgebeutet wurden, eingeladen und betreut. Immerhin.

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10
Nov
09

Häuptling Eigener Herd – Die Vierzigste

Jetzt ist die 40. Ausgabe erschienen. Sie trägt den Titel „Frankenstein“. Kulinarisch fällt einem dazu spontan Einiges ein. Aber der „Häuptling Eigener Herd“ wäre nicht er selbst, wenn den Autoren nicht noch ein wenig mehr einfiele. Rolf Cantzen und Bodo Dringenberg werfen einen bestens recherchierten Blick in die Kochtöpfe der Kannibalen, Thomas Vilgris setzt sich mit dem medialen Hype um den Analogkäse auseinander, der Restaurantkritiker Jörg Zipprick erinnert wehmütig an den Film „Brust oder Keule“ von Louis den Funès und lässt die Molekularküche alt aussehen. Aber auch Schaumschläger wie der „FAZ-Großkritiker“ Jürgen Dollase, der seine Leser mit Begriffen wie „Texturerwartung“, „Ressentiment-Küche“ oder „Subtilitätsgewinn“ malträtiert, bekommen ihr Fett weg. Vincent Klink steuert „eines der wichtigsten Rezepte des Abendlandes“ bei, um nur einige Beiträge zu erwähnen. Das Ganze ist diesmal mit Zeichnungen von Rattelschneck illustriert.

Häuptling

Vergaß ich zu erwähnen, dass der „Häuptling Eigener Herd“ die von Sterne- und Fernsehkoch Vincent Klink (Restaurant Wielandshöhe) und Satiriker Wiglaf Droste gemeinsam herausgegebene, etwas andere literaturkulinarische Zeitschrift ist? Sie erscheint „so vierteljährlich wie möglich“. Wesentlicher Auslöser für ihr Auftauchen in der Welt vor zehn Jahren war, dass man Klink, als einem Herausgeber des Kulinarischen Almanachs bei Klett-Cotta, still und heimlich, ohne Rücksprache ein Gedicht entfernt hatte. Seitdem tanzt der Häuptling unter dem Motto „Wir schnallen den Gürtel weiter“ auf dem dünnen Seil zwischen Geschmack und Geschmacklosigkeit. Jedes Heft ist einem speziellen Thema gewidmet und wird jeweils durchgehend von wechselnden Zeichnern bebildert. Die „kulinarische Kampfschrift“ kostet im Abo für 4 Ausgaben 54.- Euro, das Einzelheft 14,90. Ich lasse mir jedes Jahr ein Abo zu Weihnachten schenken. Wenn die Post dann eine Ausgabe bringt, lese ich sie mehr oder weniger am Stück durch. Das „Lebensmittel für Hirn und Wanst“ ist das Geschenk für Jeden, der sich für Genuss und Literatur begeistern kann. Mehr Geschenktipps sind von mir bis Weihnachten nicht zu erwarten!

Alte Weinsteige 71, c/o Edition Vincent Klink GmbH, 70597 Stuttgart
www.haeuptling-eigener-herd.de

Einzel- und Abo-Bestellungen:
BuchGourmet, Herrn Dieter K. Eckel, Hohenzollernring 16 – 18, 50672 Köln

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30
Okt
09

Max und Moritz ohne Tücke

Geschäftspartner aus diversen asiatischen und europäischen Ländern wollten zum Abendessen ausgeführt werden. Etwas traditionell Berlinerisches sollte es sein. Gar nicht so leicht zu finden, denn wenn irgendwo Alt-Berliner Kneipe dran steht, fühle ich mich zunächstmal abgestoßen. Dann wird meist der alte Zille missbraucht, es mieft nach Berliner Luft, Luft, Luft und die olle Hungerkralle will sich Touristen grapschen, die nicht schnell genug Reißaus nehmen können, die morgen eh wieder weg sind, die nicht wieder kommen brauchen. Täglich schleusen Flieger, Busse und Bahnen neue Opfer in die Hauptstadt.

Das Max & Moritz hebt sich positiv ab. Zwanzig Plätze waren unkompliziert per Telefon reserviert. Auf Nachfrage erfuhr ich, dass weder EC- noch Kreditkarten akzeptiert werden. Auf meinen Einwand, dass ich ungern mit dicken Geldbündeln in der Tasche durch die Gegend liefe, hieß es, ich solle einfach eine professionell gestaltete Visitenkarte mitbringen, das würde auch reichen, um das Konsumierte per Rechnung zu begleichen. Dass sich jetzt aber niemand auf mich beruft und versucht Ähnliches einzufordern.

Das Kreuzberger Wirtshaus macht nicht bemüht auf traditionell, zahlreiche Details der Innenarchitektur und des Mobiliars lassen die über 100-jährige Geschichte einfach nicht leugnen. Im Jahre 1902 eröffnete Felix Fournier das Wirtshaus am 70. Geburtstag Wilhelm Buschs. Der war mit der Namenswahl einverstanden, stellte aber als Bedingung, dass einmal in der Woche Erbsensuppe an die arme Bevölkerung ausgegeben würde. In den 20er Jahren entwickelte sich das Max & Moritz zum Vergnügungslokal mit 400 Sitzplätzen in zwei Speisesälen, mit Stehbierhalle und Likörtresen. Tatsächlich verkehrten sowohl Heinrich Zille, als auch Paul Lincke – der Komponist der „Berliner Luft“ – hier. Damals wurde das gesamte Haus genutzt. In der zweiten Etage befand sich der Küchentrakt, die dritte Etage war Schlachterei, in der vierten Etage war die Räucherei untergebracht und im Hinterhaus wohnte das Personal. Zum Mittagessen fuhren betuchte Gäste aus dem nahen Zeitungsviertel vor, abends traf sich der Gesangsverein „Typografie“ der Reichsdruckerei, die Arbeiterparteien hielten Versammlungen ab, aber auch die Deutsche Sozialwissenschaftliche Gesellschaft kam hier zusammen.

Michael Kuhlmann, der zusammen mit Chefkoch David Ryan den Laden seit 2006 leitet, erzählt, dass Felix Fournier als Jude zu Beginn der Nazizeit das Wirtshaus einer älteren Stammkundin überschrieb. Die versteckte ihn bis zur Befreiung in einer Gartenlaube, anschließend habe er das Lokal weiter betrieben. Es folgten mehrere Besitzerwechsel. In den 70ern sollten die Räume als Möbellager genutzt werden. Das Mobiliar war schon in den Keller ausgelagert als ein badischer Theologe das Potential der Räume erkannte und das Max & Moritz mit viel Liebe zum Detail wieder her richtete. Der Laden wurde zum Kreuzberger Szenelokal, zeitweise kollektiv geführt. Am 5. Oktober 1978 wurde im großen Saal die Alternative Liste gegründet. Gründungsmitglieder waren u.a. Wolfgang Wieland und Hans-Christian Ströbele. In den 90ern begann die Wohnungsbaugesellschaft Bewoge mit der Totalsanierung des Hauses. Das Lokal musste für mehrere Jahre schließen und wurde erst 2001 von neuen Betreibern wiedereröffnet.

Das Gasthaus ist heute dreigeteilt. Die ehemalige “Stehbierhalle” und das “Likörbuffet mit Brötchenschrank für kalte Speisen” bieten Platz für das eigentliche Restaurant. Im Obergeschoß gibt es einen kleinen Saal mit beeindruckenden Glasmalereien. Es gibt hier eine niedliche Bühne mit Schminkraum, eine Bibliothek und eine kleine Bar. Im hinteren Teil des Erdgeschosses findet man den gerade renovierten Ballsaal. Seine Jugendstil-Oberlichter schaffen ein ganz eigenes Ambiente.

Man bietet traditionelle Berliner Küche, schränkt aber auf der Karte auch gleich ein: „Der Ausdruck `Berliner Küche´ ist eigentlich falsch. Der Ursprungsort der wenigsten`Berliner´ Gerichte ist Berlin. Berlinisch ist die spezielle Art die Dinge zu nehmen, der `Pfiff´, so wie die landlosen Bauern und Handwerker, die aus der Niederlausitz, aus Schlesien und dem Oderbruch am Görlitzer- oder am Schlesischen Bahnhof ankamen, mit der in rasender Eile entstehenden Großstadt fertig werden mußten. Aus ihrer Heimat brachten Sie auch ihre Eßgewohnheiten mit und im Schmelztiegel der Arbeitervorstädte entstand dieses speziell `Berlinische´, dort ist es auch heute noch zu Hause.“ Dass die Berliner Kultur eine der Zugezogenen ist, ist sicherlich wahr, macht die ganze Chose aber etwas beliebig, so dass auch Westfälische Mettenden mit süß-sauren Brechbohnen, Rheinischer Sauerbraten und sogar süßer Flammkuchen mit Äpfeln, Rosinen, Zimt und Calvados, am Tisch flambiert, im Angebot sind. Insgesamt bietet die Karte aber eine überschaubare Anzahl von klassischen, Hausmannkost-Gerichten, ergänzt durch eine den Jahreszeiten angepasste Tageskarte. Man schmeckt, dass frische und hochwertige Zutaten verwendet werden.

Das war allerdings meinen Gästen zunächst reichlich egal. Japaner und Chinesen bestellten sich Schlachteplatten oder Eisbein und zückten beim Servieren ihre Handykameras, denn von solchen barbarischen Fleischbergen waren sie fasziniert. Mein Rindersteak war zwar ein klein wenig länger gebraten als ich geordert hatte, aber immerhin machte mich die Kellnerin darauf aufmerksam und bot mir an, ein neues zu bringen, falls ich es wünschte.

Überhaupt die Kellnerin. Sie beeindruckte nicht nur durch ihr fließendes Englisch, sondern auch dadurch, dass sie sich Getränke- und Speisebestellungen (mit einigen Extras) – scheinbar problemlos – im Kopf merken konnte. Für meinen indischen Tischnachbarn kam das einem Zaubertrick gleich. Auf Nachfrage erfuhr er, dass sie als bildende Künstlerin eben ein gutes räumliches Vorstellungsvermögen hätte, sich Gesichter merken und außerdem rechnen könne.

Obwohl alle reichlich den fünf Biersorten vom Fass oder der kleinen, aber ordentlichen Weinauswahl zusprachen und ein Teil der Gäste den Abend mit mehreren Runden Jägermeister abschließen zu müssen glaubte, kam eine erstaunlich niedrige Rechnung zusammen, die alles in allem bei nicht mehr als 25 Euro pro Person lag.

Da erlaubte ich mir, als alle auf den Heimweg gebracht waren, noch ein Glas badischen Dornfelder an der Theke zu genießen und beschoss, hier öfter einzukehren.

Mein Beitrag zu Max und Moritz – Ich bin Stroheim – auf Qype





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