30
Jul
08

Friedhof und Dorfkirche Alt-Stralau

Als ich vor Jahren einmal mit einer jüdischen Freundin über einen christlichen Friedhof in Berlin-Mitte flanierte, fiel ihr auf, wie wenig alte Gräber es dort gab. Als ich ihr erklärte, dass hier die Gräber nach wenigen Jahrzehnten eingeebnet und die Grabsteine abgeräumt werden, sah sie mich mit aufgerissenen Augen an – schwankend zwischen Ungläubigkeit und Entsetzen. Hätte ich ihr gesagt, wir rösten die Augäpfel unserer Toten über dem Lagerfeuer wie Marshmallows und verzehren sie danach mit Schokoladensauce, hätte ihr Befremden nicht stärker sein können.

Diese Episode kam mir in den Sinn, als es mich nach Jahren wieder einmal auf dem Friedhof der Dorfkirche Alt-Stralau verschlug. Irgendetwas fehlte. Das Grab des alten Bäckermeisters war nicht zu finden. Nach langer Suche entdeckte ich den Grabstein in einem abgelegenen Winkel am Rande des Kirchhofs. Hier, gleich neben den Grün- und Plastikabfällen, sammelt man die alten Grabsteine. Wenn die nötige Anzahl erreicht ist, werden sie vermutlich abgeholt und zu Schotter zermahlen…

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Die letzte Ruhe mit Wasserblick ist also gar nicht die letzte. Alles ist vergänglich.

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Auf dem Friedhof feierte man übrigens auch Jahrhunderte lang am Bartolomäustag, dem 24. August, den Stralauer Fischzug zum Beginn der Fischereisaison. Da dieses Fest, alljährlich mit wüsten Saufgelagen, Schlägereien und unzüchtigen Szenen endete, wurde es 1873 verboten, ab 1880 dann wiederbelebt, aber in die Stralauer Gartenlokale verlegt.

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Die Dorfkirche Alt-Stralau wurde 1464 eingeweiht und ist damit das älteste Gebäude Friedrichhains. Der Bau aus Feld- und Backsteinen hatte immer wieder unter Unwettern und Blitzeinschlägen – und 1945 unter Bombenangriffen – zu leiden. Sie wurde ein ums andere Mal aufgebaut, renoviert und erweitert. Bemerkenswert sind zwei mittelalterliche, farbige Glasfenster (um 1460: Geißelung Christi und Georg im Drachenkampf), ein romanischer Taufstein sowie der Schnitzaltar mit gemalten Seitenflügeln. In den Sommermonaten (Mai bis August) ist die Kirche jeden Sonntag von 11.00 bis 15.00 Uhr geöffnet, jeden ersten Sonntag im Monat um 10.00 Uhr gibt es einen evangelischen Gottesdienst und jeden vierten Sonntag im Monat um 17.00 Uhr ein Konzert.

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Manfred Bofinger, Berliner Grafiker und Karikaturist hat hier seine „letzte“ Ruhe gefunden. Auf seinem Grabstein hockt eine Figur im Schneidersitz, die in ein dickes Buch vertieft ist.

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Man sieht über die Gräber hinweg auf der anderen Seite der Spree die Insel der Jugend, das Gasthaus Zenner und den Treptower Hafen. Teilweise sind die Grabstellen so dicht am Wasser, dass sich die praktische Frage aufdrängt, ob sie beim Ausheben nicht sofort mit Wasser volllaufen müssten.

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Wenn man – wie ich – an einem Wochentagnachmittag im Sommer kurz bevor der Regen kommt, auf einer Bank sitzend die Zeit vergisst und über Grabsteine hinweg aufs Wasser schaut, kann man hier in bittersüßer Traurigkeit schwelgen und seinen Gedanken nachhängen. Wie mag es der eingangs erwähnten Freundin ergangen sein? Vor 15 Jahren hat sie in Australien geheiratet, da erreichte mich noch eine Karte. Danach nichts mehr…Ob der Bäckermeister noch Nachkommen hat, wo mögen sie leben, wissen sie von dem Schicksal des Grabsteins ihres Ahns? Ist es ihnen egal?

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Hier stört einen Niemand. Man ist ganz allein und das gerade mal eine knappe Viertelstunde entfernt von den Treptowers. Dieser Ort ist ein Muss für Melancholiker.

Adresse: Tunnelstraße 5 – 11, 10245 Berlin


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