27
Nov
08

Hochablass

Ein Ablass ist in der katholischen Lehre ein Gnadenakt, durch den zeitliche Sündenstrafen, beispielsweise durch Bußauflagen, erlassen werden können. Auch jedem der den päpstlichen Segen „Urbi et Orbi“ hört und „der guten Willens ist“ wird ein Ablass seiner Sündenstrafen gewährt. Ursprünglich musste man dazu anwesend sein. Seit 1967 kann der Segen auch über das Radio, seit 1985 über das Fernsehen und seit 1995 sogar über das Internet gültig empfangen werden. Immer auf der Höhe der Zeit, die katholische Kirche.

Papst Leo X war auf Grund seines aufwendigen Lebensstils ständig verschuldet. Angeln und Jagen, das Sammeln von exotischen Tieren sowie Feste und Karnevalsumzüge gehörten zu seinen Lieblingsbeschäftigungen. Angeblich soll er sich auch einen Hofnarren gehalten haben, den er prügeln ließ, wenn er nicht witzig genug war. Irgendwie musste das ja finanziert werden und so ersann man den Handel mit Ablassbriefen. Dem Käufer wurde ein Nachlass seiner Sündenstrafen versprochen. Der berühmte Ablassprediger Johann Tetzel handelte 1514 mit Ablassbriefen um angeblich die Türkenkriege zu finanzieren. Tatsächlich sollte aber damit der Bau der Peterskirche in Rom finanziert werden. Das alles fand ein gewisser Martin Luther gar nicht gut. So kam es zur Reformation und Gegenreformation und diesen ganzen Geschichten.

Während der Herbstferien besuchte ich Augsburg. Sitz des berüchtigten Bischofs Mixa. Hier latschen sich die Kirchen gegenseitig auf die Füße. Als ich das erste Mal vom Hochablass hörte, sah ich umfangreiche Bußübungen oder deftige Geldausgaben auf mich zukommen.

Damit lag ich vollkommen falsch. Der Hochablass ist ein Stauwehr, eine Art kleine Talsperre mit einem Brüstungsgang von einem Ufer zum anderen. Es reguliert das Wasser des Lechs, bestimmt, wie viel davon in die Stadt fließen darf. Dort durchfließt es in vielen Kanälen die Altstadt. Der plastische Schmuck am westlichen Brückenkopf (ein Flößer und eine Spinnerin mit Spindel, Füllhorn und Turbinenrad) stammt von dem Österreicher Josef Köpf (1873 – 1953) und verweist auf die Bedeutung des Wassers für Handwerk und Industrie der Stadt.

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Für Technikfreaks: Der Hochablass in seiner heutigen Form ist eine querliegende Stahlbetonkonstruktion. Die elektromotorisch betriebenen Walzen- und Schütztafelwehre sind sowohl fest wie auch beweglich und regelbar. Es gibt eine Kiesschleuse, einen Fußgängersteg und ein Getriebehäuschen mit einem Glockenturm. Insgesamt fließen hier 45 Kubikmeter pro Sekunde durch. Die Wehrbreite beträgt 145 Meter. Der Hochablass hat sechs Wehrfelder und bildet die Form eines Z nach. Der östliche Wehrteil ist mit drei Gegengewichtsklappen und zwei Überfallschwellen ausgestattet, der westliche Wehrteil mit einem Walzenwehr, einer Fischbauchklappe und einem Hakendoppelschütz. Die Fallhöhe beträgt 5,80 Meter.

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Ich interessiere mich nicht so sehr für technische Details und schaue lieber den Wassermassen, die mit donnerndem Getöse und hoher Gischt das Wehr hinabbrausen und denke dabei an Leo, Tetzel, Luther und den Augsburger Frieden, der 1555 immerhin bis zum 30-jährigen Krieg anhielt und damit dem Land gut ein halbes Jahrhundert Frieden bescherte und den Augsburgern bis heute einen gesetzlichen Feiertag mehr.

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Seit den Olympischen Spielen 1972 wird vom Hochablass aus auch eine nahe gelegene Kanustrecke – der Eiskanal – gespeist. Im weiteren Verlauf führt er durch ein Freibad, das Fribbe, man kann sich dort ein einige Dutzend Meter von dem rasant fließenden und selbst im Hochsommer erfrischend kühlen Kanal mitreisen lassen oder – wenn man ein wenig auftrumpfen will – einfach eine Zeit lang gegen die Strömung schwimmen.

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Bereits 1346 wurde ein Lechanstich an dieser Stelle erwähnt. In den darauf folgenden Jahrhunderten immer wieder zerstört durch Feuer, Hochwasser, Krieg und wieder aufgebaut. 1910 reißt ein Hochwasser letztmalig alles davon. In den Jahren 1911 und 1912 wird der Hochablass in der heutigen Form wiederaufgebaut, diesmal aus massivem Stahlbeton.

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An schönen Sonntagnachmittagen tummelt es sich hier. Zu anderen Zeiten findet man hier aber auch seine Ruhe. Auf der westlichen Seite sind der Siebentischwald mit dem Wasserwerk am Hochablass, auf der östlichen der Kuhsee lohnenswerte Ziele. Oder man geht einfach runter zum Wasser und durchstöbert die Lechauen.

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Adresse: Am Eiskanal 30, 86161 Augsburg


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