12
Dez
08

Verbrechen und Strafe

Im Rahmen der Spielzeit´europa zeigen die Berliner Festspiele als Deutschlandpremiere Dostojewskis Klassiker „Schuld und Sühne“ in der Fassung von Andrea Breth. Da die gezeigte Produktion der Salzburger Festspiele auf der Neuübersetzung Swetlana Geiers von 1994 basiert, heißt es jetzt „Verbrechen und Strafe“.

Ein fünfstündiges Theaterstück – inklusive zweier halbstündiger Pausen – ängstigte mich im Vorfeld etwas. Doch die fünf Stunden haben sich gelohnt, das Stück hat zwar eine ordentliche Länge aber keine Längen. Die erste Hälfte des Stückes wo teilweise Gedachtes, Geträumtes, Geschriebenes und Reales in kurzen clipartigen Szenen, die getrennt durch grelle, das Publikum blendende Schweinwerfer, gezeigt werden, erschließt sich wohl kaum, ohne Kenntnis der Romanvorlage. Nach der ersten Pause wird es konventioneller, nahezu klassisch und immer sehr dicht am Text Dostojewskis.

Der Langzeit-Jurastudent Raskolnikov, der sich mit dem Mord an einer Pfandleiherin von der armseligen Masse abheben will, aber sich damit in tiefe Verwirrung und Einsamkeit stürzt, wird von Jens Harzer in einer schnoddrig-nöhlenden Art verkörpert, die man nicht so schnell vergisst. Nicht weniger beeindruckend Sven-Eric Bechtolf als morallos-dekadenter Gutsbesitzer, Udo Samel als väterlicher Untersuchungsrichter, Marie Burchard als Dunja, Raskolnikovs Schwester und Wolfgang Michael als ihr schmierig-verklausulierter Verlobter.

Die Regisseurin Andrea Breth, von 92 bis 97 künstlerische Leiterin der Berliner Schaubühne, hatte die beauftragte Bühnenfassung des bulgarisch-österreichischen Autors Dimitré Dinev verworfen und eine eigene geschrieben. Sie stellt den Ekel an der Welt des jungen Raskolikovs in den Mittelpunkt, die spätere Läuterung in einem sibirischen Straflager, bleibt außen vor.

Die mystisch-düsteren Bühnenbilder von Erich Wonder wirkten teilweise grottenartig, ausweglos, teilsweise als zögen sie sich bis zum Horizont, ohne Begrenzung. Sie erinnern an Alfred Kubins Dostojewski-Illustrationen. Sehr beeindruckend – zumindest von meinem billigen Platz in einer der hinteren Reihen auf dem Rang.

Die "dunkle Dramatisierung von Dostojewskis Roman durch Regisseurin Andrea Breth" sei "nur für Ignoranten zu langsam", urteilt Norbert Mayer in der Wiener Presse, sie sei "in ihrer psychologischen Raffinesse packend bis zum Schluss, fast wie das Original.“ Da schließe ich mich an.

Mit der Uraufführung des Stückes wurden im Juli 2008 die Salzburger Festspiele eröffnet. Dort wird es auch im Sommer 2009 wieder zu sehen sein. In Berlin läuft es noch am 12. und 13. Dezember 2008.

Mein Beitrag zu Verbrechen und Strafe – Ich bin Stroheim – auf Qype


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