Archiv für April 2009

27
Apr
09

Du sollst nicht begehren…

Das Berliner Volksbegehren „Pro Reli“ ist gestern grandios gescheitert. Es war so überflüssig wie ein Kropf. Sowohl “Pro Reli“ als auch “Pro Ethik“ scheuten sich nicht, uns mit schauerlichsten Unterstützersongs zu belästigen. Solche Musik macht die Welt einfach ein kleines bisschen schlechter. Dass der Senat öffentliche Gelder hernahm um Anzeigen gegen den Volksentscheid zu schalten, hat mich geärgert. Das die andere Seite Kirchensteuereinnahmen für eine überzogene Kampagne verschwendete, ebenfalls. Es waren jeweils meine Steuergelder und die sähe ich lieber dafür genutzt, dass es besseren Unterricht mit weniger Ausfällen, in angenehmerer Atmosphäre und mit individueller Förderung des Einzelnen an Berlins Schulen gäbe.

Und die Kirchen werden sympathischer, wenn sie mit den Schwachen und Ohnmächtigen sind, etwas für Obdachlose und Knackis tun, statt nach Stärke und Macht zu streben.

Es ging weder darum, den Religionsunterricht an Schulen zu verbieten, noch darum, Schüler zur Teilnahme zu zwingen. Aber solche und ähnliche Halb- und Unwahrheiten wurden von beiden Seiten gezielt eingesetzt. Vor meinen Augen haben Beide damit verloren. Lügen mag ich einfach nicht – aus ethischen und religiösen Gründen.

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23
Apr
09

Zum Welttag des Buches

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Natürlich liebe ich Bücher. Hätte sich mir die Welt von D´Artagnan und Frisco Kid, von Tom Sawyer und Kalle Blomquist nicht aufgetan, hätte ich meine Kindheit in einem kleinen, platten, niedersächsischen Dorf nie überlebt. Später habe ich mir das Geld für Lesestoff tatsächlich manchmal vom Mund abgespart und wenn es gar nicht anders ging auch schon mal einen Band beim Buchhändler mitgehen lassen (Don´t try this at home!). Ich war studentischer Mitarbeiter eines Verlages und einer Fachbereichsbibliothek und später wurde mir tatsächlich einmal eine Stelle als Buchhändler angetragen, obwohl mir jegliche adäquate Ausbildung fehlt.

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Heute lief mir – buchstäblich – jemand über den Weg, der bei Weitem mehr Liebe zu Büchern aufbringt als ich. Ich habe einen Nachbarn. Wir wohnen im selber Moabiter Mietshaus, aber ich kenne ihn kaum. Wir grüßen uns im Treppenhaus. Er hat eine nette Familie, Frau und zwei Kinder. Er gehört nicht zum Bataillon der Durchgeknallten, das hier einen nicht geringen Zulauf hat. Seine große, bärige Gestalt begegnet mir manchmal auf dem Weg zur U-Bahn. Wir arbeiten zeitversetzt. Er kommt morgens nachhause, wenn ich zur Arbeit gehe. Er ist Wachmann oder Pförtner oder so etwas. Vermutlich kann er die ganze Nacht hindurch lesen. Aber es genügt ihm nicht. Sein massiger Körper bewegt sich nur ganz langsam vorwärts, ganz vorsichtig setzt er einen Fuß vor den anderen, kurze Schritte, ein wenig watschelnd. Nie würde er mich erkennen, denn er hält sich auf seinem Heimweg immer ein Buch vors Gesicht. Er liest während er die U-Bahntreppe hochsteigt. Er liest auf dem Gehweg bis zu unserem Haus. Er liest auf der Treppe bis zu seiner Wohnungstür. Im Winter ist er mir schon begegnet, als die Lichtverhältnisse es ihm kaum erlauben konnten, irgendwelche Buchstaben zu erkennen. Er las dennoch, hochkonzentriert, verschwendete auf sein Vorwärtskommen gerade so viel Energie, wie unbedingt notwendig war. Keine Ahnung was er liest. Heute muss es etwas höchst Amüsantes gewesen sein, denn als er an mir vorbei watschelte, zog sich über sein Gesicht ein spitzbübisches Lächeln, wie das eines kleinen Jungen.

Welttag des Buches

04
Apr
09

Empfehlungen zur Berufswahl

In Zeiten der Krise ist Sicherheit ein hohes Gut. Zum Glück habe ich auf AOL einen Artikel entdeckt der da weiterhelfen kann: Diese Berufe geben Sicherheit in Krisenzeiten.

Es gibt sogar einen Kasten mit einer Infogalerie: Branchen und Berufe bei denen Jobs auf- oder abgebaut werden. Hier kann man 50 Berufskategorien angeklicken um zu erfahren um wie viel Prozent jeweils die Arbeitslosigkeit im Vergleich zum Vorjahr zu- oder abgenommen hat. Als Quelle werden die Agentur für Arbeit und die Bild-Zeitung angegeben.

Als Kommunikationsverantwortlicher eines mittelständigen Unternehmens versuche ich mich zu verorten. Wie erwartet erscheint diese sehr spezielle Berufsbezeichnung nicht, aber dafür Graphiker, Werbefachmann, Publizist, Geisteswissenschaftler. Bin ich irgendwie alles.

Als Grafiker hat man mich zusammengefasst mit Künstlern, Dekorateuren, Artisten, Berufssportlern, Raumgestaltern und Schauspielern. Bei uns gibt es vier Prozent weniger Arbeitslosigkeit als im Vorjahr. Denselben Wert erreiche ich als Werbefachmann in einer Gruppe mit Speditionskaufmännern, Maklern und Grundstücksverwaltern. Wobei ich bei dieser Kategorie den Verdacht nicht los werde, das dort einfach alle Unsympathen zusammengefasst wurden…Noch besser stehe ich als Publizist dar. Da finde ich mich in einer Gruppe mit Dolmetschern, Bibliothekaren, Archivaren und Museumsfachleuten mit glatten 10% weniger Arbeitslosigkeit. Um einen Prozentpunkt besser liege ich sogar noch in der Gruppe der Natur-, Geistes-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler.

Bemerkenswerter Weise hat man hier die „Agrarwissenschaftlichen Verwalter und Berater“ ausgeklammert. Sie bekommen als einzige Wissenschaftler eine eigene Rubrik (-18% Arbeitslosigkeit)! Womit beschäftigen sie sich wohl? Das Harmloseste, das mir in den Sinn kommt ist noch der Cartoon von F.K. Waecher „Bauer, Dein Huhn hat Fieber“.

Interesant finde ich auch die Gruppe der „Kutscher, Eisenbahn- u. Lokführer u. andere transportierende Berufe“. Dort ist die Arbeitslosigkeit um 8 % gestiegen. Also merken: Kutscher ist kein Zukunftsberuf!

Ähnlich ist es mit der Gruppe der „Drucker, Schriftsetzer, Buchdrucker und Mediengestalter. (+6%). Dazu gibt es ein wunderbares Foto: Ein in die Jahre gekommener, bebrillter Mann beäugt kritisch eine Mater des Kölner Stadtanzeigers, dahinter eine Druckmaschine, wie sie ab und zu in alten Western auftaucht und im Hintergrund ein Arbeitsplatz mit Lettern für den Bleisatz. So stellen sich offenbar die Herrn Online-Redakteure den Alltag ihrer Kollegen im Printbereich vor…Schriftsetzer kann man also auch nicht unbedingt als krisenfesten Beruf empfehlen.

Erstaunt bin ich hingegen, dass die Arbeitslosigkeit unter „Postboten, Funkern und anderen Berufe des Nachrichtenverkehrs“ um 17 Prozent gesunken ist. Auf der Seite der Arbeitsagentur finde ich nicht eine offene Stelle für einen Funker…

Unbedingt empfehlenswert ist der Beruf des „Hilfsarbeiters ohne Tätigkeitsangabe“. Ging in diesem Bereich doch die Arbeitslosigkeit um satte 18 Prozent zurück!

Absoluter Spitzenreiter ist eine Berufsgruppe, die ich als solche gar nicht kannte. Bei „Praktikanten und Volontären“ sank die Arbeitslosigkeit um 32 Prozent! Also, verantwortungsvolle Eltern, reagieren auf die Berufswünsche ihrer Kinder – einerlei ob Ballerina, Eisenbahner, Bundestagsabgeordneter, Kutscher, Banker, Richter oder was auch immer – mit einem entschiednen: „Nein, schlag Dir die Flausen aus dem Kopf. Du ergreifst einen krisensicheren Beruf: entweder Hilfsarbeiter oder Praktikant!“




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