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Zum Welttag des Buches

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Natürlich liebe ich Bücher. Hätte sich mir die Welt von D´Artagnan und Frisco Kid, von Tom Sawyer und Kalle Blomquist nicht aufgetan, hätte ich meine Kindheit in einem kleinen, platten, niedersächsischen Dorf nie überlebt. Später habe ich mir das Geld für Lesestoff tatsächlich manchmal vom Mund abgespart und wenn es gar nicht anders ging auch schon mal einen Band beim Buchhändler mitgehen lassen (Don´t try this at home!). Ich war studentischer Mitarbeiter eines Verlages und einer Fachbereichsbibliothek und später wurde mir tatsächlich einmal eine Stelle als Buchhändler angetragen, obwohl mir jegliche adäquate Ausbildung fehlt.

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Heute lief mir – buchstäblich – jemand über den Weg, der bei Weitem mehr Liebe zu Büchern aufbringt als ich. Ich habe einen Nachbarn. Wir wohnen im selber Moabiter Mietshaus, aber ich kenne ihn kaum. Wir grüßen uns im Treppenhaus. Er hat eine nette Familie, Frau und zwei Kinder. Er gehört nicht zum Bataillon der Durchgeknallten, das hier einen nicht geringen Zulauf hat. Seine große, bärige Gestalt begegnet mir manchmal auf dem Weg zur U-Bahn. Wir arbeiten zeitversetzt. Er kommt morgens nachhause, wenn ich zur Arbeit gehe. Er ist Wachmann oder Pförtner oder so etwas. Vermutlich kann er die ganze Nacht hindurch lesen. Aber es genügt ihm nicht. Sein massiger Körper bewegt sich nur ganz langsam vorwärts, ganz vorsichtig setzt er einen Fuß vor den anderen, kurze Schritte, ein wenig watschelnd. Nie würde er mich erkennen, denn er hält sich auf seinem Heimweg immer ein Buch vors Gesicht. Er liest während er die U-Bahntreppe hochsteigt. Er liest auf dem Gehweg bis zu unserem Haus. Er liest auf der Treppe bis zu seiner Wohnungstür. Im Winter ist er mir schon begegnet, als die Lichtverhältnisse es ihm kaum erlauben konnten, irgendwelche Buchstaben zu erkennen. Er las dennoch, hochkonzentriert, verschwendete auf sein Vorwärtskommen gerade so viel Energie, wie unbedingt notwendig war. Keine Ahnung was er liest. Heute muss es etwas höchst Amüsantes gewesen sein, denn als er an mir vorbei watschelte, zog sich über sein Gesicht ein spitzbübisches Lächeln, wie das eines kleinen Jungen.

Welttag des Buches


7 Responses to “Zum Welttag des Buches”


  1. 23. April 2009 um 18:09

    Ich würde das ja auch gerne machen auf einem der ewig gleichen Alltagswegen, aber ich kann das nicht! Ich laufe gegen einen Laternenpfahl oder stolpere über den Bordstein. Wie, bitte, macht der belesene Nachbar das?
    Hübsche Ansammlung an Büchern, übrigens…

  2. 23. April 2009 um 19:34

    Ich glaube, man kann einen entsprechenden Instinkt entwickeln. Ich trete beispielsweise auch nie in Hundedreck, obwohl meine Augen selten auf den Boden gerichtet sind. Mache sind aber auch einfach ungeschickt, denen gelingt so etwas nie!

  3. 3 botschaftneukoelln
    23. April 2009 um 21:24

    Fünfmal Wannsee – Frohnau und zurück ohne es zu bemerken: 10.000 Jahre Einsamkeit …

  4. 4 joulupukki
    18. Mai 2009 um 13:36

    Aaaah! Ich erkenn mich wieder, ich mach das auch so! Und fröstle todunglücklich den Cold Book-Turkey, wenn mir mal mitten auf dem Weg der Lesestoff ausgeht. Dabei dreht sichs hauptsächlich um effizientes Zeit ausnutzen. Ich liebe es, Bücher zu lesen, aber daheim komme ich kaum dazu. In der Arbeit sowieso nicht. Also bleiben die Wege dazwischen und die Quote somit konsequent auf ca. 1 Buch pro Woche, mal mehr, mal weniger.

    Dass man dabei nicht irgendwo dagegen rennt, das funktioniert irgendwann ganz automatisch. Und zwischen unterem Buchrand und südlichen Rand des Gesichtsfeldes ist ein eigener Hundehaufensensor eingebaut. Klappt prima!

    Zum Thema Kinderbücher möchte ich Dir noch ein ganz besonderes, wenig bekanntes, ans Herz legen:
    >> Die Prinzessin von Arnold Schönberg. Der Entwickler der Zwölftonmusik war nämlich nebstbei noch ein rührender Vater mit einem reichen Kontingent an Geschichten, die er seinen Kindern erzählte. Beim Essen, vorm Schlafengehen, beim Spazieren … Seine Tochter Nuria hat eine dieser Geschichten, jene der verzogenen tennisspielenden Prinzessin mit dem etwas belämmerten Wolf als Diener aus dem Gedächtnis wiedergegeben. Absolut lesens- um nicht zu sagen HABENSwert.

  5. 5 stroheim
    18. Mai 2009 um 21:05

    Vielen Dank für diesen Tipp!

  6. 6 6kraska6
    6. Juli 2009 um 16:19

    Hey –ich hab gar nicht mitbekommen, daß Du auch unter den wordexpress-Bloggern bist. hab Dich gleich verlinkt. Gruß, Kraska

  7. 7 stroheim
    10. Juli 2009 um 08:51

    Da fühle ich mich aufrichtig geehrt.


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