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Ende eines Kaufhauses

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Heute wurde er tatsächlich geschlossen. Er war für mich immer der Schmuddel-Hertie auch wenn er zeitweise Karstadt hieß. Das Gebäude aus den 60er Jahren, nach Entwürfen des Hamburger Architekten Hans Soll, hätte schon vor 25 Jahren – als ich zum ersten Mal hier eingekauft habe – eines radikalen Liftings bedurft. Die Verkäuferinnen begegneten einem mit einem eher robusten Charme, aber daran hatte ich mich schon lange gewöhnt. Es war ein Kaufhaus für den alltäglichen Kram. Für Ausgefallenes und Exklusiveres fuhr ich dann doch eher gleich in einen Nachbarbezirk. Es war aber auch eine Moabiter Institution. So unhipp und doch heiß und innig hassgeliebt, stand es für den ganzen Kiez.

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Er wird mir fehlen, nicht nur weil es in den 99-Cent-Läden, die sich in der Turmstraße, der Einkaufsstraße Moabits, plastikperlenkettenartig aneinanderreihen, eigentlich gar nichts bekomme, was ich brauche, sondern auch weil ich fürchte, dass Herties Ende ein weiterer Schritt in Richtung Niedergang der Turmstraße und damit des ganzen Stadtteils ist. Ich kann mich noch an mehrere Feinkostgeschäfte hier erinnern. In der nahe gelegenen Arminius-Markthalle kaufte sogar die Frau unseres Bundespräsidenten ein, bevor man die Halle mit dem Einbau einer Norma- und einer Schlecker-Filiale verschandelte und immer mehr Lebensmittelstände durch Ramschtrödelstände ersetzt wurden. Auf dem Gelände des Krankenhauses Moabit, ebenfalls mit Turmstrassenadresse, pulsierte das Leben, bevor es Anfang des Jahrtausends geschlossen wurde. Temps perdu. Vielleicht kommen wieder bessere Zeiten. Immerhin haben die Moabiter Gerichte und der Untersuchungsknast keinen konjunkturellen Nachfrageeinbruch zu befürchten…Zum fünfzigjährigen Jubiläum hätte die Hertie-Filiale noch ein Jahr gebraucht. 260 Mitarbeiter (zu Zeiten der Eröffnung waren es noch 700) wurden jetzt entlassen. Sie saßen nach der Schließung heute noch auf dem Parkplatz hinter dem Gebäude zusammen und „feierten“ Abschied. Hoffentlich kommen möglichst Viele mit ihrer Situation klar. Macht et jut.

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Ehemalige Adresse: Turmstr. 29, am U-Bhf. Turmstrasse, 10551 Berlin


6 Responses to “Ende eines Kaufhauses”


  1. 1 stroheim
    10. August 2009 um 12:35

    Hier ein kurzer Nachtrag zur Geschichte von Hertie: Herman Tietz (1837 – 1907) setzte als einer der Ersten in Deutschland die Idee des Warenhauses um. Alle Unternehmen der Familie Tietz wurden im Dritten Reich von den Nationalsozialisten erst arisiert und später enteignet, die jüdischen Besitzer ins Ausland vertrieben. Im Zuge der sogenannten Arisierung setzte die Dresdner Bank 1933 Georg Karg als Geschäftsführer des Kaufhauskonzerns ein. Der jüdische Name Tiez wurde durch den Namen Hertie, abgeleitet von Herman Tietz, ersetzt. 1939 kaufte Karg Hertie auf. Nach seinem Tod 1977 leitete sein Sohn Hans-Georg Karg den Konzern.1994 wurde Hertie von Karstadt übernommen. Die großen und profitablen Geschäfte blieben unter dem Namen Karstadt in dem Konzern, der sich inzwischen Arcandor nennt. Die kleineren Warenhäuser, die Arcandor-Chef Thomas Middelhoff nicht genug Gewinn brachten, wurden in der Karstadt Kompakt GmbH zusammengefasst und 2005 an die britischen Finanzinvestoren Dawnay Day (85 Prozent) und Hilco UK (15 Prozent) losgeschlagen. Seit März 2007 firmierten sie unter dem Namen Hertie. Es heißt seitdem wurden verstärkt Stellen abgebaut und das Angebot eingeschränkt. Der Umsatz ging zurück.

  2. 11. August 2009 um 15:47

    Erstaunlich, wie es einen dann doch berührt, wenn die Dinosaurier aussterben. Daß keine gute Alternative in Sicht ist, macht es dann doch richtig schlimm.

  3. 12. August 2009 um 01:52

    «Nicht wie angekündigt um 15 Uhr, sondern schon gegen 12.30 Uhr schließen sich die Türen. Endgültig. Ein paar Badehosen sind noch übrig. Und die Mitarbeiter. Sie sitzen noch bis in den späten Nachmittag zusammen, reden über die gemeinsame Vergangenheit und die ungewisse Zukunft. Was sich gestern an der Turmstraße abgespielt hat, wird sich in einer Woche voraussichtlich auch in Tegel und in Schöneberg ereignen, wenn dort die Hertie-Filialen schließen.»

    …musste ich schon vor ein paar Tagen in der Morgenpost lesen. Ich war wohl auch einer der letzten Kunden, gerne auch mal beim Imbiss zwischen U9-Treppe und Schnäppchen Wühltisch Eingang auf der Ecke gesessen, der wird wohl auch zumachen müssen, wie der wunderbare holländische Pommes-Bäcker, der der Steglitzer Dependance eingegliedert war.

    R.I.P.

  4. 19. August 2009 um 11:34

    So ein Pech, hab den Abschied verpasst.

  5. 5 stroheim
    19. August 2009 um 12:23

    Bei der nächsten Schließung sag ich Dir persönlich Bescheid.


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