23
Dez
09

Der Weihnachtsmann ist käuflich

Ich habe eine starke Affinität zu Weihnachten. Schon immer und ungebrochen. Selbst als ich vor langer Zeit als Nachwuchsautonomer auf der traditionellen Heiligabenddemo „Frohes Fest – Cholera und Pest!“ skandierte, richtete sich das keineswegs gegen Weihnachten als Institution. Ein paar Jahre später trug ich mit einigen anderen studentischen Weihnachtsmännern ein Transparent an der Spitze einer winterlichen Streikdemo. „Mit Heckelmann, Landowsky und Co wird keines Eurer Kinder froh“ warnten wir mit rauschebartbasierter Autorität die Eltern des zukünftigen Akademikernachwuchses vor der damaligen reaktionären Berliner Politikerkaste. Das Vermummungsverbot traute sich die Polizei natürlich nicht durchzusetzen. Die anwesenden Pressefotografen hätten zu gerne Bilder von Polizisten, die auf Weihnachtsmänner einschlagen, geschossen.

Am nächsten Tag stand ich dann im selben Outfit vor einem Herrenbekleidungsgeschäft und verteilte Süßigkeiten. Man konnte mich mieten. Seit etlichen Jahrzehnten vermittelt die studentische Arbeitsvermittlung „Heinzelmännchen“ Weihnachtsmänner (und mittlerweile auch Engel). Im Jahr erfüllten 500 Weihnachtsmänner 5.000 Bestellungen. Der Standardpreis (Heiligabend, Berliner Stadtgebiet, Familie mit bis zu drei Kindern) liegt mittlerweile bei 31 Euro.

Weihnachtsmann

Viele Jahre schmiss ich mich in den roten Fummel, betröpfelte meine Brille mit Antibeschlagmittel, und kurvte mit meinem kleinen Suzuki-Bus durch mein Einsatzgebiet. Dabei hörte ich lautstark Weihnachtslieder vorwiegend angloamerikanischer Provenienz, je sentimentaler desto besser. Mein Areal umfasste Teile des eigenheimdominierten Britz und der Gropiusstadt. Genau der Trabantenstadt, die man von Christiane F. kennt. In 20-Minuten-Takten trieb es mich in immer neue Wohnzimmer, wo ich Berliner Gören lobte und ihnen behutsame Verhaltensverbesserungsvorschläge unterbreitete, riesige Geschenkehaufen niedermachte, auf Dutzende Videos gebannt wurde und – nachdem ich oft darauf bestehen musste, dass sowohl der Fernseher als auch der Plattenspieler abgeschalten wurde – mit Inbrunst Weihnachtslieder schmetterte. Bei manchen Familien wäre ich gerne geblieben, bei anderen dankte ich dem Himmel, dass ich da so schnell wieder raus kam…

Übrigens waren auch Jürgen von der Lippe und Karl Dall in jungen Jahren als Weihnachtsmänner bei den Heinzelmännchen tätig!

Weihnachtsmann2

Ein Abend hat sich mir besonders eingeprägt. Die Erzieherinnen einer jugendlichen Wohnheimgruppe hatten es lustig gefunden mich zu bestellen. Die Jugendlichen fanden das nicht lustig. Sie reagierten auf keine meiner Bemühungen. Irgendwann gab ich auf und tat etwas, was Weihnachtsmännern strengstens verboten ist: Ich nahm meinen Bart ab und bat um ein Bier und eine Zigarette. Das taute die Atmosphäre etwas auf. Ich hatte dennoch beschlossen für diesen missglückten Auftritt auf mein Honorar zu verzichten. „Wieso das denn?“ fragte die Betreuerin “so viel wie mit Ihnen haben die Jungs mit uns noch nie gesprochen…“ Fünf Minuten später fand ich mich vor einer riesigen Festtagstafel, um die sich, dominiert von einem Patriarchen, der mich verdächtig an Mario Adorf erinnerte, eine vielköpfige Großfamilie versammelt hatte. Etwas beschwingt von dem gerade konsumierten Bier behauptete ich, dass irgendjemand bei `Oh Tannenbaum´ gebrummt hätte. „Ich glaube, Du bist das!“ wies der Weihnachtsmann auf den Alten. Plötzlich herrschte Totenstille, manches Gesicht wirkte recht erschrocken. Mario glubschte mich ungläubig an: „Du singst jetzt mal alleine `Oh Tannenbaum´“ befahl ich ihm. Er zögerte etwas, dann brummte er los. Erst unsicher, dann mit zunehmender Begeisterung. Als er fertig war, grinste er übers ganze Gesicht, alles klatschte und jubelte und mir bleib nur ein leises „Geht doch“. Als man mir dann im Flur den vorbereiteten Umschlag mit dem Honorar gab, kam Mario noch schnell raus und drückte mir verschmitzt grinsend zusätzliche 50 Mark in die Hand.

Gleich anschließend ging es mit dem stinkenden Fahrstuhl in eine Sozialwohnung im siebten Stock. Die Wohnung war nur rudimentär möbliert. In einem Sessel hatte sich der männliche Part der Familie platziert. Aggressiv und fischäugig glotzte er mich an und versuchte irgendetwas zu artikulieren. Vergeblich, es war schon zu viel Alkohol in ihm. Die Mutter blickte mich mit einem verheulten Gesicht wie einen Eindringling an und wirkte auf seltsame Art entrückt. Dann noch zwei Mädchen, die Ältere gerade zehn Jahre alt, ihre kleine Schwester vielleicht vier. Sie versuchten den Schein einer fröhlichen Weihnacht aufrecht zu erhalten. Die Zehnjährige hatte mit der Kleinen ein ellenlanges Gedicht einstudiert. Das diese jetzt vortrug, während die große Schwester aufmunternd weiterhalf, wenn es mal stockte. Wenig später konnte man einen heulenden Weihnachtsmann aus dem Haus kommen sehen.

Weihnachtsmannvermittlung des Studentenwerks Berlin
Hardenbergstr. 34
10623 Berlin
http://www.berliner-weihnachtsmann.de
030 84312212
weihnachtsmann@studentenwerk-berlin.de


8 Responses to “Der Weihnachtsmann ist käuflich”


  1. 1 karu02
    24. Dezember 2009 um 15:21

    Das hast Du sehr schön und anrührend geschrieben. Danke dafür. Schöne Feiertage wünsche ich Dir und einen guten Start ins neue Jahr
    Karu

  2. 27. Dezember 2009 um 14:03

    Mein Weihnachtsbeitrag dieses Jahres. Danke.

  3. 3 joulupukki
    6. Januar 2010 um 15:24

    Ach, jetzt sitzt mir auch ein Kloß im Hals …
    Danke für die schöne Geschichte!

  4. 8. Januar 2010 um 11:10

    Amüsant, anrührend, aufregend. Danke für diese Wehnachtsgeschichte im neuen Jahr.

  5. 11. Januar 2010 um 14:11

    Der Weihnachtsmann wird bei so vielen lobenden Worten ganz rot.

  6. 12. Januar 2010 um 09:01

    Nicht schlecht Eure Karte. Das war lange Zeit mein Favorit:


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