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Von Ratten und Schmeißfliegen

Wer eine Ausstellung über „Ratten und Schmeißfliegen“ sehen möchte, hat dazu noch bis Ende Januar in Berlin Gelegenheit. Dabei geht es nicht, wie in den Zitaten von Franz Josef Strauß von 1978 und Edmund Stoiber von 1980, um CSU-kritische Journalisten und Schriftsteller. Es geht auch nicht um Juden, wie in dem NS-Propagandafilm ”Der ewige Jude”, dessen Autor, Eberhard Taubert, Richter am Volksgerichtshof, Referent beim Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda und später dann Berater eben dieses Franz Josef Strauß war.

Der ewige Jude

In der Ausstellung „Berliner – nie allein zu Haus! – (Un)heimliche Tiere in Haus und Garten“ geht es um reales, größeres und kleineres Geziefer. Flöhe, Läuse oder Wanzen, Buchskorpione, Schmeißfliegen, Automarder, Stadtfüchse und Wildschweine, alles was der Berliner sich gerne nach Hause einlädt und was gerne mal beim Berliner zu Hause vorbeischaut, wird hier recht anschaulich dargestellt. Über Ratten erfährt man nicht nur, wie man sie bekämpft, sondern kann sich auch ein Faltblatt über die artgerechte Haltung der Tiere mitnehmen. Wer weiß schon, dass die Hausratte in Berlin seit ca.1930 ausgestorben ist und es die anpassungsfähigeren Wanderratten sind, die uns gelegentlich via Kloschüssel einen Besuch abstatten? Oder dass es in Berlin noch in den 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts Malariaepidemien gab?

Bild4

In einem Hotelparkhaus am Alexanderplatz hat sich ein Waschbär eingerichtet, im Kita-Garten der Tochter tauchte ein junger Fuchs auf, auf den Köpfen der Kinder immer wieder Läuse. Selbst Wildschweine unternehmen ja gelegentlich Ausflüge zum Alexanderplatz. Da ist es nur gut, wenn man sich etwas vertraut gemacht hat mit dem Viehzeug und nicht so dämlich da steht wie ich neulich, als ich im Restaurant Waldhaus an der Havelchaussee ein Stück Wildschweinbraten verspeist hatte. Die Dunkelheit überraschte mich an der Bushaltestelle. Ein beängstigendes Rascheln kam immer näher und als Verursacher war bald eine Wildschweinrotte ausgemacht. „Jetzt rächen sie sich! Jetzt rächen Sie sich!“ waren meine letzten Gedanken bevor endlich der Linienbus eintraf und mich aus meiner misslichen Lage befreite. In der Ausstellung lernt man, dass auch anders miteinander umgegangen werden kann, wie dieses Foto (Quelle: Stadtmuseum Berlin | Berliner – nie allein zu Haus ! | c) Michael Setzpfandt) zeigt:

Mein Lieblingsexponat ist ein Stück Milbenkäse aus Thüringen. Es war mir aber unmöglich davon abzubeißen, da man ihn wohlweislich hinter einer Glasscheibe platziert hat:

Bild 2

Auch berufliche Perspektiven werden aufgezeigt. Wenn gar nichts mehr geht, kann man immer noch ein Insektenhotel aufmachen:

Bild1

Wenn man in Berlin doppelt sieht, muss das nicht am übertriebenen Alkoholkonsum liegen. Hervorgerufen durch die Teilung der Stadt gab es zahlreiche Institutionen im Osten und im Westen. Ob Flughäfen, Opernhäuser, Staatsbibliotheken, Planetarien, Funk- bzw. Fernsehtürme: „Was ihr habt, wollen wir auch haben und zwar schöner, höher und pompöser“, lautete die Maxime in beiden Teilen der Stadt. So wurde auch die naturwissenschaftliche Sammlung von einem Förderkreis angelegt, dessen Ziel es war, ein Naturkundemuseum in Westen zu etablieren, als Gegenpart des traditionellen Hauses, das im Ostteil der Stadt lag. Der Vater einer Kollegin, Professor der Paläontologie, war dort Mitglied. Von daher hatte es sich in der Familie etabliert, allerhand totes Getier, das sich so ansammelt, im Kühlschrank aufzubewahren bis man es zum Präparieren einem Museum übereignen konnte. Gab öfter mal Ärger in der WG…

Bild5

Seit 1987/88 ist die Sammlung in einem von Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte entworfenen Gebäudekomplex in unmittelbarer Nähe des Schloßes Charlottenburg untergebracht. Nach der Wende wurde sie in die Stiftung Stadtmuseum Berlin eingegliedert, und musste sich einen deutlichen Berlinbezug zulegen. So ist beispielsweise ein Forschungs- und Sammlungsschwerpunkt „Bären als Wappentier Berlins“. Von Zeit zu Zeit zeigt man Sonderausstellungen.

Ehemalige Adresse (z.Z. ohne Ausstellungsort):

Naturwissenschaftliche Sammlung
Schloßstr. 69
14059 Berlin
Tel.: 030 3425030
http://www.stadtmuseum.de/index3.php?museum=ns&id=380


12 Responses to “Von Ratten und Schmeißfliegen”


  1. 11. Januar 2010 um 23:09

    Auf der Homepage lese ich gerade „Gastronomie nicht vorhanden“, folglich wird auch diese Möglichkeit zum Verzehr von Milbenkäse nicht angeboten, schade, der scheint mir ja geradewegs appetitlich, nachdem ich neulich im Fernsehen (dankenswerterweise ohne Fernriechen) gesehen habe, was die Isländer so alles zu essen pflegen.

  2. 12. Januar 2010 um 09:17

    Ich kann mir vorstellen, was Du glücklicherweise nur visuell wahr genommen hast. Ich erinnere mich an einen Mare-Beitrag.

    http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,333308,00.html

  3. 3 NielsKlim
    12. Januar 2010 um 12:44

    Wer auf Madenkäse und Gammelrochen steht, wird sicher auch an dieser kambodschanischen Spezialität seine helle Freude haben

    Buon appetito!

    • 4 NielsKlim
      14. Januar 2010 um 15:36

      Ich hoffe, mit diesem, nun ja: grenzwertigen Video (dass ich mir – als Vegetarier…. – auch nicht ganz und schon gar nicht schauderfrei ansehen konnte) nicht potenziellen Arachnophobikern unter den Mit-Bloggern die Sprache verschlagen bzw. den Appetit und/oder die Laune verdorben zu haben?! Hier eine kleine & sehr viel appetitlichere Entschädigung:

  4. 6 NielsKlim
    12. Januar 2010 um 12:48

    Oder wie wäre es hiermit?

    Da kriegt man ja richtigen Heißhunger ….

  5. 12. Januar 2010 um 13:04

    Nun ja. Wohlgeschmack und Widerwillen sind eben kulturell geprägt. Wer sich näher mit skurillen Speisen beschäftigen möchte, dem empfehle ich das Buch „Strange Food“ von Jerry Hopkins. Mittlerweile preiswert zu bekommen.

    http://www.amazon.de/Strange-Skurrile-Spezialit%C3%A4ten-Insekten-K%C3%B6stlichkeiten/dp/3898361063

    (Der Autor hat übrigens auch die wunderbare Jim-Morrison-Biographie „No One Here Gets Out Alive“ geschrieben!)

  6. 15. Januar 2010 um 12:25

    Gastronomie nicht vorhanden? Ach. Ich habe kürzlich nach dem Insekten-Restaurant, von dem ich vor Jahren im Radio gehört hatte, gesucht. Vergeblich. Ich denke, da gäbe es Möglichkeiten …

    Also, ich würde hingehen.

  7. 16. Januar 2010 um 00:06

    Insekten gab es mal im Soda in der Kulturbrauerei. Die Nachfrage war aber wohl zu gering. Sie stehen nicht mehr auf der Speisekarte.

    http://www.pnn.de/potsdam/140514/

    http://www.soda-berlin.de/Lobby/

  8. 26. Mai 2015 um 23:01

    Den Austellungsort gibt es nicht mehr.


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