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Aug
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Günter-Schwannecke-Spielplatz: Erinnerung an ein fast vergessenes Neonaziopfer

Eine Kurzmeldung im Tagesspiegel erregt meine Aufmerksamkeit: „Gedenktafel auf Spielplatz beschädigt. Unbekannte haben Löcher und Dellen in eine Gedenktafel geschlagen und Wörter zerkratzt. Der Polizeiliche Staatsschutz ermittelt.“

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Ungewöhnlicherweise hat der Spielplatz sogar einen offiziellen Namen (Günter-Schwannecke-Spielplatz) und liegt nur zwei Querstraßen von meiner Wohnung entfernt.

Ich habe zunächst keinen Schimmer, wer dieser Schwannecke ist und weshalb dieser Spielplatz – so unspektakulär, dass es meine Kinder nie dorthin zog – nach ihm benannt ist. Ich muss erst im Netz recherchieren.

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Günter Schwannecke mischt sich ein, als Nazis eine Gruppe von Studenten aus Sri Lanka auf diesem Spielplatz bedrohen und wird daraufhin von diesen Nazis totgeschlagen. Das ist über 20 Jahre her und wäre wohl vergessen, wenn nicht eine private Initiative gegen das Vergessen anginge.

Die Günter-Schwannecke-Gedenkinitiative hat versucht, sein Leben zu rekonstruieren und damit die Persönlichkeit Günter Schwannecke hinter dem konturlosen – als „Obdachloser“ stigmatisierten – Opfer hervor treten zu lassen und zu dokumentieren:

Schwannecke ist Kunstmaler. Er arbeitet mit verschiedensten Materialien und probiert unterschiedliche Stilrichtungen. Er ist ein hervorragender realistischer Zeichner, wendet sich aber auch dem Abstrakten zu, bis hin zum Tachismus, einem spontanen Malverfahren. Empfindungen werden dabei durch eine Art Farbrausch ohne direkten Wirklichkeitsbezug ausgedrückt. Der Kunstkritiker Walter Vitt lernt ihn bereits als Schüler kennen und urteilt: „Er war mir auch in der Geschichte der Kunst und im Begreifen des Wesens der Kunst um vieles voraus“. Schwannecke bricht die Schule ab, absolviert eine Ausbildung zum Positivretuscheur. Ein Positivretuscheur korrigiert analog fotografische Vorlagen, bevor sie reproduziert werden – was man heute üblicherweise mit Photoshop macht. Er studiert in den 50er Jahren an der Werkkunstschule Braunschweig und bekommt anschließend ein Begabtenstipendium für die Staatliche Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart, wo er freie Malerei bei Manfred Henninger studiert. Neben der Kunst Henningers prägen Cézanne und auch Picasso den Kunststil des jungen Günter Schwannecke. Er reist mehrmals nach Paris, hält sich längere Zeit auf der Insel Ischia auf.

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1960 und 61 stellt er in Münster, Braunschweig und Fulda Kunstwerke aus. In Fulda in der „galerie junge kunst fulda“, in der auch später so bekannte Künstler wie Gerhard RichterJörg Immendorf und Hans Haacke ausgestellt werden. Im Sommer 1962 erlebt er die Schwabinger Krawalle in München. Er eröffnete in Braunschweig eine Galerie und finanzierte sich in seinem erlernten Beruf als Positivretuscheur mit einer freiberuflichen Tätigkeit  bei VW.

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1965 geht Schwannecke nach West-Berlin, hat Ausstellungen (u.a. im Europa-Center) und verkauft Werke. Im „stern“ erscheint ein Artikel über seine Kunst. Er gibt seinen Verdienst vollständig aus und kehrt 1976 verarmt nach Braunschweig zurück. Während der Terroristenhysterie des Deutschen Herbstes reißt er Fahndungsplakate ab und malt sie mit Silberstiften neu, gibt den „Terroristen“ ein neues Gesicht, „recycelt sie zu Menschen“. Anfang der 80er zieht es ihn wieder nach Berlin. Er stellt im Mehringhof aus, findet einen Agenten und lebt in einer Charlottenburger Wohngemeinschaft. Er malt Portraits von Menschen, die ihm begegnen: Punks, Wirte, Ärzte… Er will nun nichts mehr mit dem bürgerlichen Kunstbetrieb zu tun haben und der nichts mehr mit ihm. Schwannecke steht der Hausbesetzerszene nahe, geht auf Demos.

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Anfang der 90er ist er zunehmend von der Gesellschaft enttäuscht und will seinen Wunsch nach vollkommener Freiheit verwirklichen „Ich geh’ die Platte putzen“, soll er angekündigt haben als er auf die Straße zog. Im Jahr 1992 ist er teilweise ohne festen Wohnsitz, bekommt dann eine Unterkunft im Städtischen Wohnheim am Friedrich-Olbricht-Damm in Charlottenburg-Nord, wo Wohnungslose und Asylbewerber untergebracht sind.

Am 29. August 1992 sitzt Schwannecke mit seinem Freund Hagen Knuth, ebenfalls ein wohnungsloser Künstler, auf einer Bank des Spielplatzes an der Ecke Pestalozzi- / Fritschestraße. Sie feiern Knuths Geburtstag. Zwei Skinheads, Norman Zühlke und Hendrik Jähn, pöbeln vier Studenten aus Sri Lanka an, die dort Tischtennis spielen. Die beiden Künstler verteidigen die Studenten verbal, so dass sie entkommen können. Daraufhin beginnt Zühlke mit einem Baseballschläger auf die Männer einzuschlagen. Hagen Knuth wird nach einem schweren Hirntrauma im Klinikum Westend gerettet. Günter Schwannecke stirbt am 5. September 1992 an den Folgen von Schädelbruch und Hirnblutungen.

Der Täter wird wegen Körperverletzung mit Todesfolge und schwerer Körperverletzung zu 6 Jahren Haft ohne Bewährung verurteilt. Das Landgericht Berlin sieht seine rassistische Gesinnung als ursächlich für die Tat, sieht den Täter aber auch als vermindert schuldfähig, weil er betrunken war. Zühlke ist von diesem „harten Urteil“ geschockt. Gesinnungsgenossen rufen bei der Urteilverkündung: „Das war doch nur ein Penner“.

In der Statistik der Bundesregierung über Opfer rechter Gewalt von 1993 wird der Fall aufgeführt, 1999 und 2009 nicht mehr. Das Land Berlin zählt den Fall 2012 ebenfalls nicht. Auf eine Anfrage der Berliner Abgeordneten Clara Hermann (Fraktion der Grünen) im Januar 2012 antwortet der Berliner Senat, das Landgericht hätte kein politisches Motiv erkannt. Die Gedenkinitiative fordert, dass die Bundesregierung und der Berliner Senat Günter Schwannecke dauerhaft als Todesopfer rechter Gewalt anerkennen.

Fünf Tage vor der Tat in Charlottenburg belagert ein rassistisch aufgestachelter Mob in Rostock-Lichtenhagen ein Flüchtlingsheim und setzt es schließlich in Brand. Nicht nur die rechten Skinheads Zühlke und Jähn sehen sich dadurch ermuntert ihren Beitrag zu leisten und Menschen anzugreifen, die nicht in ihr beschränktes Weltbild passen. Nicht nur die NSU-Bande verübt rechtsradikal motivierte Morde. Über die genaue Anzahl von Todesfällen, die auf das Konto von Neonazis gehen wird gestritten. Viele Einzelschicksale von Opfern sind vergessen.

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Auch Günter Schwannecke ist es beinah so gegangen. Kein Journalist soll bei der Urteilsverkündung anwesend gewesen sein. Kein Pressevertreter macht sich die Mühe, etwas über die Lebensgeschichte Schwanneckes zu recherchieren. Er wird nur als Obdachloser wahrgenommen. Die Morgenpost titelt „Keulen-Hiebe töteten Stadtstreicher“, der Tagesspiegel „Prozeß um Tod eines Betrunkenen“. Niemand würdigt die Zivilcourage der beiden Opfer. Es gibt keine Demonstration. Der Mut mit dem Rechtsradikalen begegnet wurde, wird ignoriert. Schwannecke ist eben „kein Held für den Mainstream“, wie die Jungle World 20 Jahre später schreibt.

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Der Gedenkinitiative ist es zu verdanken, dass Schwannecke nicht vergessen ist. Sie gibt ihm seine Persönlichkeit zurück, „recycelt ihn zu einem Menschen“. Sie sorgt auch dafür, dass 2012 sämtliche in der Bezirksverordnetenversammlung Charlottenburg-Wilmersdorf vertretenen Parteien dafür stimmten, den Spielplatz nach Günter Schwannecke zu benennen.

Morgen, am 29. August 2014 ruft die Initiative zum dritten Mal zu einer Gedenkkundgebung auf. Günter-Schwannecke Spielplatz, Ecke Pestalozzi- / Fritschestraße, 18.00 bis 19.30 Uhr. Blumen soll man mitbringen. Ich werde mein Büro etwas eher verlassen und dabei sein.

Die Abbildungen 1,3,4,5,6,7 sind der Seite der Günter-Schwannecke-Gedenkinitiative entnommen.
Abbildungen 1,6,7: CC by-nc-sa 3.0
Abbildungen 3,4,5: © Archiv W. Vitt Köln


2 Responses to “Günter-Schwannecke-Spielplatz: Erinnerung an ein fast vergessenes Neonaziopfer”


  1. 29. August 2014 um 21:21

    Nach der heutigen Gedenkveranstaltung für Günter Schwannecke, der auf diesem Spielplatz vor 22 Jahren von Neonazis erschlagen wurde.

  2. 2 Andi
    21. August 2015 um 20:44

    Sie haben einen tollen Blog! Sehr schön recherchiert, toller Blick!
    Schade, dass sie ihn nicht weiterführen…


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