Archive for the 'DenkMal' Category

20
Mai
11

Friedhof des Zellengefängnisses Moabit

Nur ein paar dutzend Schritte vom geschäftigen Berliner Hauptbahnhof entfernt versteckt sich der Friedhof des Zellengefängnisses Moabit. Präziser: der Teil dieses Friedhofes, in dem die Beamten des Gefängnisses bestattet wurden. Den anderen Teil, auf dem die gestorbenen Gefangenen ihre „letzte Ruhe“ fanden, hielt wohl niemand für erhaltenswert und so entstand nach 1955, als der Friedhof geschlossen wurde, auf diesem Areal eine Kleingartenanlage. Hier wird auf Gräbern gegrillt.

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Die meisten Grabsteine sind umgefallen, zerstört oder überwachsen. Vor ein paar Jahren hat man den schmiedeeisernen Zaun um die Gräber restauriert. Das Tor ist verschlossen. Einer der wenigen erhaltenen Grabsteine ist der von Ernst Vetter: Hier/ ruhet in Gott/ mein lieber Mann/ und guter Vater,/ der Kgl.Strafanstalt-/ Aufseher/ Ernst Vetter/ * 28.2.1858, + 3.4.1918.

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Neben dem Friedhof sind noch Teile der Gefängnismauer und drei Beamtenwohnhäuser übrig geblieben. An der Lehrter Straße erinnert eine Gedenktafel an die Opfer der Nazizeit.

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Nach jahrzehntelangen Auseinadersetzungen gibt es seit 2006 nach Plänen von Silvia Glaßer und Udo Dagenbach einen gelungenen Geschichtspark auf dem Gelände des eigentlichen Zellengefängnisses.

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Das Gefängnis wurde von 1842 – 1849 von Carl Ferdinand Busse als Kopie des Londoner Gefängnisses Pentonville als preußisches Mustergefängnis errichtet. Die Gefangenen sollten durch strengste Isolation voneinander geläutert werden. In fünf sternförmig angeordneten Flügeln gab es Einzelzellen, die vom Zentralbau aus überwacht wurden. Schweigepflicht, scheuklappenähnliche Mützen, die außerhalb der Zelle getragen werden mussten, Einzelhofgang in 10 qm großen dreieckigen Teilstücken des Hofes (daher kommt die Redensart „im Dreieck springen“) und selbst in der Gefängniskirche Sitze in sargähnlichen Holzkisten, sorgten dafür, dass zahlreiche Gefangene die Flucht in den Wahnsinn oder den Suizid antraten. Folgerichtig wurde 1886 ein Nebengebäude zum Irrenhaus umgebaut.

Noch vor Abschluss der Bauarbeiten wurden die ersten Gefangenen, polnische Freiheitskämpfer, einquartiert. Sie wurden 1848 von Berliner Märzrevolutionären befreit. Prominente Gefangene waren danach Friedrich Wilhelm Voigt, der später als „Hauptmann von Köpenick“ ganz groß raus kam. 1878 wurde Max Hödel hier hingerichtet. Er hatte sich an einem Attentat auf den Kaiser Wilhelm I. versucht. Während des ersten Weltkrieges wurden Kriegsgegner und später Teilnehmer der Novemberrevolution inhaftiert. 1933 wurde Erich Mühsam hier eingesperrt. 1940 quartierte sich die Wehrmacht in einem Flügel ein. Der Schriftsteller Wolfgang Borchert saß hier über neun Monate wegen Wehrkraftzersetzung in Einzelhaft. Unter dem Eindruck der Lautsprecheransage des nahen Lehrter Bahnhofs schrieb er das Lied „800 mal Lehrter Straße“. 1941 zog die Gestapo ein. Neben vielen heute vergessenen Antifaschisten war der Sänger und Schauspieler Ernst Busch hier eingekerkert, später zahlreiche Widerstandskämpfer im Umfeld der Attentäter des 20. Juli. In den letzten Kriegstagen wurden 16 politische Gefangene aus ihren Zellen verschleppt und auf dem nahe gelegnen ULAP-Gelände per Genickschuss ermordet. Der junge Kommunist Herbert Kosney überlebte die Hinrichtung schwer verletzt. Ohne diesen Augenzeugen wäre vielleicht auch dieses Verbrechen vergessen. In den Taschen der Leiche des Dichters Albrecht Haushofer fand man die im Gefängnis erstandenen „Moabiter Sonette“.

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Nach der Befreiung nutzten die Alliierten das durch Bomben kaum beschädigte Gebäude bis 1955. Zwischen 1946 und 1949 fanden hier mindestens zwölf Hinrichtungen (nach anderen Quellen 48) statt. Als Letzter wurde am 11. Mai 1949 der 24-Jährige Bertold Wehmeyer guillotiniert.

Um Platz zu schaffen für die – zum Glück nie realisierte – Westtangente wurde das Zellengefängnis 1958 abgerissen.

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Zum ersten Mal war ich während einer Nachtwanderung im Rahmen einer Geburtstagsfeier einer Kindergartenfreundin meiner mittlerweile über 20-Jährigen Tochter auf dem Friedhof. Abgesehen davon bin ich hier bei meinen Besuchen fast immer wunderbar allein. Ich versuche mir nicht nur die Vergangenheit dieses Ortes vorzustellen, sondern denke auch über den Unterscheid zwischen allein und isoliert sein nach. Auf dem Nachhauseweg bin ich dann immer sehr zufrieden mit meinem bescheidenen Dasein.

Adresse: Lehrter Straße, 10557 Berlin, hinter den Schrebergärten, die sich gegenüber der Einmündung Seydlitzstraße befinden

17
Mai
10

Ein Zug will erinnern. Die Bahn will es nicht.

Der „Zug der Erinnerung“ ist wieder in Berlin. Nach den Stationen in Berlin-Grunewald und Spandau steht er nun in Berlin-Schöneweide. Dort hat die Bürgermeisterin von Treptow-Köpenick eine Einladung ausgesprochen. Das Bezirksarchiv beteiligt sich an der Spurensuche nach den Deportierten, das Schulamt wirbt um den Besuch von Jugendlichen. Schöneweide ist die vorletzte Berliner Station. Zum Fahrtabschluss in der Bundeshauptstadt wird der Zug im zentralen Bahnhof Friedrichstraße (Mitte) stehen.

Der „Zug der Erinnerung“ gedenkt der Kinder und Jugendlichen, die während der Nazizeit mit der Deutschen Reichsbahn in Konzentrationslager transportiert wurden. Das staatliche Bahnunternehmen verschleppte etwa 3 Millionen Menschen, darunter eine Million Kinder und Jugendliche. „Wir wollten nicht das Grauen der Deportationen zeigen, die Leichen. Sondern die Hoffnung der Kinder auf Leben“, sagt Hans-Rüdiger Minow, Vorsitzender des Vereins „Zug der Erinnerung“. In knappen Biografien bekommen die Gesichter einen Namen und eine Geschichte. Sie endet beinahe immer tödlich: in Auschwitz, Treblinka, Theresienstadt und anderen Konzentrations- und Vernichtungslagern. Nur Wenige haben das Grauen überlebt. Die Rechtsnachfolgerin der Reichsbahn, die Bundesbahn und nach 1993 Deutsche Bahn sperrt sich gegen Gespräche mit den Überlebenden Auch ein Schreiben ehemaliger Deportierter an Verkehrsminister Ramsauer (CDU) ist seit November letzten Jahres unbeantwortet. Umgerechnet 445 Millionen Euro soll die Reichsbahn bis 1945 mit dem Transport in die Konzentrationslager verdient haben. Geld, das die SS den Deportierten abgenommen und pauschal pro Person und Kilometer an die Bahn weitergereicht habe. Die Deutsche Bahn berechnet dem „Zug der Erinnerung“ rund 1000 Euro für jeden Tag, an dem die Initiative die Gleise nutzt. Er wird behandelt wie irgendein Gütertransport. Schon 2008 hatte die Deutsche Bahn mit Hinweis auf die betrieblichen Abläufe immer wieder die Einfahrt des Zuges an großen Bahnhöfen Berlins verwehrt oder verzögert.

Möglicherweise hängt es damit zusammen, dass in einem Waggon auch die Geschichte der Täter erzählt wird, die häufig ihre Karrieren nach der Befreiung nahtlos fortsetzen konnten.

Schöneweide: Montag, 17. Mai bis Mittwoch, 19. Mai
jeweils 8:30 Uhr bis 19:00 Uhr
Friedrichstraße, Gleis 2: Donnerstag, 20. Mai bis Freitag, 21. Mai
jeweils 8:30 Uhr bis 19:00 Uhr
http://www.zug-der-erinnerung.eu/

20
Feb
10

Die Vorläufer von DiCaprio und Cameron. In der Berliner Chausseestraße wurde der erste Titanic-Film gedreht

Die Nachbarschaft ist historisch prominent. Gegenüber steht das Borsighaus, in dem bis 1945 die Verwaltung des Unternehmens seinen Sitz hatte. Zur Linken liegt das Brechthaus, und zur Rechten befindet sich eine ewige Baugrube. Hier hatte einst Karl Liebknecht seine Rechtsanwaltspraxis. In diesen Räumen wurde am 1. Januar 1916 der Spartakusbund gegründet. Kaum jemand weiß, dass auch das Haus in der Chausseestraße 123 eine bemerkenswerte Geschichte erzählen kann. Hier lassen sich Anfänge der Berliner Filmproduktion verorten. Bereits zwei Monate nach dem Untergang der Titanic wurde hier im Juni 1912 die erste Verfilmung der Katastrophe realisiert.

Das langgestreckte Wohn- und Geschäftshaus wurde 1896 von dem Architekten und Zimmermeister Carl Galuschki errichtet. In der Vorderhausfassade aus rotem Sandstein vereinigen sich Elemente verschiedener Epochen. Der Jugendstil dominiert. Die Vorderhausdurchfahrt mit farbig glasierten Fliesen nimmt die Gestaltung der beiden Innenhöfe vorweg. In einem ehemaligen Fotoatelier unter einem Glasdach im Dachgeschoss arbeitet hier der Filmpionier, Technikfreak und Kameramann Guido Seeber mit der Deutschen Bioscop GmbH seit 1909. Unter anderen entstehen hier die ersten acht großen Filme des Stummfilmstars Asta Nielsen, ehe das Unternehmen neue Produktionsstätten in Potsdam-Babelsberg errichtet. Von 1912 bis 1918 hatte die Continental-Filmkunst in der Chausseestraße 123 ihren Sitz.

Die erste Verfilmung des Titanic-Untergangs trägt den Titel: „In Nacht und Eis“. Buch und Regie stammen von Mime Misu, der rumänischer Abstammung war, sich aber auch gerne mal als Amerikaner ausgab. Er agiert auch noch als Darsteller des heroischen Kapitän Smith. Die Kamera führte u.a. Emil Schünemann, der später oft mit Fritz Lang arbeitete. Gedreht wurde an der Ostseeküste, am Grüpelsee in Königs Wusterhausen, wo ein von leeren Bierfässern getragenes Modell Dampf speiend untergehen musste, und eben im Hinterhof der Chausseestraße 123. Ein Reporter des Berliner Tagblattes berichtete über die Dreharbeiten: „Aus den Fenstern der Hinterzimmer sehen, halb neugierig, halb ängstlich, die Mitbewohner auf das seltsame Treiben da unten. Also ein „Aufbau“ wie auf jeder Bühne, nur plein air. Auf die Leinwand ist die Dekoration des Kesselraums gemalt, wirkliche Manometer und wirkliche Luken, durch die dann Dampf und Feuer kommen wird (…) Wirkliche Kohlen werden zugeschaufelt und starke Männer stehen rechts und links von der mit Segeltuch überdeckten Szene, an Riesenfässer gelehnt, aus denen Sturzwellen fließen werden. Ein paar halbnackte Gesellen, berußt, naß, mit wirrem Haar, warten auf das Zeichen des Regisseurs, um die Verzweiflungs-Botschaften des Kapitäns zu vernehmen, der, mit angeklebtem weißem Spitzbart natürlich, im marineblauen Rock inzwischen noch mit den Kurbelmännern an den kinematographischen Apparaten berät. Dann geht´s an. Durch eine nicht allzu komplizierte mechanische Vorrichtung wird die ganze Bühne ins Schaukeln gebracht. (…) Die Komödianten waten über die nasse Leinwand, wälzen sich in den Kohlen, taumeln und fallen in den Maschinenraum, der Kapitän schreit und reißt mit verzweifelten Gebärden an einem Heizer herum, der im Wasser schwimmt. (…) Ein paar Augenblicke war´s wirklich sehr aufregend. Jetzt wird abgebaut. Der Briefträger geht durch den Chausseestraßenhof, über den die Wellen der „Titanic“ eben in den Abflußkanal strömen.“

Neben dieser Schilderung der Dreharbeiten, bleiben noch drei Zensurkarten von „In Nacht und Eis“ erhalten. Auf diesen Karten wurden die einzelnen Szenen eines Films festgehalten und vermerkt, ob es behördlicherseits Einwände gegen die Vorführung gab. Der Film selbst galt als verschollen, bis 1998 eine 16-Milimeter-Kopie im Archiv eines privaten Sammlers auftauchte. Weltweit 80 Prozent aller Stumm- und frühen Tonfilme aus der Zeit zwischen 1895 und 1930 gelten als verschollen. Der bis in die 50er Jahre übliche Nitrofilm war extrem leicht entflammbar. Feuer zerstörte viele Kinos, Lagerräume und Filmarchive. Beispielsweise brannte 1937 ein Lagerraum von Fox Pictures nieder und mit ihm alle vor 1935 gedrehten Negative. Bei falscher Lagerung zersetzen sich Nitrofilme, genau wie die von Kodak 1940 auf den Markt gebrachten Acetatfilme.

Die meisten verschwundenen Filme wurden jedoch absichtlich zerstört. Abgenutzte Kopien und Filme wurden von den Studios eingeschmolzen, um den enthaltenen Silberanteil zu gewinnen. Mindestens dreimal gab es Vernichtung im großen Stil: Um 1915, als Langfilme zur Norm wurden, zerstörte man zahlreiche, nicht mehr auswertbare Kurzfilme. Ende der 20er, als der Tonfilm sich durchsetzte, wurden Massen von Stummfilmen vernichtet. Vieles, was diese Säuberungen überstand, wurde dann ab den 40ern vernichtet, als man ausgesuchte Nitrofilme auf nichtbrennbares Material kopierte und den Rest aus Sicherheitsgründen vernichtete.

Aber zurück zur Chausseestraße. Die Continental-Studios drehten dort noch zahlreiche Filme, u.a. mit Harry Piel, dem legendären Detektivdarsteller, und mit dem populären Regisseur Jo May. Nach dem Ende des 1. Weltkriegs übernimmt die Argus-Film GmbH die Räume. Der junge Ernst Lubitsch dreht in der Chausseestraße wiederum mit Asta Nielsen. Später hatten hier kleinere Filmfirmen ihren Sitz. 1922 residierte in dem Gebäude beispielsweise eine Nobody Film GmbH. 1938 zieht die Werkzeug-Handels-Abteilung und die Betriebskrankenkasse der AEG ein. Zu DDR-Zeiten war hier die Konzert- und Gastspieldirektion Berlin untergebracht und nach der Wende für ein paar Jahre der Museumspädagogische Dienst. In den 90ern erledigte ich für letzteren auch einige Jobs. Von meinem Bürofenster aus konnte ich über den Hinterhof auf die Friedhöfe der Dorotheenstädtischen und Friedrichswerderschen Gemeinden sehen. Gerüchteweise hörte ich von dem ehemaligen Filmatelier, aber es war unmöglich einen Blick in die Räume zu werfen, da sie baupolizeilich gesperrt waren. Das Gebäude wurde 2008 von einem privaten Investor saniert. Heute befinden haben sich hier überwiegend Werbeagenturen eingemietet. Die renommierte Akademische Buchhandlung Paul Schober, die einige Jahrzehnte im Vorderhaus ansässig war, musste 2002 schließen. Einen Nachfolger gibt es bisher nicht.

Adresse: Chausseestraße 123, 10115 Berlin

25
Nov
09

Orion ohne Erinnerung

Kurz hinter Staffelde fiel die Tochter in den Schlaf, was allerdings nicht viel änderte, denn als Kartenleserin war sie auch schon vorher ein Totalausfall. Na ja, von einer Zweijährigen darf man in diesem Metier wohl auch nicht zu viel erwarten. „Umwege erhöhen die Ortskenntnis“ ist ein Motto, dem ich schon immer viel abgewinnen konnte. Ich hasse Navigationsgeräte, nicht nur weil ich mir nicht gerne sagen lasse, wo es für mich langzugehen hat. Mir genügen flüchtige Blicke in die Karte und ansonsten orientiere ich mich am Stand der Sonne. Jedenfalls hatten wir wohl eine entscheidende Abfahrt verpasst, als wir mit dem Auto auf dem Weg nach Linum waren, um uns dort Kraniche anzuschauen.

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Orion. Ein witziger Name für einen Brandenburger Ort. Ich bog spontan von der Hauptstraße ab und hielt nach Spannendem Ausschau. Keine Raumstation, nichts Erotisches, nur Einfamilienhäuser. Der Ort Orion wirkte sehr langweilig. Es war auch später nicht leicht, etwas über ihn zu erfahren. Die Geschichte ist nicht witzig. Der Ursprung des Ortes liegt in der Nazizeit. In einer Rüstungsfabrik auf einer Waldlichtung ließen die Faschisten Leuchtspurmunition fertigen. Daher der Name des Ortes. Geblieben von damals sind nur drei verklinkerte Ingenieursunterkünfte und ein ebenfalls mit Klinkern versehenes Abwassernetz. Irgendwo soll es auch noch die Abschussrampen geben, von denen aus bei Tests die Leuchtmunition ins Kremmener Luch geschossen wurde. An die Zwangsarbeiter, die hier leiden mussten, erinnert vor Ort nichts. Absolut nichts. Anlässlich des 60. Jahrestages der Befreiung vom Faschismus im Mai 2005 wurden von der Lokalen-Agenda-21-Gruppe gemeinsam mit der Stadt Kremmen – zu der Orion mittlerweile gehört – und mit Unterstützung der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ drei ehemalige ukrainische Zwangsarbeiterinnen, die in ihrer Jugend in der Munitionsfabrik Orion ausgebeutet wurden, eingeladen und betreut. Immerhin.

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Adresse: Orion, 16766 Kremmen

28
Aug
09

Vergessene Befreier, vorauseilender Gehorsam und Kollaborateure, an die nicht erinnert werden soll

Pünktlich zum Jahrestag des Überfalls auf Polen, also dem Beginn des 2. Weltkrieges, kann man in Berlin die Ausstellung „Die 3. Welt im 2. Weltkrieg“ sehen. Ich persönlich bin zunächstmal allen, die Deutschland vom Hitlerfaschismus befreit haben, sehr dankbar. Ich mag mir gar nicht vorstellen, welches Leben ich hätte führen müssen, wenn die Nazis nicht bedingungslos hätten kapitulieren müssen.

Bis ich einigen alten Weltkriegveteranen in Ghana begegnet bin, hatte ich mir nie vergegenwärtigt, dass viele der Befreier aus Afrika und Asien kamen. „Die 3. Welt stellte im 2. Weltkrieg mehr Soldaten als Europa und hatte mehr Kriegsopfer zu beklagen als Deutschland“, heißt es in der Ankündigung der Ausstellung. Sie wird von wissenschaftlichen Vorträgen begleitet. Der Historiker Raphael Scheck wird über „Hitlers afrikanische Opfer“ sprechen, Professor Kum’a Ndumbe aus Kamerun über die Kolonialpläne der Nazis und der Schriftsteller Peter Finkelgruen über das jüdische Ghetto von Shanghai.

Die Ausstellung sollte in der „Werkstatt der Kulturen“ in Neukölln gezeigt werden. Dort wird alljährlich der „Karneval der Kulturen“ organisiert und zahlreiche andere spannende Veranstaltungen, die den Horizont über den eigenen kulturellen Tellerrand erweitern.

Doch kurzfristig sagte die Werkstattleiterin Philippa Ebéné ab. Die vom Kölner Journalisten Karl Rössel konzipierte Ausstellung dokumentiert den antifaschistischen Widerstand, aber auch die Kollaboration mit den Nazis, die es in Asien, Afrika und Lateinamerika gegeben hat. Der Streit zwischen Ausstellungsmacher Rössel und Werkstattleiterin Ebéné entspann sich um die Gewichtung, die der Kollaboration in der Ausstellung beigemessen wird. Während Ebéné nach ihrer Darstellung eine Ausstellung haben wollte, die den Kampf Nichtweißer gegen den Nationalsozialismus würdigt, wollte Rössel auf die Darstellung der Kollaborateure nicht verzichten. Konkret ging es wohl um zwei von 96 Tafeln. Eine befasst sich unter der Überschrift „Palästinenserführer und Kriegsverbrecher“ mit der Rolle von Hadsch Amin al Husseini, dem obersten Repräsentanten Palästinas, Mufti von Jerusalem. Bereits 1937 hatte er dazu aufgerufen, muslimische Länder „judenfrei“ zu machen. Von 1941 bis 1945 lebte er in Berlin, pflegte freundschaftlichen Umgang mit Hitler und gründete eine muslimisch-bosnische SS-Division. Eine zweite Tafel benennt die „Sympathisanten der Faschisten im Nahen Osten“, etwa Ägyptens König Faruk. Es gibt übrigens auch eine dritte Tafel, die „Arabische Retter“ würdigt, die Juden vor dem Tod bewahrten.

Diverse Vermittlungsversuche haben nicht gefruchtet. Die Ausstellung wird jetzt im Wedding gezeigt.

Warum dürfen arabische NS-Kollaborateure und Kriegsverbrecher in der „Werkstatt der Kulturen“ nicht beim Namen genannt werden? Ebéné ist keine Antisemitin. Im letzten Jahr hat sie auf einen jüdischen Redner bei der jährlichen arabischen Kulturwoche bestanden. Daraufhin sagten die Veranstalter, Berliner arabische Vereine, die komplette Veranstaltung ab. Vielleicht war es diese Erfahrung, die sie jetzt motivierte? Letztendlich drängt sich der Eindruck auf, hier wurde in vorauseilendem Gehorsam Rücksicht auf die arabische Community genommen, mit der es sich die „Werkstatt der Kulturen“ nicht verderben wollte. Das erscheint feige und bevormundend. Wenn Teile des Klientels der Werkstatt Probleme mit der auszustellenden Darstellung gehabt hätten, wäre es ein wunderbarer Anknüpfungspunkt für einen interkulturellen Dialog gewesen. Im Übrigen gibt es auch Araber, die sich kritisch mit arabischer Geschichte auseinandersetzen. Die sind offenbar der „Werkstatt der Kulturen“ egal. Nazi-Kollaborateure hat es überall auf der Welt gegeben. Mittlerweile ist es auch kein historisches Tabu mehr, sich sogar mit jüdischen Kollaborateuren – welche Beweggründe sie auch immer gehabt haben mögen – zu beschäftigen. Die „Werkstatt der Kultutren“ hat einer offenen Auseinandersetzung zwischen den Kulturen einen Bärendienst erwiesen.

Mehr über die Ausstellung unter: www.3www2.de und www.africavenir.org.

Die Ausstellung mit einem umfangreichen Begleitprogramm findet vom 1. – 20. September 2009 in den Uferhallen, Uferstr. 8 – 11, 13357 Berlin Wedding statt

01
Dez
08

Deportationsmahnmal Putlitzbrücke

Vom Bahnhof Grunewald (hier gibt es seit 20 Jahren am Gleis 17 eine Gedenkstätte) vom Anhalter Bahnhof und vom Güterbahnhof Putlitzstraße wurden während der Nazizeit die meisten der Berliner Juden nach Osteuropa deportiert.
Per Lastwagen oder zu Fuß wurden die Entrechteten vom Sammellager in der Synagoge Levetzowstraße über die Jagowstraße, Alt-Moabit, die Lübecker Straße, die Perleberger Straße, die Havelberger, den Stephanplatz und die Quitzowstraße und schließlich über den Deportationsweg zum Güterbahnhof Putlitzstraße gebracht.

In der Straße Alt-Moabit erinnern Stolpersteine an Einige der Ermordeten.

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Im Oktober 1941 verließ der erste Deportationszug mit über 1000 Menschen Berlin Richtung Lodz. Bis zum März 1945 wurden mehr als 35000 Berliner Juden mit 63 Zügen der Deutschen Reichsbahn in die Ghettos und Vernichtungslager nach Osteuropa verschleppt. Zunächst wurden Personenwagen dritter Klasse eingesetzt. Schon bald wechselte man sie gegen Viehwaggons aus. Außerdem transportierten 122 Züge 15000 weitere Juden nach Theresienstadt. Bereits während der Fahrt starben viele Menschen an Durst, Hunger und der Grausamkeit ihrer Bewacher. Das KZ hat kaum einer überlebt.

In der Mitte der Putlitzbrücke, die die Gleise von Bahn und S-Bahn überspannt wurde 1987 ein Deportationsmahnmal des Künstlers Volkmar Hase errichtet. An einen Grabstein erinnernd erhebt sich am hinteren Rand einer Platte eine zweite Platte mit einem Davidstern. Dahinter weist eine mehrfach abgeknickte, abstrahierte Treppe gen Himmel. Von der Brücke aus blickt man ein Areal in dem sich einst der Güterbahnhof Putlitzstraße befand. Eine Inschrift lautet: „…Symbol des Weges, der kein Weg mehr war. Für die, die über Rampen, Gleise, Stufen und Treppen diesen letzten Weg gehen mussten…“.

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Wiederholt war das Mahnmal Ziel von Anschlägen. Der spektakulärste war ein Sprengstoffattentat 1992. Ein anderes Mal fand es Jemand urkomisch, an das Mahnmal zwei Schweineköpfe aufzuhängen. Immer wieder sehe ich frühmorgens auf meinem Weg zur S-Bahn, dass Leute ihre Hunde vor das Mahnmal haben kacken lassen. Blödiane oder Dreckspack?

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Adresse: Putlitzbrücke, 10559 Berlin

01
Dez
08

Deportationsweg zum Bahnhof Putlitzstraße

Eingeklemmt zwischen einem Supermarkt und einem neu errichteten Baumarkt biegt ein schmaler Kopfsteinpflasterweg von der Moabiter Quitzowstraße ab. Heute dient er als Zufahrt zum Parkplatz des Baumarktes. In der Nähe auf dem Gehweg versteckt sich eine zweisprachige Hinweistafel, die etwas über die Vergangenheit dieses Weges verrät. In den Karten der Verwaltung wird er auch heute noch als Deportationsweg bezeichnet.

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Der Weg verband die Quitzowstraße mit dem Güterbahnhof Putlitzstraße. Von 1942 bis 1945 wurden Juden von der Sammelstelle in der Synagoge Levetzowstraße zunächst mit Lastwagen später zu Fuß in Marschkolonnen quer durch Moabit hierher gebracht, in Waggons, überwiegend in Viehwaggons getrieben und von der Deutschen Reichsbahn nach Theresienstadt, in die Ghettos der okkupierten, osteuropäischen Städte Lodz, Riga und Lublin oder später direkt nach Auschwitz verschleppt. Überlebt haben nur wenige.

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Auf der nahen Putlitzbrücke steht seit Sommer 1987 ein Mahnmal. Reste der Rampen und Gleisanlagen des Güterbahnhofes hat die Bahn im Zusammenhang mit dem Neubau des nahen Hauptbahnhofes unauffällig verschwinden lassen. Die Bahn mag nicht so gerne an ihre Vergangenheit erinnert werden. Spätestens seit der Ausstellung Zug der Erinnerung ist klar, dass sie nicht nur als Rechtsnachfolger der Reichsbahn in die Judendeportation verstrickt ist, sondern dass es auch personelle Kontinuitäten gab. Dass dieselben Logistiker, die in der Nazizeit die Transporte in die Vernichtungslager organisierten, nach dem Krieg dann eben Urlauber verschickten oder später für „Gastarbeitertransporte“ nach Deutschland verantwortlich zeichneten.

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Wer ganz genau hinschaut kann am Ende des Deportationsweges noch Fragmente des Gleises 69 finden, eines der Gleise, von dem die Deportationszüge abfuhren.

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Adresse: Quitzowstraße, 10559 Berli, zwischen Lidl und Hellweg