Archive for the 'Kaufen, Kaufen, Kaufen' Category

08
Aug
09

Ende eines Kaufhauses

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Heute wurde er tatsächlich geschlossen. Er war für mich immer der Schmuddel-Hertie auch wenn er zeitweise Karstadt hieß. Das Gebäude aus den 60er Jahren, nach Entwürfen des Hamburger Architekten Hans Soll, hätte schon vor 25 Jahren – als ich zum ersten Mal hier eingekauft habe – eines radikalen Liftings bedurft. Die Verkäuferinnen begegneten einem mit einem eher robusten Charme, aber daran hatte ich mich schon lange gewöhnt. Es war ein Kaufhaus für den alltäglichen Kram. Für Ausgefallenes und Exklusiveres fuhr ich dann doch eher gleich in einen Nachbarbezirk. Es war aber auch eine Moabiter Institution. So unhipp und doch heiß und innig hassgeliebt, stand es für den ganzen Kiez.

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Er wird mir fehlen, nicht nur weil es in den 99-Cent-Läden, die sich in der Turmstraße, der Einkaufsstraße Moabits, plastikperlenkettenartig aneinanderreihen, eigentlich gar nichts bekomme, was ich brauche, sondern auch weil ich fürchte, dass Herties Ende ein weiterer Schritt in Richtung Niedergang der Turmstraße und damit des ganzen Stadtteils ist. Ich kann mich noch an mehrere Feinkostgeschäfte hier erinnern. In der nahe gelegenen Arminius-Markthalle kaufte sogar die Frau unseres Bundespräsidenten ein, bevor man die Halle mit dem Einbau einer Norma- und einer Schlecker-Filiale verschandelte und immer mehr Lebensmittelstände durch Ramschtrödelstände ersetzt wurden. Auf dem Gelände des Krankenhauses Moabit, ebenfalls mit Turmstrassenadresse, pulsierte das Leben, bevor es Anfang des Jahrtausends geschlossen wurde. Temps perdu. Vielleicht kommen wieder bessere Zeiten. Immerhin haben die Moabiter Gerichte und der Untersuchungsknast keinen konjunkturellen Nachfrageeinbruch zu befürchten…Zum fünfzigjährigen Jubiläum hätte die Hertie-Filiale noch ein Jahr gebraucht. 260 Mitarbeiter (zu Zeiten der Eröffnung waren es noch 700) wurden jetzt entlassen. Sie saßen nach der Schließung heute noch auf dem Parkplatz hinter dem Gebäude zusammen und „feierten“ Abschied. Hoffentlich kommen möglichst Viele mit ihrer Situation klar. Macht et jut.

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Ehemalige Adresse: Turmstr. 29, am U-Bhf. Turmstrasse, 10551 Berlin

09
Dez
08

Markt der Kontinente

Es ist schon ein Weihnachtsmarkt der etwas anderen Art. Wer auf Edel-Ethno-Kitsch steht, kommt hier sicherlich auf seine Kosten. Wer seinen Weihnachtsbaum dieses Jahr mal ganz anders behängen will, wird auch fündig. Zwischen Gewirktem, Gedrechseltem, Gewebtem, Geschöpftem, Geschnitztem, Geblasenem, Gebatiktem, Geflochtenem, Geschmiedetem, Gemanschtem, Gepanschtem und Gefrickeltem gab es allerdings auch einige Kunstwerke und Antiquitäten, die dann allerdings auch ihren Preis hatten. Meine persönlichen Favoriten waren Wunderseifen aus Mexiko (siehe Foto), die dem Anwender den Angebeteten oder einfach viel Geld bringen sollen. Bei nur 2,50 Euro pro Stück wäre das ja eine sinnvolle Investition. Auf Nachfrage gab die Verkäuferin aber zu, dass sie sie leider noch nicht ausprobiert hätte und deshalb keine Aussage über die Zuverlässigkeit dieses Produktes treffen könne. Toll fand ich auch eine Schreibtischlampe, gefertigt aus Altblech (siehe anderes Foto). Zahlreiche Nord-Süd-Vereine waren präsent und versuchten u.a. über schädliche Kinderarbeit aufzuklären. Es sollte mich wundern, wenn viele der daneben angebotenen Waren, gerade im Billigbereich, nicht von klitzekleinen Kinderhänden gefertigt gewesen sein sollten.

Wunderseife

Lampe

Unsere Kinder durften asiatische Stockpuppen bauen und waren ganz stolz darauf, von Radio Multikulti interviewt worden zu sein, noch kurz bevor der Sender abgewickelt werden wird. Die Erwachsenen besuchten die Führung „Nächtliche Zweisamkeit – Paardarstellungen in der Asiatischen Kunst“. Das versammelte Bildungsbürgertum lechzte. Aber das Gebotene war dann sehr unerotisch und didaktisch und rhetorisch wenig mitreißend. Das Musikprogramm war interessant, sofern man asiatischer Musik etwas abgewinnen kann.

Panorama

Bühne

Erwachsene, die den Markt besuchen, zahlen den regulären Museumseintritt von 6 Euro, dürfen dann aber auch alle drei Museen am Ort ansehen und die Bastelworkshops für die Kinder sind umsonst. Solche Veranstaltungen sind ein legitimer Versuch die Massen in die Dahlemer Museen zu locken. Die üblichen Besucherzahlen werden nämlich dem, was es hier zu entdecken gibt, kaum gerecht. Nachhaltiger Erfolg wird sich aber erst einstellen, wenn die Konzepte der ständigen Ausstellungen spannender werden.

Wolf

Frosch

Flötenspieler

Wir waren beim Asienwochenende. Am 13. und 14. Dezember ist dann noch Amerika dran.

Info: In der Regel an den vier Wochenenden vor Weihnachten | Ort: Ethnologisches Museum, Lansstraße 8, 14195 Berlin

07
Okt
08

Bergkäserei Diepolz

Seit meiner Kindheit, die im tiefsten Niedersachen verortet ist, wurde meine Vorstellung einer heilen Welt von Bildern geprägt, die das Voralpenland hervorbrachte: blumenübersäte Weiden mit glücklichem, brauem Hornvieh, das einen bärtigen, lederbehosten Milchbauern zum besten Freund hatte. Die Werbung von Bärenmarke und Konsorten leistete ganze Arbeit. Diese Welt war ganz anders als das mir bekannte Landleben: Norddeutsches Fleckvieh, das dreckverkrustet manchmal das ganze Jahr im Stall verbrachte, gepeinigt von mürrischen Bauern im blauen Drillich, deren Atem von Frühstückskorn schwer war und die Vieh wie Familie getreu dem Motto behandelten: „Wozu ein Wort verlieren, wenn es auch ein Fußtritt tut?“.

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Als die beste aller möglichen Ehefrauen, süddeutscher Herkunft, mich vor einigen Jahren zum ersten Mal mit ins Allgäu nahm, begegnete mir dort eine Welt, die den Idealvorstellungen meiner Kindheit sehr nahe kam.

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Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass das ganze Allgäu in seiner heutigen Form, die uns als zeitloses, natürliches Gegenstück, nicht nur zu niedersächsischen Dorfwelten, sondern vor allem zu Urbanität und Industrialisierung erscheint, noch gar nicht so alt ist. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts war das Allgäu vom Flachsanbau geprägt. Die Weidewirtschaft brachte erst dann ein gewisser Carl Hirnbein (eignet sich übrigens auch hervorragend als Schimpfwort: „Du Hirnbein, Du!“), der hier noch heute als großer Heilsbringer verehrt wird, weil er die Käseherstellung populär machte. Aber was war die Voraussetzung für Kuhhaltung und Käseherstellung? Es musste die Möglichkeit geben, den Käse schnell und über weite Strecken zu transportieren um so breite Absatzmärkte zu erreichen. Diese Möglichkeit war gegeben, als das Oberallgäuer Immenstadt Anschluss an das Eisenbahnnetz erhielt. Die Industrialisierung mit seinem markantesten Symbol, der Eisenbahn, machte es also erst möglich, dass im Allgäu ihr eigenes Gegenbild entstehen konnte. Tradition und Moderne geben sich die Hand.

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Meiner Schwiegermutter habe ich nicht nur ihre Tochter, sondern auch die Kenntnis von der Bergkäserei Diepolz zu verdanken. Als ich zum ersten Mal den Bergkäse und den Bauernkäse probiert habe, offenbarte sich mir ein Geschmack, den nur eine heile Welt, wie ich sie mir als Kind vorstellte, zustande gebracht haben konnte.

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Rund zwanzig Betriebe mit durchschnittlich fünfzehn Kühen liefern die Milch an die Sennerei. Zur Käseherstellung wird die Milch zuerst mit Lab versetzt, dadurch dickt sie ein. Danach wird sie mit der Käseharfe zum sogenannte “Käsebruch” geschnitten. Ganz wichtig für das Gelingen des Käses ist die Beschaffenheit des “Bruches”. Der Käsebruch wird in runde Formen abgefüllt und gepresst, am nächsten Tag in ein Salzbad getaucht und nach zwei Tagen zum reifen für mindestens drei Monate in den Käsekeller gebracht. Man schmeckt die Kräuter, die sich die Kühe einverleibt haben. Wer so etwas einmal probiert hat, wird nie wieder ohne Not zum abgepackten Fabrikkäse aus dem Supermarkt zurückgreifen können.

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Wer immer in die Nähe von Immenstadt kommt, sollte den Abstecher nach Diepolz wagen und sich mit Käse (auch für Freunde und Verwandte) eindecken. Bergkäse und Emmentaler, vielleicht noch Bauernkäse, wenn man es milder mag, sollte man wählen. Alle anderen Sorten sind unnötige Spielerei.

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Im Laden gibt es auch noch Faßbutter, Milch und handgeschöpften Quark. Alles köstlich. Für Gruppen werden nach Voranmeldung Käsebrotzeiten angerichtet.

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Angeblich haben die Kühe, die ihre Milch für den Käse lassen (ganz traditionell) noch Namen. Aber da Tradition und Moderne bisweilen ja dicht beieinander liegen, kann man den Käse auch im Internet unter der oben genannten Adresse bestellen.

Adresse: Bergkäserei Diepolz, Diepolz 1, 87509 Immenstadt, www.bergkaeserei-diepolz.de/

03
Sep
08

Pacific-Center

Manches Mal habe ich mich gefragt, wo der ganze Kitsch herkommen mag, den es in den unzähligen Asia-Läden und –ständen zu erstehen gibt. Vieles hat vermutlich hier Zwischenstation gemacht: im Pacific-Center in Berlin-Hohenschönhausen.

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Auf 16.000 Quadratmetern gibt es hier Geschenkartikel, Kleidung, Lebensmittel und noch dieses und jenes in ungefähr hundert kleinen Läden. Die Händler sind überwiegend vietnamesischer Provenienz. Dazu gesellen sich wenige Chinesen, Inder und Pakistanis. Die Produkte stammen in erster Linie aus Ostasien, manche aber auch aus Osteuropa. Die Kunden sind wiederum in erster Linie Vietnamesen. Hier wird en gros und en detail gehandelt. Viele Wiederverkäufer decken sich hier ein. Man sieht Autos mit Nummernschildern aus ganz Ostdeutschland. Obwohl mein Arbeitsplatz über ein Jahr lang nur wenige hundert Meter entfernt lag, habe ich von der Existenz dieses Einkaufszentrums der etwas anderen Art nichts mitbekommen. Von der Strasse aus wirkt es wenig einladend: ein etwas angeranztes Bürogebäude im Plattenbaustil zur Straßenfront hin, dahinter die endlose Halle, die man über die LKW-Laderampe betritt.

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Die Läden reihen sich in unterschiedlicher Größe entlang der Ladenstraßen. Die Wände reichen nicht bis zur Hallendecke, von welcher Versorgungsstränge und Neonlampen herabhängen. Dieses prosaische Ambiente kombiniert mit asiatischen Klängen und den Gerüchen von Räucherstäbchen, Gewürzen und Undefinierbarem, lässt den Besucher zweifeln, ob er sich noch in Berlin befindet. Wer ein Faible für Kunststoffblumen, preiswerte Elektronik und Kleidung, für die asiatische Küche oder ähnliches hat, kommt hier auf seine Kosten. Aber es gibt auch mehrere Restaurants bzw. Kantinen, einen Billiardsalon und einen Frisör hier. Im Freien wurde ein kleiner Garten mit Buddhastatue angelegt. Gekauft habe ich hier bislang noch nichts, aber es reizt mich, von Zeit zu Zeit in diese fremde Welt einzutauchen.

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Adresse: Asia-Pacific-Center, Marzahner  Straße 17, 13053 Berlin





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