Archive for the 'Wo es fönt' Category

08
Jun
09

Shanties beim flandrischen König

Am Ende einer Tour durch Augsburg besuche ich in der Regel noch die Buchhandlung Pustet im historischen Bader-Haus, schon allein weil es dort eine so spannende Bavaria-Ecke gibt. Wenn dann noch immer Zeit übrig ist, steige ich noch ein Stockwerk tiefer in den „König von Flandern“. Zwar erst 1988 eröffnet, aber sich auf uralte Traditionen berufend, wirkt der verwinkelte Keller mit insgesamt 250 Sitzplätzen recht gemütlich. Das bayrisch-schwäbische Speisenangebot lasse ich eher an mir vorüberziehen, weil meine Schwiegermutter alle Gerichte besser kocht und eh schon immer mit dem Essen auf mich wartet. Probiert habe ich dennoch ein Mal die Schäufele und ein anderes Mal den Schweinsbraten: einfach, bodenständig, ordentlich. Sicher, en gros zubereitet, möglicherweise unter Einsatz von Soßenpulver. Aber für die bescheidenen Preise ist unmöglich mehr einzufordern. Zu allen Gerichten wird Treberbrot gereicht. Es wird auch zum Mitnehmen angeboten und das sollte man auch tun. Es ist ein Gedicht. Wer weiß, dass Treber nicht nur jugendliche Obdachlose bezeichnet, sondern auch die Reste des Malzes der Bierherstellung, ist auf der richtigen Spur.

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Im „König von Flandern“ wird gebraut: die „Drei-Heller-Biere“, unfiltriert, hell oder dunkel, sowie der Doppelbock Alligator. Biere, die auch einen ausgesprochener Weintrinker untreu werden lassen.

Wenn ich in den „König von Flandern“ gerate, ist eigenartiger Weise immer „Happy Hour“. Das hat den Vorteil, dass das Bier dann sagenhaft preiswert ist. Es hat aber auch den Nachteil, dass um mich herum immer Gruppen von Gymnasiasten oder Erstsemestern sitzen, die sehr laut und sehr dumm sind. Seit ich erfahren habe, es sei jetzt angesagt sich fremd zu schämen, tue ich das dann immer ein wenig. Ich hoffe inbrünstig, dass ich in dem Alter nicht so war. Die Kellnerinnen gehen mit allen Gästen gleichermaßen freundlich, zuvorkommend und professionell um. Vermutlich wirke ich auf sie, ebenso wie auf die mir peinlichen Jugendlichen, wie ein verschrobener, alter Mann. Einzelne schämen sich womöglich für mich.

Einmal hatte ich hier ein bemerkenswertes Erlebnis: Während die Partnerin und ich uns sommernachmittags an einem erfrischenden Bier labten, ertönte plötzlich und unerwartet lauter Gesang. Allein, er wollte sogar nicht in dieses Ambiente passen. Es waren nicht die Biermösel Blosn, nicht Ringswandl und auch nicht Hans Söllner, um mal ein paar der angenehmeren Vertreter bayrischer Volksmusik zu erwähnen. Es war der Shanty-Chor der Nürnberger Wasserschutzpolizei. „Seemann, deine Heimat ist das Meer, deine Freunde sind die Sterne, über Rio und Shanghai, über Bali und Hawaii….“ ertönte es. Ich muss hier offenbaren, dass ich eine sehr sentimentale Einstellung zur christlichen Seefahrt habe. Es ist nur einer Verkettung unglücklicher Umstände zu verdanken, dass ich meinen jugendlichen Plan, Schule, Schule sein zu lassen und Matrose zu werden, nicht in die Tat umsetzen konnte. Aber diese Geschichte erzähle ich vielleicht ein andermal. Jedenfalls stimmte ich in den Gesang fröhlich mit ein. Das war ja mal ein Crossover: ein ehemaliger Berliner Anarchopunk singt zusammen mit einem fränkischen Polizistenchor in einer bayrisch-schwäbischen Kneipe norddeutsche Seemannsschlager.

Der Partnerin war es peinlich. Sie verbot mir den Gesang. Sie, die Augsburgerin, glaubt nämlich, dass ich mich als in Niedersachsen sozialisierter Wahlberliner in Bayern ohne ihre Verhaltensmaßregeln nicht zurecht finden kann. Es ist immer das gleiche, wenn wir da unten sind. Meiner Schwiegermutter gegenüber sollte ich nicht erwähnen, dass ich glaube, mal gelesen zu haben, dass es bis in die 50er Jahre in Augsburg eine Hundemetzgerei gab. Meinen Verdacht, dass auf dem Stadtmarkt abgezogene Katzen als Kaninchen verkauft werden, sollte ich für mich behalten. Ihrem Ex sollte ich verschweigen, dass wir ihn intern nur Karlsson nennen, weil er auf dem Hochzeitsfoto, das er uns schickte, aussieht wie Karlsson vom Dach. Im Hofbräuhaus sollte ich keinen Wein bestellen. Niemals darf ich in dem lustigen universal-süddeutschen Idiom reden, dass ich selbst kreiert habe…

Natürlich kann ich dann gar nicht anders, wenn man mich so maßregelt. Ich muss es einfach tun. Als mich ihr Ex wegen der Karlssongeschichte unglücklich anschaute, konnte ich wenigstens erwidern, dass sie mich schon gewarnt hätte, er sei nicht so humorvoll und fände das bestimmt nicht witzig.

Adresse: König von Flandern, Karolinenstraße 12, 86150 Augsburg | http://www.koenigvonflandern.de/startseite.html

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27
Nov
08

Wasserwerk am Hochablass

In der Nähe des Hochablasses findet man zwei Wasserwerke: Das historische Wasserwerk von 1879 am Hochablass und ein 2006 errichtetes Wasserwerk, das der Weiterleitung des Trinkwassers aus umliegenden Brunnen in das städtische Trinkwassernetz dient. Geplant wurde es von dem Augsburger Architektenbüro Reinhold Streidl. Mit seiner Konstruktion aus Stahlbeton, seiner gestalteten Glasfassade, einer Fassadenverkleidung aus wetterfestem Baustahl und einem Deckentragwerk aus Stahl ist es dem historischen Wasserwerk ein ungleicher Bruder.

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Im Jahr 1876 beschloss der Magistrat der Stadt Augsburg den Bau eines Wasserwerks am Hochablass. Etwa 1.700 000 Reichsmark wurden für die Quellfassung, den Kanal- und Brückenbau, die Maschinen, Hochbauten und neuen Leitungen genehmigt. Probebrunnen im Siebentischwald hatten die Qualität des Trinkwassers bestätigt. Das ganze Gebiet des Siebentischwaldes westlich des Hochablasses war damals bereits im Eigentum der Stadt, so dass der Bau wasserschädlicher Anlagen im Rahmen der Industrie und des Gewerbes nicht mehr erlaubt wurde. Das historische Wasserwerk galt zur Entstehungszeit als technisches Wunder. Heute dient es der Stromversorgung von rund 2.300 Privatpersonen. Glücklicherweise wird es mittlerweile als einzigartiges industriegeschichtliches Denkmal angesehen und dient den Stadtwerken Augsburg als Technikmuseum und Trinkwasserinformationszentrum.

Adresse: Spickelstrasse 31, 86161 Augsburg

27
Nov
08

Hochablass

Ein Ablass ist in der katholischen Lehre ein Gnadenakt, durch den zeitliche Sündenstrafen, beispielsweise durch Bußauflagen, erlassen werden können. Auch jedem der den päpstlichen Segen „Urbi et Orbi“ hört und „der guten Willens ist“ wird ein Ablass seiner Sündenstrafen gewährt. Ursprünglich musste man dazu anwesend sein. Seit 1967 kann der Segen auch über das Radio, seit 1985 über das Fernsehen und seit 1995 sogar über das Internet gültig empfangen werden. Immer auf der Höhe der Zeit, die katholische Kirche.

Papst Leo X war auf Grund seines aufwendigen Lebensstils ständig verschuldet. Angeln und Jagen, das Sammeln von exotischen Tieren sowie Feste und Karnevalsumzüge gehörten zu seinen Lieblingsbeschäftigungen. Angeblich soll er sich auch einen Hofnarren gehalten haben, den er prügeln ließ, wenn er nicht witzig genug war. Irgendwie musste das ja finanziert werden und so ersann man den Handel mit Ablassbriefen. Dem Käufer wurde ein Nachlass seiner Sündenstrafen versprochen. Der berühmte Ablassprediger Johann Tetzel handelte 1514 mit Ablassbriefen um angeblich die Türkenkriege zu finanzieren. Tatsächlich sollte aber damit der Bau der Peterskirche in Rom finanziert werden. Das alles fand ein gewisser Martin Luther gar nicht gut. So kam es zur Reformation und Gegenreformation und diesen ganzen Geschichten.

Während der Herbstferien besuchte ich Augsburg. Sitz des berüchtigten Bischofs Mixa. Hier latschen sich die Kirchen gegenseitig auf die Füße. Als ich das erste Mal vom Hochablass hörte, sah ich umfangreiche Bußübungen oder deftige Geldausgaben auf mich zukommen.

Damit lag ich vollkommen falsch. Der Hochablass ist ein Stauwehr, eine Art kleine Talsperre mit einem Brüstungsgang von einem Ufer zum anderen. Es reguliert das Wasser des Lechs, bestimmt, wie viel davon in die Stadt fließen darf. Dort durchfließt es in vielen Kanälen die Altstadt. Der plastische Schmuck am westlichen Brückenkopf (ein Flößer und eine Spinnerin mit Spindel, Füllhorn und Turbinenrad) stammt von dem Österreicher Josef Köpf (1873 – 1953) und verweist auf die Bedeutung des Wassers für Handwerk und Industrie der Stadt.

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Für Technikfreaks: Der Hochablass in seiner heutigen Form ist eine querliegende Stahlbetonkonstruktion. Die elektromotorisch betriebenen Walzen- und Schütztafelwehre sind sowohl fest wie auch beweglich und regelbar. Es gibt eine Kiesschleuse, einen Fußgängersteg und ein Getriebehäuschen mit einem Glockenturm. Insgesamt fließen hier 45 Kubikmeter pro Sekunde durch. Die Wehrbreite beträgt 145 Meter. Der Hochablass hat sechs Wehrfelder und bildet die Form eines Z nach. Der östliche Wehrteil ist mit drei Gegengewichtsklappen und zwei Überfallschwellen ausgestattet, der westliche Wehrteil mit einem Walzenwehr, einer Fischbauchklappe und einem Hakendoppelschütz. Die Fallhöhe beträgt 5,80 Meter.

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Ich interessiere mich nicht so sehr für technische Details und schaue lieber den Wassermassen, die mit donnerndem Getöse und hoher Gischt das Wehr hinabbrausen und denke dabei an Leo, Tetzel, Luther und den Augsburger Frieden, der 1555 immerhin bis zum 30-jährigen Krieg anhielt und damit dem Land gut ein halbes Jahrhundert Frieden bescherte und den Augsburgern bis heute einen gesetzlichen Feiertag mehr.

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Seit den Olympischen Spielen 1972 wird vom Hochablass aus auch eine nahe gelegene Kanustrecke – der Eiskanal – gespeist. Im weiteren Verlauf führt er durch ein Freibad, das Fribbe, man kann sich dort ein einige Dutzend Meter von dem rasant fließenden und selbst im Hochsommer erfrischend kühlen Kanal mitreisen lassen oder – wenn man ein wenig auftrumpfen will – einfach eine Zeit lang gegen die Strömung schwimmen.

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Bereits 1346 wurde ein Lechanstich an dieser Stelle erwähnt. In den darauf folgenden Jahrhunderten immer wieder zerstört durch Feuer, Hochwasser, Krieg und wieder aufgebaut. 1910 reißt ein Hochwasser letztmalig alles davon. In den Jahren 1911 und 1912 wird der Hochablass in der heutigen Form wiederaufgebaut, diesmal aus massivem Stahlbeton.

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An schönen Sonntagnachmittagen tummelt es sich hier. Zu anderen Zeiten findet man hier aber auch seine Ruhe. Auf der westlichen Seite sind der Siebentischwald mit dem Wasserwerk am Hochablass, auf der östlichen der Kuhsee lohnenswerte Ziele. Oder man geht einfach runter zum Wasser und durchstöbert die Lechauen.

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Adresse: Am Eiskanal 30, 86161 Augsburg

07
Okt
08

Bergkäserei Diepolz

Seit meiner Kindheit, die im tiefsten Niedersachen verortet ist, wurde meine Vorstellung einer heilen Welt von Bildern geprägt, die das Voralpenland hervorbrachte: blumenübersäte Weiden mit glücklichem, brauem Hornvieh, das einen bärtigen, lederbehosten Milchbauern zum besten Freund hatte. Die Werbung von Bärenmarke und Konsorten leistete ganze Arbeit. Diese Welt war ganz anders als das mir bekannte Landleben: Norddeutsches Fleckvieh, das dreckverkrustet manchmal das ganze Jahr im Stall verbrachte, gepeinigt von mürrischen Bauern im blauen Drillich, deren Atem von Frühstückskorn schwer war und die Vieh wie Familie getreu dem Motto behandelten: „Wozu ein Wort verlieren, wenn es auch ein Fußtritt tut?“.

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Als die beste aller möglichen Ehefrauen, süddeutscher Herkunft, mich vor einigen Jahren zum ersten Mal mit ins Allgäu nahm, begegnete mir dort eine Welt, die den Idealvorstellungen meiner Kindheit sehr nahe kam.

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Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass das ganze Allgäu in seiner heutigen Form, die uns als zeitloses, natürliches Gegenstück, nicht nur zu niedersächsischen Dorfwelten, sondern vor allem zu Urbanität und Industrialisierung erscheint, noch gar nicht so alt ist. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts war das Allgäu vom Flachsanbau geprägt. Die Weidewirtschaft brachte erst dann ein gewisser Carl Hirnbein (eignet sich übrigens auch hervorragend als Schimpfwort: „Du Hirnbein, Du!“), der hier noch heute als großer Heilsbringer verehrt wird, weil er die Käseherstellung populär machte. Aber was war die Voraussetzung für Kuhhaltung und Käseherstellung? Es musste die Möglichkeit geben, den Käse schnell und über weite Strecken zu transportieren um so breite Absatzmärkte zu erreichen. Diese Möglichkeit war gegeben, als das Oberallgäuer Immenstadt Anschluss an das Eisenbahnnetz erhielt. Die Industrialisierung mit seinem markantesten Symbol, der Eisenbahn, machte es also erst möglich, dass im Allgäu ihr eigenes Gegenbild entstehen konnte. Tradition und Moderne geben sich die Hand.

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Meiner Schwiegermutter habe ich nicht nur ihre Tochter, sondern auch die Kenntnis von der Bergkäserei Diepolz zu verdanken. Als ich zum ersten Mal den Bergkäse und den Bauernkäse probiert habe, offenbarte sich mir ein Geschmack, den nur eine heile Welt, wie ich sie mir als Kind vorstellte, zustande gebracht haben konnte.

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Rund zwanzig Betriebe mit durchschnittlich fünfzehn Kühen liefern die Milch an die Sennerei. Zur Käseherstellung wird die Milch zuerst mit Lab versetzt, dadurch dickt sie ein. Danach wird sie mit der Käseharfe zum sogenannte “Käsebruch” geschnitten. Ganz wichtig für das Gelingen des Käses ist die Beschaffenheit des “Bruches”. Der Käsebruch wird in runde Formen abgefüllt und gepresst, am nächsten Tag in ein Salzbad getaucht und nach zwei Tagen zum reifen für mindestens drei Monate in den Käsekeller gebracht. Man schmeckt die Kräuter, die sich die Kühe einverleibt haben. Wer so etwas einmal probiert hat, wird nie wieder ohne Not zum abgepackten Fabrikkäse aus dem Supermarkt zurückgreifen können.

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Wer immer in die Nähe von Immenstadt kommt, sollte den Abstecher nach Diepolz wagen und sich mit Käse (auch für Freunde und Verwandte) eindecken. Bergkäse und Emmentaler, vielleicht noch Bauernkäse, wenn man es milder mag, sollte man wählen. Alle anderen Sorten sind unnötige Spielerei.

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Im Laden gibt es auch noch Faßbutter, Milch und handgeschöpften Quark. Alles köstlich. Für Gruppen werden nach Voranmeldung Käsebrotzeiten angerichtet.

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Angeblich haben die Kühe, die ihre Milch für den Käse lassen (ganz traditionell) noch Namen. Aber da Tradition und Moderne bisweilen ja dicht beieinander liegen, kann man den Käse auch im Internet unter der oben genannten Adresse bestellen.

Adresse: Bergkäserei Diepolz, Diepolz 1, 87509 Immenstadt, www.bergkaeserei-diepolz.de/




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