Posts Tagged ‘moabit

20
Mai
11

Friedhof des Zellengefängnisses Moabit

Nur ein paar dutzend Schritte vom geschäftigen Berliner Hauptbahnhof entfernt versteckt sich der Friedhof des Zellengefängnisses Moabit. Präziser: der Teil dieses Friedhofes, in dem die Beamten des Gefängnisses bestattet wurden. Den anderen Teil, auf dem die gestorbenen Gefangenen ihre „letzte Ruhe“ fanden, hielt wohl niemand für erhaltenswert und so entstand nach 1955, als der Friedhof geschlossen wurde, auf diesem Areal eine Kleingartenanlage. Hier wird auf Gräbern gegrillt.

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Die meisten Grabsteine sind umgefallen, zerstört oder überwachsen. Vor ein paar Jahren hat man den schmiedeeisernen Zaun um die Gräber restauriert. Das Tor ist verschlossen. Einer der wenigen erhaltenen Grabsteine ist der von Ernst Vetter: Hier/ ruhet in Gott/ mein lieber Mann/ und guter Vater,/ der Kgl.Strafanstalt-/ Aufseher/ Ernst Vetter/ * 28.2.1858, + 3.4.1918.

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Neben dem Friedhof sind noch Teile der Gefängnismauer und drei Beamtenwohnhäuser übrig geblieben. An der Lehrter Straße erinnert eine Gedenktafel an die Opfer der Nazizeit.

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Nach jahrzehntelangen Auseinadersetzungen gibt es seit 2006 nach Plänen von Silvia Glaßer und Udo Dagenbach einen gelungenen Geschichtspark auf dem Gelände des eigentlichen Zellengefängnisses.

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Das Gefängnis wurde von 1842 – 1849 von Carl Ferdinand Busse als Kopie des Londoner Gefängnisses Pentonville als preußisches Mustergefängnis errichtet. Die Gefangenen sollten durch strengste Isolation voneinander geläutert werden. In fünf sternförmig angeordneten Flügeln gab es Einzelzellen, die vom Zentralbau aus überwacht wurden. Schweigepflicht, scheuklappenähnliche Mützen, die außerhalb der Zelle getragen werden mussten, Einzelhofgang in 10 qm großen dreieckigen Teilstücken des Hofes (daher kommt die Redensart „im Dreieck springen“) und selbst in der Gefängniskirche Sitze in sargähnlichen Holzkisten, sorgten dafür, dass zahlreiche Gefangene die Flucht in den Wahnsinn oder den Suizid antraten. Folgerichtig wurde 1886 ein Nebengebäude zum Irrenhaus umgebaut.

Noch vor Abschluss der Bauarbeiten wurden die ersten Gefangenen, polnische Freiheitskämpfer, einquartiert. Sie wurden 1848 von Berliner Märzrevolutionären befreit. Prominente Gefangene waren danach Friedrich Wilhelm Voigt, der später als „Hauptmann von Köpenick“ ganz groß raus kam. 1878 wurde Max Hödel hier hingerichtet. Er hatte sich an einem Attentat auf den Kaiser Wilhelm I. versucht. Während des ersten Weltkrieges wurden Kriegsgegner und später Teilnehmer der Novemberrevolution inhaftiert. 1933 wurde Erich Mühsam hier eingesperrt. 1940 quartierte sich die Wehrmacht in einem Flügel ein. Der Schriftsteller Wolfgang Borchert saß hier über neun Monate wegen Wehrkraftzersetzung in Einzelhaft. Unter dem Eindruck der Lautsprecheransage des nahen Lehrter Bahnhofs schrieb er das Lied „800 mal Lehrter Straße“. 1941 zog die Gestapo ein. Neben vielen heute vergessenen Antifaschisten war der Sänger und Schauspieler Ernst Busch hier eingekerkert, später zahlreiche Widerstandskämpfer im Umfeld der Attentäter des 20. Juli. In den letzten Kriegstagen wurden 16 politische Gefangene aus ihren Zellen verschleppt und auf dem nahe gelegnen ULAP-Gelände per Genickschuss ermordet. Der junge Kommunist Herbert Kosney überlebte die Hinrichtung schwer verletzt. Ohne diesen Augenzeugen wäre vielleicht auch dieses Verbrechen vergessen. In den Taschen der Leiche des Dichters Albrecht Haushofer fand man die im Gefängnis erstandenen „Moabiter Sonette“.

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Nach der Befreiung nutzten die Alliierten das durch Bomben kaum beschädigte Gebäude bis 1955. Zwischen 1946 und 1949 fanden hier mindestens zwölf Hinrichtungen (nach anderen Quellen 48) statt. Als Letzter wurde am 11. Mai 1949 der 24-Jährige Bertold Wehmeyer guillotiniert.

Um Platz zu schaffen für die – zum Glück nie realisierte – Westtangente wurde das Zellengefängnis 1958 abgerissen.

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Zum ersten Mal war ich während einer Nachtwanderung im Rahmen einer Geburtstagsfeier einer Kindergartenfreundin meiner mittlerweile über 20-Jährigen Tochter auf dem Friedhof. Abgesehen davon bin ich hier bei meinen Besuchen fast immer wunderbar allein. Ich versuche mir nicht nur die Vergangenheit dieses Ortes vorzustellen, sondern denke auch über den Unterscheid zwischen allein und isoliert sein nach. Auf dem Nachhauseweg bin ich dann immer sehr zufrieden mit meinem bescheidenen Dasein.

Adresse: Lehrter Straße, 10557 Berlin, hinter den Schrebergärten, die sich gegenüber der Einmündung Seydlitzstraße befinden

31
Mrz
10

Wie ich einmal meinen selbst erteilten Bildungsauftrag am Bahnhof Westhafen erfüllte

Der Berliner U-Bahnhof Westhafen wurde im Jahr 2000 nach Entwürfen der Künstlerinnen Francoise Schein und Barbara Reiter sehr ansprechend umgestaltet. Während die Wände des U-Bahnsteigs die Erklärung der Menschenrechte wiedergeben, geht es im Übergang zur S-Bahn zweisprachig um die Erfahrung, die der Dichter Heinrich Heine während seines Exils in Frankreich machen musste. Genauer um die Schwierigkeiten, die die Franzosen mit der Aussprache seines Namens hatten. Von Monsieur Heinrich Heine über Monsieur Henri Heine, Monsieur Enri Enn, Monsieur Enrienne zu Monsieur Un Rien (= ein Nichts). Die Berliner Verkehrsbetriebe haben wohl eher ein pragmatisches Verhältnis zur Kunst. Einzelne Zeilen sind nicht mehr lesbar, weil man ein Telefon und einen Geldautomaten davor montiert hat. Das ist kundenfreundlich, denkt sich der Herr BVG-Entscheidungsträger. Das ist serviceorientiert, denkt sich der Herr BVG-Entscheidungsträger und dass es einerlei sei, ob damit der ganze Text nicht mehr funktioniere. Wenn ein modernes Unternehmen hobelt, fallen eben Späne, denkt er und dass die Fahrgäste mit diesem Heine eh nichts anzufangen wissen.

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Gestern trat das vom Herrn BVG-Entscheidungsträger imaginierte Zielpublikum in meine Realität. Drei männliche Jugendliche, leicht alkoholisiert, kurzhaarig, teils mit so komischen Deppencaps verunstaltet, die wohl cool wirken sollen, wenn man sie so klein wählt, dass sie gar nicht auf die Hohlköpfe passen können. „Ey wir sin hier in Doitschland, wieso steht hier kein Doitscher?“ gröhlte es aus einem der Hohlköpfe. Ich befand mich in einer Laune, die mich dazu bemüßigte auf den Schreihals zu reagieren: „Heinrich Heine war Deutscher. Es gibt eben auch Deutsche, die Fremdsprachen beherrschen, wenn auch sicher nicht in Eurem Bekanntenkreis.“ Ja, ich weiß, dass das arrogant, überheblich und vielleicht auch ein bisschen gefährlich war, aber auf die Schnelle fiel mir nichts Besseres ein. Die drei schauten sich verwundert an, schauten mich verwundert an. Man sah, wie ihre kleinen Hirne arbeiteten und eine passende Reaktion auf diese Situation zu finden versuchten. Zuschlagen? Irgendetwas erwidern? Nur was? Schließlich zogen sie wort- und reaktionslos weiter. Bildungsauftrag für heute erfüllt, dachte ich.

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Jetzt muss ich nur noch irgendwie auf den Herrn BVG-Entscheidungsträger treffen. Dann erfülle ich meinen selbst erteilten Bildungsauftrag auch an ihm.

23
Sep
09

Grünfläche Salzwedeler Straße: Bürgerschaftliches Engagement ist möglich

Ganz am Ende der kleinen Moabiter Salzwedeler Straße, da wo sie auf die Quitzow trifft, befindet sich eine bescheidene Grünfläche. Im letzten Weltkrieg wurde hier die Bebauung weggebombt und weil die Fläche so winzig, spitz und abseitig war, wurde sie nicht neu bebaut, sondern die Rückeroberungstendenzen der Natur wurden weitgehend akzeptiert. Das bezirkliche Grünflächenamt nahm jahrzehntelang nur kleine, unverzichtbare Eingriffe vor, denn irgendwie musste es sich ja legitimieren. Es trafen sich hier nur einige Trinkkumpane und zwielichtige Gestalten, die es zu schätzen wussten, dass alle Anderen lieber einen Bogen um diese Areal schlugen. Vor ein paar Jahren gelang es einer Bürgerinitiative die Verkehrsberuhigung des Stephankiezes durchzusetzen. Sie bestand im Grunde nur aus zweieinhalb Aktiven, hatte aber enormen Rückhalt in der Bevölkerung – quer zu allen ethnischen Grenzen. Vom eingestellten Etat war noch etwas Geld übrig, das für die Neugestaltung dieser Grünfläche genutzt wurde. So wurde eine offene, einsehbare Durchwegung geschaffen, Tischtennisplatten und Schachtische wurden aufgestellt.

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Und es funktioniert. Das Areal wird angenommen. Aber leider gibt es auch hier wieder Leute, deren Verbundenheit zu dieser Fläche übertrieben erscheint.

Manche mögen im Rahmen einer lebendigen Kommunikationskultur ihre Botschaften an die Schachspieler hinterlassen.

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Andere – mögen Sie in Zehlendorf oder Weißensee ein Eigenheim mit Garten haben – brauchen die materielle Verbundenheit und verpflanzen aus lauter Solidarität mit dem alten Arbeiterkiez auch schon Mal ein Gewächs in den heimatlichen Garten.

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Einige wollen es ganz gemütlich haben und spenden ihren Lieblingssessel um die Aufenthaltsqualität zu steigern.

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Auch durch aktive Farbumgestaltung artikuliert sich Anwohnerengagement.

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Hundehalter demonstrieren mit den Hinterlassenschaften ihrer Lieblinge, wozu diese eigenartigen Beutel da sind.

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Einige können in ihrem Lieblingspark keine rechten Winkel akzeptieren.

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Jeder kann mitmachen. Bürgerschaftliches Engagement hat viele Ausdrucksformen.

Adresse: Salzwedeler Straße, 10559 Berlin

08
Sep
09

Peter Eichhorns Berlinbetrachtungen

Es macht mich richtig wütend! Wütend auf mich selbst, dass ich bisher erst eine Stadtführung von Peter Eichhorn besucht habe. „Kleiner Mann was nun? Alt-Moabit am kleinen Tiergarten“ nennt er die Tour, nach dem Buch von Hans Fallada von 1932, das zeitlich in der Weltwirtschaftskrise und räumlich teilweise genau hier spielt (und übrigens vier Mal verfilmt wurde).

„Über Moabit werde ich wohl kaum Neues erfahren“, dachte ich im Vorfeld, denn nirgendwo auf der Welt habe ich länger gelebt als hier. Aber Neese, was der Herr Eichhorn an historischen Fakten und Anekdoten über das Gebiet zwischen Spreebogen und Arminius-Markthalle zum Besten gab, hat mich dann doch beeindruckt. Es ging von den frühen Berliner Unternehmern August Borsig und Carl Bolle bis in die Gegenwart zu Ernst Freiberger, um Tucholsky, Lenin und die Brüder Sass…

Bemerkenswerterweise war nicht nur ich ganz gefesselt, sondern genauso die mitgeschleifte Familie, samt Schwiegermutter, präpubertärer Tochter und der Twen-Nichte der Liebsten, sonst eher beim Shoppen auf dem Ku´damm anzutreffen. Als wir hinter der Arminius-Markthalle zum Ende kamen, hatten alle das Gefühl, man könne jetzt in jede beliebige Richtung beliebig lange weitergehen und der Herr Eichhorn würde einfach fortfahren uns an dem Fundus seiner Berlinkenntnisse teilhaben zu lassen.
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„Metropole des Verbrechens – Berlin auf Gangsterjagd“ und „Auferstanden aus Ruinen – Die Stalinallee“ heißen die Führungen, die mich im Moment am meisten interessieren. Gerade plane ich übrigens zusammen mit Peter Eichhorn unsere Betriebsweihnachtsfeier. Denn seine kulinarische und gastronomische Kompetenz steht seiner historischen in Nichts nach. Das hat er gerade mit seinem Buch (zusammen mit Thomas Götz) „Berlin beißt sich durch“, zum Preis von 14,90 Euro erschienen im Grebennikov Verlag (ISBN 9783 9417 84017), bewiesen. Ein Muss für Berlinbesucher, aber auch Einheimische treffen hier auf alt bekannte Klassiker genauso wie auf neue Ausgehtipps. Das Ganze ist erfrischend gegliedert und mit wundervollen Fotos illustriert.

Alle Stadtführungen unter: http://www.berlinbetrachtungen.de/

 

08
Aug
09

Ende eines Kaufhauses

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Heute wurde er tatsächlich geschlossen. Er war für mich immer der Schmuddel-Hertie auch wenn er zeitweise Karstadt hieß. Das Gebäude aus den 60er Jahren, nach Entwürfen des Hamburger Architekten Hans Soll, hätte schon vor 25 Jahren – als ich zum ersten Mal hier eingekauft habe – eines radikalen Liftings bedurft. Die Verkäuferinnen begegneten einem mit einem eher robusten Charme, aber daran hatte ich mich schon lange gewöhnt. Es war ein Kaufhaus für den alltäglichen Kram. Für Ausgefallenes und Exklusiveres fuhr ich dann doch eher gleich in einen Nachbarbezirk. Es war aber auch eine Moabiter Institution. So unhipp und doch heiß und innig hassgeliebt, stand es für den ganzen Kiez.

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Er wird mir fehlen, nicht nur weil es in den 99-Cent-Läden, die sich in der Turmstraße, der Einkaufsstraße Moabits, plastikperlenkettenartig aneinanderreihen, eigentlich gar nichts bekomme, was ich brauche, sondern auch weil ich fürchte, dass Herties Ende ein weiterer Schritt in Richtung Niedergang der Turmstraße und damit des ganzen Stadtteils ist. Ich kann mich noch an mehrere Feinkostgeschäfte hier erinnern. In der nahe gelegenen Arminius-Markthalle kaufte sogar die Frau unseres Bundespräsidenten ein, bevor man die Halle mit dem Einbau einer Norma- und einer Schlecker-Filiale verschandelte und immer mehr Lebensmittelstände durch Ramschtrödelstände ersetzt wurden. Auf dem Gelände des Krankenhauses Moabit, ebenfalls mit Turmstrassenadresse, pulsierte das Leben, bevor es Anfang des Jahrtausends geschlossen wurde. Temps perdu. Vielleicht kommen wieder bessere Zeiten. Immerhin haben die Moabiter Gerichte und der Untersuchungsknast keinen konjunkturellen Nachfrageeinbruch zu befürchten…Zum fünfzigjährigen Jubiläum hätte die Hertie-Filiale noch ein Jahr gebraucht. 260 Mitarbeiter (zu Zeiten der Eröffnung waren es noch 700) wurden jetzt entlassen. Sie saßen nach der Schließung heute noch auf dem Parkplatz hinter dem Gebäude zusammen und „feierten“ Abschied. Hoffentlich kommen möglichst Viele mit ihrer Situation klar. Macht et jut.

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Ehemalige Adresse: Turmstr. 29, am U-Bhf. Turmstrasse, 10551 Berlin

23
Apr
09

Zum Welttag des Buches

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Natürlich liebe ich Bücher. Hätte sich mir die Welt von D´Artagnan und Frisco Kid, von Tom Sawyer und Kalle Blomquist nicht aufgetan, hätte ich meine Kindheit in einem kleinen, platten, niedersächsischen Dorf nie überlebt. Später habe ich mir das Geld für Lesestoff tatsächlich manchmal vom Mund abgespart und wenn es gar nicht anders ging auch schon mal einen Band beim Buchhändler mitgehen lassen (Don´t try this at home!). Ich war studentischer Mitarbeiter eines Verlages und einer Fachbereichsbibliothek und später wurde mir tatsächlich einmal eine Stelle als Buchhändler angetragen, obwohl mir jegliche adäquate Ausbildung fehlt.

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Heute lief mir – buchstäblich – jemand über den Weg, der bei Weitem mehr Liebe zu Büchern aufbringt als ich. Ich habe einen Nachbarn. Wir wohnen im selber Moabiter Mietshaus, aber ich kenne ihn kaum. Wir grüßen uns im Treppenhaus. Er hat eine nette Familie, Frau und zwei Kinder. Er gehört nicht zum Bataillon der Durchgeknallten, das hier einen nicht geringen Zulauf hat. Seine große, bärige Gestalt begegnet mir manchmal auf dem Weg zur U-Bahn. Wir arbeiten zeitversetzt. Er kommt morgens nachhause, wenn ich zur Arbeit gehe. Er ist Wachmann oder Pförtner oder so etwas. Vermutlich kann er die ganze Nacht hindurch lesen. Aber es genügt ihm nicht. Sein massiger Körper bewegt sich nur ganz langsam vorwärts, ganz vorsichtig setzt er einen Fuß vor den anderen, kurze Schritte, ein wenig watschelnd. Nie würde er mich erkennen, denn er hält sich auf seinem Heimweg immer ein Buch vors Gesicht. Er liest während er die U-Bahntreppe hochsteigt. Er liest auf dem Gehweg bis zu unserem Haus. Er liest auf der Treppe bis zu seiner Wohnungstür. Im Winter ist er mir schon begegnet, als die Lichtverhältnisse es ihm kaum erlauben konnten, irgendwelche Buchstaben zu erkennen. Er las dennoch, hochkonzentriert, verschwendete auf sein Vorwärtskommen gerade so viel Energie, wie unbedingt notwendig war. Keine Ahnung was er liest. Heute muss es etwas höchst Amüsantes gewesen sein, denn als er an mir vorbei watschelte, zog sich über sein Gesicht ein spitzbübisches Lächeln, wie das eines kleinen Jungen.

Welttag des Buches

01
Dez
08

Deportationsmahnmal Putlitzbrücke

Vom Bahnhof Grunewald (hier gibt es seit 20 Jahren am Gleis 17 eine Gedenkstätte) vom Anhalter Bahnhof und vom Güterbahnhof Putlitzstraße wurden während der Nazizeit die meisten der Berliner Juden nach Osteuropa deportiert.
Per Lastwagen oder zu Fuß wurden die Entrechteten vom Sammellager in der Synagoge Levetzowstraße über die Jagowstraße, Alt-Moabit, die Lübecker Straße, die Perleberger Straße, die Havelberger, den Stephanplatz und die Quitzowstraße und schließlich über den Deportationsweg zum Güterbahnhof Putlitzstraße gebracht.

In der Straße Alt-Moabit erinnern Stolpersteine an Einige der Ermordeten.

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Im Oktober 1941 verließ der erste Deportationszug mit über 1000 Menschen Berlin Richtung Lodz. Bis zum März 1945 wurden mehr als 35000 Berliner Juden mit 63 Zügen der Deutschen Reichsbahn in die Ghettos und Vernichtungslager nach Osteuropa verschleppt. Zunächst wurden Personenwagen dritter Klasse eingesetzt. Schon bald wechselte man sie gegen Viehwaggons aus. Außerdem transportierten 122 Züge 15000 weitere Juden nach Theresienstadt. Bereits während der Fahrt starben viele Menschen an Durst, Hunger und der Grausamkeit ihrer Bewacher. Das KZ hat kaum einer überlebt.

In der Mitte der Putlitzbrücke, die die Gleise von Bahn und S-Bahn überspannt wurde 1987 ein Deportationsmahnmal des Künstlers Volkmar Hase errichtet. An einen Grabstein erinnernd erhebt sich am hinteren Rand einer Platte eine zweite Platte mit einem Davidstern. Dahinter weist eine mehrfach abgeknickte, abstrahierte Treppe gen Himmel. Von der Brücke aus blickt man ein Areal in dem sich einst der Güterbahnhof Putlitzstraße befand. Eine Inschrift lautet: „…Symbol des Weges, der kein Weg mehr war. Für die, die über Rampen, Gleise, Stufen und Treppen diesen letzten Weg gehen mussten…“.

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Wiederholt war das Mahnmal Ziel von Anschlägen. Der spektakulärste war ein Sprengstoffattentat 1992. Ein anderes Mal fand es Jemand urkomisch, an das Mahnmal zwei Schweineköpfe aufzuhängen. Immer wieder sehe ich frühmorgens auf meinem Weg zur S-Bahn, dass Leute ihre Hunde vor das Mahnmal haben kacken lassen. Blödiane oder Dreckspack?

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Adresse: Putlitzbrücke, 10559 Berlin