Posts Tagged ‘nationalsozialismus

10
Jun
11

Finanzamt Charlottenburg: Hinter die Hausnummer geschaut

Zugegeben, dass Verhältnis zwischen meinem Finanzamt und mir ist nicht das Beste. Ich bin mit meinen Steuererklärungen seit Jahren im Rückstand.

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Aber darum geht es mir hier nicht. Es geht um das Gebäude, in dem das Finanzamt Charlottenburg residiert. Basierend auf dem Entwurf der Stadtbauräte Brucker und Kepler wurde es 1939 vollendet. Damals war es das größte Finanzamt Berlins. Es besteht aus einem repräsentativen Haupttrakt in der Bismarckstraße, einem Mittelflügel und einem rückwärtigen Gebäudeflügel in der Spielhagenstraße. Hier machen die Bürofenster heute mitunter geradezu einen schmuddeligen Eindruck.

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Insgesamt wirkt das Gebäude eher langweilig und einfallslos. Ein monumentaler Akzent wurde mit der über drei Geschosse reichenden Portalnische am Haupteingang gesetzt. Vier kantige Muschelkalkpfeiler markieren diesen Bereich.

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Besucher die hier eintreten, werden unter einem Adlerrelief mit Hoheitszeichen empfangen. Nur wenige Eingeweihte wissen, dass der Adler in seinen Krallen ein Hakenkreuz umklammert, heute lediglich verdeckt von einer Hausnummernleuchte.

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Auf facebook gibt es eine Seite, die zur Entfernung des Adlers und des Hakenkreuzes aufordert.

Das wäre der falsche Weg. Natürlich haben damals die Befreier alle Symbole des widerlichen Naziregimes im Boden zerstampfen mögen. Heute kann man solche Relikte nutzen, um Auseinandersetzungen mit Kontinuitäten und Erinnerungen an authentischen Orten zu provozieren. Also weg mit der verdeckenden Leuchte, das Hakenkreuz gezeigt und die Behörde in die Pflicht genommen, wie sie nicht nur ihre Naziarchitektur erklärt, sondern auch drüber informiert, welche Rolle die Finanzämter bei der bürokratisch organisierten Beschlagnahme jüdischen Eigentums gespielt haben.

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Das Gebäude liegt an der Ost-West-Achse, die in den Germania-Plänen der Nationalsozialisten für ihre Reichshauptstadt eine zentrale Rolle spielte. Gemeinsam mit der faschistischen Architektur des Finanzamtes bilden die davor platzierten Straßenlaternen ein stimmiges Ensemble. Entworfen hat sie Albert Speer, Hitlers Lieblingsarchitekt und Handlanger, Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt, angeklagt im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof und wegen seiner Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig gesprochen und zu 20 Jahren Haft verurteilt.

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Adresse: Finanzamt Charlottenburg, Bismarckstraße 48, 10627 Berlin

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01
Dez
08

Deportationsmahnmal Putlitzbrücke

Vom Bahnhof Grunewald (hier gibt es seit 20 Jahren am Gleis 17 eine Gedenkstätte) vom Anhalter Bahnhof und vom Güterbahnhof Putlitzstraße wurden während der Nazizeit die meisten der Berliner Juden nach Osteuropa deportiert.
Per Lastwagen oder zu Fuß wurden die Entrechteten vom Sammellager in der Synagoge Levetzowstraße über die Jagowstraße, Alt-Moabit, die Lübecker Straße, die Perleberger Straße, die Havelberger, den Stephanplatz und die Quitzowstraße und schließlich über den Deportationsweg zum Güterbahnhof Putlitzstraße gebracht.

In der Straße Alt-Moabit erinnern Stolpersteine an Einige der Ermordeten.

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Im Oktober 1941 verließ der erste Deportationszug mit über 1000 Menschen Berlin Richtung Lodz. Bis zum März 1945 wurden mehr als 35000 Berliner Juden mit 63 Zügen der Deutschen Reichsbahn in die Ghettos und Vernichtungslager nach Osteuropa verschleppt. Zunächst wurden Personenwagen dritter Klasse eingesetzt. Schon bald wechselte man sie gegen Viehwaggons aus. Außerdem transportierten 122 Züge 15000 weitere Juden nach Theresienstadt. Bereits während der Fahrt starben viele Menschen an Durst, Hunger und der Grausamkeit ihrer Bewacher. Das KZ hat kaum einer überlebt.

In der Mitte der Putlitzbrücke, die die Gleise von Bahn und S-Bahn überspannt wurde 1987 ein Deportationsmahnmal des Künstlers Volkmar Hase errichtet. An einen Grabstein erinnernd erhebt sich am hinteren Rand einer Platte eine zweite Platte mit einem Davidstern. Dahinter weist eine mehrfach abgeknickte, abstrahierte Treppe gen Himmel. Von der Brücke aus blickt man ein Areal in dem sich einst der Güterbahnhof Putlitzstraße befand. Eine Inschrift lautet: „…Symbol des Weges, der kein Weg mehr war. Für die, die über Rampen, Gleise, Stufen und Treppen diesen letzten Weg gehen mussten…“.

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Wiederholt war das Mahnmal Ziel von Anschlägen. Der spektakulärste war ein Sprengstoffattentat 1992. Ein anderes Mal fand es Jemand urkomisch, an das Mahnmal zwei Schweineköpfe aufzuhängen. Immer wieder sehe ich frühmorgens auf meinem Weg zur S-Bahn, dass Leute ihre Hunde vor das Mahnmal haben kacken lassen. Blödiane oder Dreckspack?

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Adresse: Putlitzbrücke, 10559 Berlin

01
Dez
08

Deportationsweg zum Bahnhof Putlitzstraße

Eingeklemmt zwischen einem Supermarkt und einem neu errichteten Baumarkt biegt ein schmaler Kopfsteinpflasterweg von der Moabiter Quitzowstraße ab. Heute dient er als Zufahrt zum Parkplatz des Baumarktes. In der Nähe auf dem Gehweg versteckt sich eine zweisprachige Hinweistafel, die etwas über die Vergangenheit dieses Weges verrät. In den Karten der Verwaltung wird er auch heute noch als Deportationsweg bezeichnet.

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Der Weg verband die Quitzowstraße mit dem Güterbahnhof Putlitzstraße. Von 1942 bis 1945 wurden Juden von der Sammelstelle in der Synagoge Levetzowstraße zunächst mit Lastwagen später zu Fuß in Marschkolonnen quer durch Moabit hierher gebracht, in Waggons, überwiegend in Viehwaggons getrieben und von der Deutschen Reichsbahn nach Theresienstadt, in die Ghettos der okkupierten, osteuropäischen Städte Lodz, Riga und Lublin oder später direkt nach Auschwitz verschleppt. Überlebt haben nur wenige.

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Auf der nahen Putlitzbrücke steht seit Sommer 1987 ein Mahnmal. Reste der Rampen und Gleisanlagen des Güterbahnhofes hat die Bahn im Zusammenhang mit dem Neubau des nahen Hauptbahnhofes unauffällig verschwinden lassen. Die Bahn mag nicht so gerne an ihre Vergangenheit erinnert werden. Spätestens seit der Ausstellung Zug der Erinnerung ist klar, dass sie nicht nur als Rechtsnachfolger der Reichsbahn in die Judendeportation verstrickt ist, sondern dass es auch personelle Kontinuitäten gab. Dass dieselben Logistiker, die in der Nazizeit die Transporte in die Vernichtungslager organisierten, nach dem Krieg dann eben Urlauber verschickten oder später für „Gastarbeitertransporte“ nach Deutschland verantwortlich zeichneten.

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Wer ganz genau hinschaut kann am Ende des Deportationsweges noch Fragmente des Gleises 69 finden, eines der Gleise, von dem die Deportationszüge abfuhren.

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Adresse: Quitzowstraße, 10559 Berli, zwischen Lidl und Hellweg

01
Dez
08

Mahnmal Levetzowstraße

An dieser Stelle befand sich mit 2000 Plätzen die größte und prächtigste der drei Synagogen Tiergartens.

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Sie wurde während der Pogromnacht am 9. November 1938 von Nazis angezündet und brannte teilweise aus. Auf Geheiß der Gestapo wurde das Gebäude am 1. Oktober 1941 von der jüdischen Gemeinde als Durchgangslager hergerichtet. Die Vertreibung von Juden aus ihren Wohnungen diente auch dazu, Ersatzwohnraum für ausgebomte Familien zu schaffen, die dem Rasseideal der Nazis entsprachen. Später kam ein weiteres Sammellager in einem ehemaligen jüdischen Altersheim in der Großen Hamburger Straße dazu. In der Levetzowstraße wurden zeitweise über 1000 Personen untergebracht ehe sie zum Güterbahnhof Putlitzstraße getrieben und in die Ghettos, Lager und Vernichtungsstätten des okkupierten Osteuropas deportiert wurden. In dem Sammellager wurden sie gezwungen Ausweise, Lebensmittelmarken und Wertgegenstände, auch goldene Gebissteile abzugeben. Vermögensverzeichnisse wurden angelegt. SS-Männer sorgten für eine grauenvolle Atmosphäre. Einige Juden zogen den Todessturz von der Empore auf den Marmorfußboden der Deportation vor.

Die Synagoge befand sich an einer stark belebten Straßenkreuzung, neben einem Postamt und einer Schule. Den Berlinern blieb nicht verborgen, wie SS-Männer Juden mit Fußtritten und Gewehrkolbenstößen aus der Synagoge trieben.

Das Gebäude wurde im Krieg beschädigt, aber nicht zerstört. Nach dem Ende der Naziherrschaft stand sie zehn Jahre lang leer, dann wurde sie abgerissen.

1988 wurde hier ein Mahnmal des Bildhauers Peter Herbrich und der Architekten Jürgen Wenzel und Theseus Bapert errichtet. Eine stilisierte Deportationsrampe und ein stählerner Eisenbahnwaggon auf Schienen, vor dessen Tür und in dessen Inneren abstrahierte, zusammengeschnürte, marmorne Menschenbündel sichtbar werden, bildet den einer Teil des Mahnmals. Daneben gibt es eine rostfarbene Metalltafel in der Höhe der ehemaligen Synagoge. In sie sind 63 Zeilen gestanzt. Jeweils eine Zeile nennt Datum, Bestimmungsort und Anzahl der Deportierten und zeugt so von der Akribie der Täter. Am Boden davor, dort wo sich einst der Eingang der Synagoge befand, findet man gußeiserne Reliefs mit den Abbildungen der (ehemaligen) Berliner Synagogen Gemeinde- und Vereinsynagogen.

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Alljährlich erinnern Moabiter Antifaschisten am 9. November mit einer Demonstration von hier zum Mahnmal Putlitzstraße an den antisemitischen Terror und die Ermordeten.

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Adresse: Levetzowstraße, 10555 Berlin