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Finanzamt Charlottenburg: Hinter die Hausnummer geschaut

Zugegeben, dass Verhältnis zwischen meinem Finanzamt und mir ist nicht das Beste. Ich bin mit meinen Steuererklärungen seit Jahren im Rückstand.

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Aber darum geht es mir hier nicht. Es geht um das Gebäude, in dem das Finanzamt Charlottenburg residiert. Basierend auf dem Entwurf der Stadtbauräte Brucker und Kepler wurde es 1939 vollendet. Damals war es das größte Finanzamt Berlins. Es besteht aus einem repräsentativen Haupttrakt in der Bismarckstraße, einem Mittelflügel und einem rückwärtigen Gebäudeflügel in der Spielhagenstraße. Hier machen die Bürofenster heute mitunter geradezu einen schmuddeligen Eindruck.

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Insgesamt wirkt das Gebäude eher langweilig und einfallslos. Ein monumentaler Akzent wurde mit der über drei Geschosse reichenden Portalnische am Haupteingang gesetzt. Vier kantige Muschelkalkpfeiler markieren diesen Bereich.

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Besucher die hier eintreten, werden unter einem Adlerrelief mit Hoheitszeichen empfangen. Nur wenige Eingeweihte wissen, dass der Adler in seinen Krallen ein Hakenkreuz umklammert, heute lediglich verdeckt von einer Hausnummernleuchte.

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Auf facebook gibt es eine Seite, die zur Entfernung des Adlers und des Hakenkreuzes aufordert.

Das wäre der falsche Weg. Natürlich haben damals die Befreier alle Symbole des widerlichen Naziregimes im Boden zerstampfen mögen. Heute kann man solche Relikte nutzen, um Auseinandersetzungen mit Kontinuitäten und Erinnerungen an authentischen Orten zu provozieren. Also weg mit der verdeckenden Leuchte, das Hakenkreuz gezeigt und die Behörde in die Pflicht genommen, wie sie nicht nur ihre Naziarchitektur erklärt, sondern auch drüber informiert, welche Rolle die Finanzämter bei der bürokratisch organisierten Beschlagnahme jüdischen Eigentums gespielt haben.

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Das Gebäude liegt an der Ost-West-Achse, die in den Germania-Plänen der Nationalsozialisten für ihre Reichshauptstadt eine zentrale Rolle spielte. Gemeinsam mit der faschistischen Architektur des Finanzamtes bilden die davor platzierten Straßenlaternen ein stimmiges Ensemble. Entworfen hat sie Albert Speer, Hitlers Lieblingsarchitekt und Handlanger, Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt, angeklagt im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof und wegen seiner Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig gesprochen und zu 20 Jahren Haft verurteilt.

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Adresse: Finanzamt Charlottenburg, Bismarckstraße 48, 10627 Berlin


9 Responses to “Finanzamt Charlottenburg: Hinter die Hausnummer geschaut”


  1. 10. Juni 2011 um 20:34

    Das lässt mich die von mir geliebte Sichtachse gleich mit ganz anderen Augen sehen. Das Finanzamt hatte ich eh nie so positiv assoziiert…

  2. 2 karu02
    10. Juni 2011 um 20:54

    Und als Übergardine haben sie die Bundesflagge?

  3. 12. Juni 2011 um 17:10

    Nur an einem Fenster an der Hinterfront.

  4. 4 joulupukki
    4. Juli 2011 um 00:03

    Guter Artikel! Die Nazi Architektur schreit einem eh entgegen, dafür brauchts dann auch kein Hakenkreuz mehr. Wie alles aus der Zeit: Globig, massiv, schwerfällig, grob. Bauten wie Zeitgeist. Ob Hakenkreuz freilegen nun besser ist, als Adler weg bezweifle ich ein wenig. Weder die eine noch die andere Variante gefällt mir wirklich. Jedenfalls WENN das Hakenkreuz wieder frei liegen soll, dann eindeutig kommentiert. Nicht (ausschließlich) über irgendeine Hinweistafel abseits, sondern symbolisch direkt an/über dem Zeichen. Das wäre doch mal eine künstlerische Herausforderung, als Stadtverwaltung würde ich zu einem Wettbewerb aufrufen.

  5. 1. Dezember 2011 um 00:14

    Das Hakenkreuz befindet sich garantiert nicht mehr hinter dem Hakenkreuz – Wetten das?🙂

  6. 2. Dezember 2011 um 12:17

    Das Hakenkreuz hinter dem Hakenkreuz? Oder meinst Du das Hakenkreuz hinter der Lampe mit der Hausnummer? Kann gut sein, dass das abgemeisselt wurde. Wäre mir zu risikoreich, die Wette anzunehmen, Schau doch mal nach, dann wissen wir es.

  7. 7 id
    4. Januar 2012 um 15:02

    Auch ich habe mir den Adler heute angeschaut, weil auf facebook jemand behauptete, dass das Hakenkreuz noch da ist. Es ist leider so nicht zu erkennen, ob sich das Hakenkreuz noch unter der Hausnummernlampe befindet. Die Frage finde ich interessant, denn das würde heißen, dass es immer noch heimliche Verehrer von Hitler gibt, was ich im Übrigen noch nie bezweifelt habe. Die NS-Ästhetik gelangt offensichtlich ohnehin zu neuen öffentlichen Ehren, begonnen mit dem Flughafen Berlin-Tempelhof, fortgesetzt mit der Martin-Luther-Gedächtniskirche in Mariendorf. Natürlich soll man nicht und kann man nicht alles abreißen, aber eine Infotafel, auffällig und für jedermann sichtbar, fehlt m. E. am Finanzamt Charlottenburg. An anderen Gebäuden, z. B. einem Nazi-Postamt in der Rognitzstraße in Charlottenburg gibt es durchaus entsprechende Hinweisschilder.


  1. a Trackback zu Jun 4th, 2016 um 22:54

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