28
Aug
14

Günter-Schwannecke-Spielplatz: Erinnerung an ein fast vergessenes Neonaziopfer

Eine Kurzmeldung im Tagesspiegel erregt meine Aufmerksamkeit: „Gedenktafel auf Spielplatz beschädigt. Unbekannte haben Löcher und Dellen in eine Gedenktafel geschlagen und Wörter zerkratzt. Der Polizeiliche Staatsschutz ermittelt.“

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Ungewöhnlicherweise hat der Spielplatz sogar einen offiziellen Namen (Günter-Schwannecke-Spielplatz) und liegt nur zwei Querstraßen von meiner Wohnung entfernt.

Ich habe zunächst keinen Schimmer, wer dieser Schwannecke ist und weshalb dieser Spielplatz – so unspektakulär, dass es meine Kinder nie dorthin zog – nach ihm benannt ist. Ich muss erst im Netz recherchieren.

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Günter Schwannecke mischt sich ein, als Nazis eine Gruppe von Studenten aus Sri Lanka auf diesem Spielplatz bedrohen und wird daraufhin von diesen Nazis totgeschlagen. Das ist über 20 Jahre her und wäre wohl vergessen, wenn nicht eine private Initiative gegen das Vergessen anginge.

Die Günter-Schwannecke-Gedenkinitiative hat versucht, sein Leben zu rekonstruieren und damit die Persönlichkeit Günter Schwannecke hinter dem konturlosen – als „Obdachloser“ stigmatisierten – Opfer hervor treten zu lassen und zu dokumentieren:

Schwannecke ist Kunstmaler. Er arbeitet mit verschiedensten Materialien und probiert unterschiedliche Stilrichtungen. Er ist ein hervorragender realistischer Zeichner, wendet sich aber auch dem Abstrakten zu, bis hin zum Tachismus, einem spontanen Malverfahren. Empfindungen werden dabei durch eine Art Farbrausch ohne direkten Wirklichkeitsbezug ausgedrückt. Der Kunstkritiker Walter Vitt lernt ihn bereits als Schüler kennen und urteilt: „Er war mir auch in der Geschichte der Kunst und im Begreifen des Wesens der Kunst um vieles voraus“. Schwannecke bricht die Schule ab, absolviert eine Ausbildung zum Positivretuscheur. Ein Positivretuscheur korrigiert analog fotografische Vorlagen, bevor sie reproduziert werden – was man heute üblicherweise mit Photoshop macht. Er studiert in den 50er Jahren an der Werkkunstschule Braunschweig und bekommt anschließend ein Begabtenstipendium für die Staatliche Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart, wo er freie Malerei bei Manfred Henninger studiert. Neben der Kunst Henningers prägen Cézanne und auch Picasso den Kunststil des jungen Günter Schwannecke. Er reist mehrmals nach Paris, hält sich längere Zeit auf der Insel Ischia auf.

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1960 und 61 stellt er in Münster, Braunschweig und Fulda Kunstwerke aus. In Fulda in der „galerie junge kunst fulda“, in der auch später so bekannte Künstler wie Gerhard RichterJörg Immendorf und Hans Haacke ausgestellt werden. Im Sommer 1962 erlebt er die Schwabinger Krawalle in München. Er eröffnete in Braunschweig eine Galerie und finanzierte sich in seinem erlernten Beruf als Positivretuscheur mit einer freiberuflichen Tätigkeit  bei VW.

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1965 geht Schwannecke nach West-Berlin, hat Ausstellungen (u.a. im Europa-Center) und verkauft Werke. Im „stern“ erscheint ein Artikel über seine Kunst. Er gibt seinen Verdienst vollständig aus und kehrt 1976 verarmt nach Braunschweig zurück. Während der Terroristenhysterie des Deutschen Herbstes reißt er Fahndungsplakate ab und malt sie mit Silberstiften neu, gibt den „Terroristen“ ein neues Gesicht, „recycelt sie zu Menschen“. Anfang der 80er zieht es ihn wieder nach Berlin. Er stellt im Mehringhof aus, findet einen Agenten und lebt in einer Charlottenburger Wohngemeinschaft. Er malt Portraits von Menschen, die ihm begegnen: Punks, Wirte, Ärzte… Er will nun nichts mehr mit dem bürgerlichen Kunstbetrieb zu tun haben und der nichts mehr mit ihm. Schwannecke steht der Hausbesetzerszene nahe, geht auf Demos.

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Anfang der 90er ist er zunehmend von der Gesellschaft enttäuscht und will seinen Wunsch nach vollkommener Freiheit verwirklichen „Ich geh’ die Platte putzen“, soll er angekündigt haben als er auf die Straße zog. Im Jahr 1992 ist er teilweise ohne festen Wohnsitz, bekommt dann eine Unterkunft im Städtischen Wohnheim am Friedrich-Olbricht-Damm in Charlottenburg-Nord, wo Wohnungslose und Asylbewerber untergebracht sind.

Am 29. August 1992 sitzt Schwannecke mit seinem Freund Hagen Knuth, ebenfalls ein wohnungsloser Künstler, auf einer Bank des Spielplatzes an der Ecke Pestalozzi- / Fritschestraße. Sie feiern Knuths Geburtstag. Zwei Skinheads, Norman Zühlke und Hendrik Jähn, pöbeln vier Studenten aus Sri Lanka an, die dort Tischtennis spielen. Die beiden Künstler verteidigen die Studenten verbal, so dass sie entkommen können. Daraufhin beginnt Zühlke mit einem Baseballschläger auf die Männer einzuschlagen. Hagen Knuth wird nach einem schweren Hirntrauma im Klinikum Westend gerettet. Günter Schwannecke stirbt am 5. September 1992 an den Folgen von Schädelbruch und Hirnblutungen.

Der Täter wird wegen Körperverletzung mit Todesfolge und schwerer Körperverletzung zu 6 Jahren Haft ohne Bewährung verurteilt. Das Landgericht Berlin sieht seine rassistische Gesinnung als ursächlich für die Tat, sieht den Täter aber auch als vermindert schuldfähig, weil er betrunken war. Zühlke ist von diesem „harten Urteil“ geschockt. Gesinnungsgenossen rufen bei der Urteilverkündung: „Das war doch nur ein Penner“.

In der Statistik der Bundesregierung über Opfer rechter Gewalt von 1993 wird der Fall aufgeführt, 1999 und 2009 nicht mehr. Das Land Berlin zählt den Fall 2012 ebenfalls nicht. Auf eine Anfrage der Berliner Abgeordneten Clara Hermann (Fraktion der Grünen) im Januar 2012 antwortet der Berliner Senat, das Landgericht hätte kein politisches Motiv erkannt. Die Gedenkinitiative fordert, dass die Bundesregierung und der Berliner Senat Günter Schwannecke dauerhaft als Todesopfer rechter Gewalt anerkennen.

Fünf Tage vor der Tat in Charlottenburg belagert ein rassistisch aufgestachelter Mob in Rostock-Lichtenhagen ein Flüchtlingsheim und setzt es schließlich in Brand. Nicht nur die rechten Skinheads Zühlke und Jähn sehen sich dadurch ermuntert ihren Beitrag zu leisten und Menschen anzugreifen, die nicht in ihr beschränktes Weltbild passen. Nicht nur die NSU-Bande verübt rechtsradikal motivierte Morde. Über die genaue Anzahl von Todesfällen, die auf das Konto von Neonazis gehen wird gestritten. Viele Einzelschicksale von Opfern sind vergessen.

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Auch Günter Schwannecke ist es beinah so gegangen. Kein Journalist soll bei der Urteilsverkündung anwesend gewesen sein. Kein Pressevertreter macht sich die Mühe, etwas über die Lebensgeschichte Schwanneckes zu recherchieren. Er wird nur als Obdachloser wahrgenommen. Die Morgenpost titelt „Keulen-Hiebe töteten Stadtstreicher“, der Tagesspiegel „Prozeß um Tod eines Betrunkenen“. Niemand würdigt die Zivilcourage der beiden Opfer. Es gibt keine Demonstration. Der Mut mit dem Rechtsradikalen begegnet wurde, wird ignoriert. Schwannecke ist eben „kein Held für den Mainstream“, wie die Jungle World 20 Jahre später schreibt.

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Der Gedenkinitiative ist es zu verdanken, dass Schwannecke nicht vergessen ist. Sie gibt ihm seine Persönlichkeit zurück, „recycelt ihn zu einem Menschen“. Sie sorgt auch dafür, dass 2012 sämtliche in der Bezirksverordnetenversammlung Charlottenburg-Wilmersdorf vertretenen Parteien dafür stimmten, den Spielplatz nach Günter Schwannecke zu benennen.

Morgen, am 29. August 2014 ruft die Initiative zum dritten Mal zu einer Gedenkkundgebung auf. Günter-Schwannecke Spielplatz, Ecke Pestalozzi- / Fritschestraße, 18.00 bis 19.30 Uhr. Blumen soll man mitbringen. Ich werde mein Büro etwas eher verlassen und dabei sein.

Die Abbildungen 1,3,4,5,6,7 sind der Seite der Günter-Schwannecke-Gedenkinitiative entnommen.
Abbildungen 1,6,7: CC by-nc-sa 3.0
Abbildungen 3,4,5: © Archiv W. Vitt Köln

20
Sep
12

Der unterschlagene Filmschnipsel: Zimmermann auf Mofa

Das NSDAP- und CSU-Mitglied Friedrich Zimmermann ist gestorben. Er hinterlässt tatsächlich eine Sache, die mir positiv in Erinnerung bleibt. Eine kurze Filmsequenz, aufgenommen am 5. März 1985 in Hangelar bei Bonn, anlässlich der Vorstellung eines geräuschreduzierten Mofa-Prototypen des Herstellers Hercules.

Im langen Mantel sitzt Zimmermann auf dem Zweirad, gibt mutig Gas und kachelt ungebremst und todesmutig wie ein Berserker über die Blumenrabatte.

Jedes Mal wenn ich diesen Filmschnipsel im Fernsehen oder im Internet gesehen habe, prustete es aus mir heraus. Aber die Aufnahme ist verschwunden. Ich reagiere gewöhnlich allergisch auf jede Art von Verschwörungstheorien, aber hier liegt sie auf der Hand. Die Sequenz wurde in Rudis Tagesschau gezeigt und vermutlich jeder Zweite aus meiner Generation kann sich an die Aufnahme erinnern. Jeder, auch nur annähernd komische Clip wird tausendfach im Netz kopiert. Aber die Aufnahme von Zimmermann auf dem Mofa ist komplett verschwunden! Googelt man Entsprechendes, stößt man nur auf Fragen nach einem Link zu dem Clip. Nie gibt es darauf eine befriedigende Antwort. Lediglich ein Foto taucht gelegentlich auf, auf dem er aber erstaunlicherweise mitten auf dem Weg fährt!

Wer hat die Aufnahme verschwinden lassen? BKA? CIA? Das internationale Finanzkapital? Die Bilderberger? Sind die 80er Jahre nur eine Erfindung, so wie Bielefeld? Sachdienliche Hinweise werden gerne entgegen genommen.

02
Jan
12

Ausgekurbelt: Charlottenburger Traditionskino wird zum Biosupermarkt

Die Leuchtbuchstaben, die bis vor kurzem den Meyerinckplatz allabendlich in rotes Licht tauchten, sind abgeflext, Popcornmaschinen, Kinositze, Lampen und alles andere ist verramscht. Die Kurbel gibt es nicht mehr. Noch existiert die Website des Kinos, aber sie gibt nicht mehr viel her:

Im leeren Schaukasten spiegelt sich die Ankündigung, dass hier nach einem Entwurf des Architekten Christopher von Bothmer der „Umbau von 3 Kinosälen in einem (sic!) Biomarkt und 6 Wohnungen“ erfolgen soll. Jemand hat einen eindeutigen Kommentar hinterlassen.

Gegen die Schließung des Kinos hat sich die Bürgerinitiative „Rettet die Kurbel“ formiert. 7500 Unterschriften wurden gesammelt und fast 4000 Unterstützer wurden auf facebook gewonnen. Die Initiative bestreitet, dass das Kino unrentabel sei. Der Betreiber – und Gebäudeeigentümer – habe notwendige Investitionen unterlassen. Bei der Umwidmung gehe es ihm um Profitmaximierung. Unter den teiweise prominenten Unterstützern finden sich unter anderem Berlinale-Chef Dieter Kosslick, der Kunstsammler Peter Raue, Wim Wenders, Rosa von Praunheim ebenso wie eine ganze Riege von Schauspielern wie Otto Sander, Angelika Domröse oder Oliver Kalkhofe. Das Medienboard Berlin-Brandenburg schaltet sich ein, das Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf fordert den Eigentümer auf, die Schließung auszusetzen und ein „Moratorium“ bis zum Sommer 2012 zu akzeptieren um bis dahin eine tragfähige Lösung zu finden. Angeblich gäbe es mehrere Interessenten, die das Kino weiter betreiben wollten.

Der Biosupermarkt Alnatura will in dem Gebäude ab dem Frühjahr 2013 Müsli und Dinkelstangen verkaufen. Aber man hat offenbar kalte Füße bekommen: „Sofern eine Möglichkeit besteht, den Kinobetrieb weiter zu führen, werden wir dem nicht im Wege stehen,“ verkündet eine Unternehmenssprecherin.

Der Eigentümer Symcha Karolinski denkt allerdings nicht daran, den Vertrag mit Alnatura aufzulösen. Er fühlt sich zu Unrecht kritisiert. Er habe das Kino 2005 übernommen, weil es keiner wollte, in Eigenregie betrieben und zwei Mal vor der Pleite gerettet. Seine Kritiker hätten lieber öfter ins Kino gehen sollen. Neben 16 großen Multiplexkinos hätte die Kurbel keine Chance mehr gehabt. Die drei Interessenten könnten „ nicht die notwendige Bonität aufweisen“. Gegen das Moratorium stünden die Verträge mit den Baufirmen.

Karolinski plant, das marode Gebäude für mehrere Millionen umfassend zu sanieren. Er spricht von einem sechsstelligen Verlust, den er in den vergangenen fünf Jahren mit dem 600-Sitze-Kino gemacht hat und er fühlt sich von der Initiative genötigt und hat Anzeige erstattet.

Die Räume beherbergen auch schon ein Ladengeschäft, bevor der Architekt Karl Schienemann sie zum Kino umbaut. Unter heftigen Anfeindungen des Inhabers der benachbarten Minerva-Lichtspiele Heinrich Hadekel, eröffnen die jüdischen Betreiber Heinz Grabley und Hanna Koenke 1934 die Kurbel. Bereits 1935 erfolgt der Umbau zum ersten „echten“ Tonfilmkino mit einer speziellen akustischen Dämmung. Im Rahmen dieser Modernisierung werden das markante umlaufende Vordach und viele Lichtakzente geschaffen. Die Betreiber wollen vorwiegend ausgewählte internationale Produktionen in der Originalfassung ohne Untertitel und Synchronisation zeigen. Zwei Jahre später übernimmt Walter Jonigkeit, der später zur Berliner Kinolegende werden soll, die Kurbel. Über die Umstände der Übernahme und das weitere Schicksal der jüdischen Kinogründer konnte ich nichts in Erfahrung bringen.

Jonigkeit gelingt es, das Kino bis in den Krieg hinein weiter zu betreiben. Als es nach Bombenabwürfen Feuer fängt, drückt ihm die unterbesetzte Feuerwehr eine Spritze in die Hand, die er abwechselnd mit einem Freund bedient und so das Kino rettet. Erst gegen Ende des Krieges wird die Kurbel zum Munitionslager zweckentfremdet. Nach der Befreiung lässt Jonigkeit die dort vorgefundenen Panzerfäuste zerlegen. Die ausgebauten Feuersteine sind begehrte Tauschware, mit deren Hilfe das Kino instand gesetzt werden kann.

Schon am 27. Mai 1945 nimmt die Kurbel nach dem Marmorhaus als zweites Berliner Kino seinen Betrieb wieder auf. Jonigkeit hat von einem russischen Unteroffizier, der in einem Pankower Tabakladen ein Filmlager verwaltet, den russischen Film „Um sechs Uhr nach Kriegsende“ ergattert. Der Film ist unübersetzt, aber die Zuschauer kommen.

Von Dezember 1953 bis zum April 1956 läuft in der Kurbel „Vom Winde verweht“. In 2395 Vorstellungen sehen rund 6 000 000 Zuschauer den Film. Die Platzanweiserinnen müssen bei täglich drei Vorstellungen halbjährlich in ein anderes Kino versetzt werden. Sie können die Filmdialoge nicht mehr hören und sprechen fast nur noch in Filmzitaten. Der Straßenbahnschaffner – ja, bis 1967 gab es auch in Westberlin Straßenbahnen – ruft die Haltestelle angeblich so aus: „Ku`damm, Ecke Giesebrechtstraße, Vom Winde verweht – aussteigen“. Jonigkeit macht ein Nebengeschäft mit selbstgemachten Programmheften. Abends sammelt er die abgerissenen Kinokarten auf und verteilt sie in der S-Bahn. „Die Kamera – das Haus des guten Films“ steht drauf. Als bei ihm später die „Die Brücke am Kwai“ läuft, besticht er die Tanzkapellen der Stadt, dass sie recht häufig den River-Kwai-Marsch spielen, und ihm so das Publikum ins Haus zu bringen.

Kassenraum und Foyer erfahren in den 50ern durch Verglasung der Eingangskolonnaden eine großzügige Erweiterung. Im Oktober 1957 kommt es zum Skandal als Jonigkeit das Kino an die FDJ vermietet, die zum 40. Jahrestag der Oktoberrevolution den sowjetischen Film „Peter der Große“ zeigen will. Die Polizei befürchtet eine Störung der öffentlichen Ordnung und verbietet die Veranstaltung.

Die rapide sinkenden Besucherzahlen Anfang der 70er Jahre zwingen Jonigkeit zur Aufgabe der Kurbel. Nach einem kurzen Intermezzo als Pornokino eröffnet das Haus 1974 neu als Off-Kino. Wechselnde Betreiber versuchen sich an Programm- und Arthaus-Kino, ab 1995 werden nur noch Filme in der englischen Originalfassung gezeigt. Nachdem 2001 das Cinestar am Potsdamer Platz beginnt OV-Filme anzubieten, zeigt die Kurbel trotz Besucher-Protesten wieder synchronisierte Fassungen. 2003 geht der letzte Betreiber, die Ufa Theater AG, in die Insolvenz und schließt deutschlandweit 33 Kinos – darunter auch die Kurbel. Anfang 2004 versucht sich ein neuer Betreiber mit einem „One Dollar“-Konzept. Man zeigt für 2,99 Euro Filme, die gerade in den großen Häusern ausgelaufen sind und meldet noch im selben Jahr Konkurs an. Ab Februar 2005 nimmt der Hausbesitzer, der das Gebäude 1993 erwarb, den Filmbetrieb in Eigenregie auf und engagiert Moishe Waks als Geschäftsführer. Nach seinem Tod 2009 wird Tom Zielinski sein Nachfolger.

Tom Zielinski war im Dezember mit dem Verkauf von Technik und Inventar der Kurbel beschäftigt. Auch ich bin an einem Verkaufstag vor Ort, bringe es aber nicht übers Herz, etwas mit nach Hause zu nehmen.

„Vom Winde verweht“ ist der letzte Film, der am 21. Dezember in der Kurbel gezeigt wird. Am 2. Januar 2012 soll der Umbau beginnen.

Ehemalige Adresse: Giesebrechtstr. 4, 10629 Berlin

17
Sep
11

Gasthof zum Grünen Baum in Boitzenburg

„Der Gasthof zum Grünen Baum“ ist ein Ort der eher war und sein wird als einer, der ist. Es wird sicher noch einige Jahre dauern, bis man hier logieren kann. Es ist aber möglich, die Auferstehung dieses Ortes zu verfolgen und zu begleiten.

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Als es mich vor über sieben Jahren auf der Suche nach einem für meine Hochzeitsfeier geeigneten Ort in die Uckermark verschlug, fiel mir das Gebäude schon beim Vorbeifahren auf und ich entzifferte den an der verwitterten Fassade erhalten gebliebenen Namenszug „Gasthof zum grünen Baum.“ (Der Punkt hinter Baum steht wirklich da). So heruntergekommen wie das Haus aussah, strahlte es dennoch einen eigentümlichen Charme aus. Wäre es ein Mensch gewesen, hätte ich wohl etwas gesagt wie: „Es scheint Dir nicht gut zu gehen, aber ich würde Dich unheimlich gerne kennen lernen. Jetzt lad ich Dich erstmal zu einem anständigen Essen und einem guten Glas Wein ein und dann werden wir schon sehen, wie es weiter gehen kann.“

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Ich weiß nicht, wann die Gastronomie eingestellt und das Gebäude dem Verfall anheim gegeben wurde. In den 50er Jahren wurde hier zumindest noch Bier ausgeschenkt. Wie wohl auch schon Jahrhunderte vorher. Die erste Nennung ist auf das Jahr 1772 datiert und im Landeshauptarchiv Potsdam zu finden. Im „Oberkrug“, wie der Gasthof damals noch hieß, legten die Postkutschen auf der Route Berlin-Stettin einen Zwischenstopp ein und wechselten die Pferde.

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Eine alte Postkarte lässt vermuten, dass das Haus irgendwann um 1900 den Namen „Gasthof zum Grünen Baum“ bekam. Von 1900 bis 1920 führten Albert und Hermine Biss den Gasthof, danach übernahm ihr Sohn Walter mit seiner Ehefrau Gertrud den Betrieb.

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Das ältere Gebäude wurde vermutlich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts abgerissen und durch die jetzigen Bauten ersetzt. Während das Hauptgebäude auf einem Feldsteinfundament errichtet wurde, über das sich ein zweigeschossiger Putzbau mit einem Satteldach erhebt, wurde das hofseitige Stallgebäude anderthalbgeschossig aus unverputzten roten Ziegeln gebaut. Im kleinen, straßenseitig gelegenen Biergarten sind die alte Lindenbepflanzung sowie eine kleine Freitreppe und die niedrigen Befestigungsmauern der Terrasse erhalten geblieben.

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Am diesjährigen Tag des offenen Denkmals war es nicht nur möglich, sich das Gebäude von innen anzusehen, sondern auch zu erfahren, wie es wiederbelebt werden soll. Im Moment sieht es von innen genau so schlimm aus wie von außen: marodes Gebälk, feuchte Wände, und entfernte Decken und Böden korrespondieren mit glaslosen Fenstern und verwittertem Putz.

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Aber der Architekt und Tischler Carsten Frerich und die Grafikdesignerin Ulrike Hesse haben sich des Hauses angenommen. Sie haben den Zustand des Gasthofes von Fachleuten untersuchen lassen und sie wirken kompetent und realistisch genug, dass man davon ausgehen kann, dass sie ihre Pläne umsetzen werden und dem denkmalgeschützten Haus neues Leben einhauchen. Ein Hotel mit zehn Zimmern im Hauptgebäude und drei Appartements im Stallgebäude soll es werden, natürlich mit Gastronomie und Biergarten. Auf ihrer Website – und auf einem gerade entstehenden Blog – kann man die aktuellen Planungen und Entwicklungen verfolgen und sich über die Geschichte des Gasthofes informieren. In einem Glossar lässt sich zudem Wissenswertes über das Boitzenburger Land nachlesen.

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Den beiden Instandsetzern kann man natürlich nur allen erdenklichen Erfolg wünschen und einigen anderen maroden Gebäuden in Boitzenburg wünscht man, dass sich Menschen finden, die sich ihrer in ähnlicher Weise annehmen.

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Adresse: Gasthof zum grünen Baum, Templiner Straße 4, 17268 Boitzenburger Land

09
Sep
11

Wer sucht, der findet…

Der Herr Vilmoskörte, Moabit-Papst, hat in der Statistik von WordPress nachgesehen bei welchen Suchbegriffen auf sein Blog geführt wurde und die besten in seinem Blog-Beitrag „Vogel ohne Fleisch…“ aufgelistet. Das musste ich ihm natürlich gleich nachmachen und war dann doch etwas irritiert. Vermutlich waren die Verfasser der folgenden Suchanfragen eher unbefriedigt, als sie hier gelandet sind:

meerschweinchen schlachten

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melancholiker

10
Jun
11

Finanzamt Charlottenburg: Hinter die Hausnummer geschaut

Zugegeben, dass Verhältnis zwischen meinem Finanzamt und mir ist nicht das Beste. Ich bin mit meinen Steuererklärungen seit Jahren im Rückstand.

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Aber darum geht es mir hier nicht. Es geht um das Gebäude, in dem das Finanzamt Charlottenburg residiert. Basierend auf dem Entwurf der Stadtbauräte Brucker und Kepler wurde es 1939 vollendet. Damals war es das größte Finanzamt Berlins. Es besteht aus einem repräsentativen Haupttrakt in der Bismarckstraße, einem Mittelflügel und einem rückwärtigen Gebäudeflügel in der Spielhagenstraße. Hier machen die Bürofenster heute mitunter geradezu einen schmuddeligen Eindruck.

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Insgesamt wirkt das Gebäude eher langweilig und einfallslos. Ein monumentaler Akzent wurde mit der über drei Geschosse reichenden Portalnische am Haupteingang gesetzt. Vier kantige Muschelkalkpfeiler markieren diesen Bereich.

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Besucher die hier eintreten, werden unter einem Adlerrelief mit Hoheitszeichen empfangen. Nur wenige Eingeweihte wissen, dass der Adler in seinen Krallen ein Hakenkreuz umklammert, heute lediglich verdeckt von einer Hausnummernleuchte.

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Auf facebook gibt es eine Seite, die zur Entfernung des Adlers und des Hakenkreuzes aufordert.

Das wäre der falsche Weg. Natürlich haben damals die Befreier alle Symbole des widerlichen Naziregimes im Boden zerstampfen mögen. Heute kann man solche Relikte nutzen, um Auseinandersetzungen mit Kontinuitäten und Erinnerungen an authentischen Orten zu provozieren. Also weg mit der verdeckenden Leuchte, das Hakenkreuz gezeigt und die Behörde in die Pflicht genommen, wie sie nicht nur ihre Naziarchitektur erklärt, sondern auch drüber informiert, welche Rolle die Finanzämter bei der bürokratisch organisierten Beschlagnahme jüdischen Eigentums gespielt haben.

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Das Gebäude liegt an der Ost-West-Achse, die in den Germania-Plänen der Nationalsozialisten für ihre Reichshauptstadt eine zentrale Rolle spielte. Gemeinsam mit der faschistischen Architektur des Finanzamtes bilden die davor platzierten Straßenlaternen ein stimmiges Ensemble. Entworfen hat sie Albert Speer, Hitlers Lieblingsarchitekt und Handlanger, Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt, angeklagt im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof und wegen seiner Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig gesprochen und zu 20 Jahren Haft verurteilt.

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Adresse: Finanzamt Charlottenburg, Bismarckstraße 48, 10627 Berlin

20
Mai
11

Friedhof des Zellengefängnisses Moabit

Nur ein paar dutzend Schritte vom geschäftigen Berliner Hauptbahnhof entfernt versteckt sich der Friedhof des Zellengefängnisses Moabit. Präziser: der Teil dieses Friedhofes, in dem die Beamten des Gefängnisses bestattet wurden. Den anderen Teil, auf dem die gestorbenen Gefangenen ihre „letzte Ruhe“ fanden, hielt wohl niemand für erhaltenswert und so entstand nach 1955, als der Friedhof geschlossen wurde, auf diesem Areal eine Kleingartenanlage. Hier wird auf Gräbern gegrillt.

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Die meisten Grabsteine sind umgefallen, zerstört oder überwachsen. Vor ein paar Jahren hat man den schmiedeeisernen Zaun um die Gräber restauriert. Das Tor ist verschlossen. Einer der wenigen erhaltenen Grabsteine ist der von Ernst Vetter: Hier/ ruhet in Gott/ mein lieber Mann/ und guter Vater,/ der Kgl.Strafanstalt-/ Aufseher/ Ernst Vetter/ * 28.2.1858, + 3.4.1918.

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Neben dem Friedhof sind noch Teile der Gefängnismauer und drei Beamtenwohnhäuser übrig geblieben. An der Lehrter Straße erinnert eine Gedenktafel an die Opfer der Nazizeit.

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Nach jahrzehntelangen Auseinadersetzungen gibt es seit 2006 nach Plänen von Silvia Glaßer und Udo Dagenbach einen gelungenen Geschichtspark auf dem Gelände des eigentlichen Zellengefängnisses.

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Das Gefängnis wurde von 1842 – 1849 von Carl Ferdinand Busse als Kopie des Londoner Gefängnisses Pentonville als preußisches Mustergefängnis errichtet. Die Gefangenen sollten durch strengste Isolation voneinander geläutert werden. In fünf sternförmig angeordneten Flügeln gab es Einzelzellen, die vom Zentralbau aus überwacht wurden. Schweigepflicht, scheuklappenähnliche Mützen, die außerhalb der Zelle getragen werden mussten, Einzelhofgang in 10 qm großen dreieckigen Teilstücken des Hofes (daher kommt die Redensart „im Dreieck springen“) und selbst in der Gefängniskirche Sitze in sargähnlichen Holzkisten, sorgten dafür, dass zahlreiche Gefangene die Flucht in den Wahnsinn oder den Suizid antraten. Folgerichtig wurde 1886 ein Nebengebäude zum Irrenhaus umgebaut.

Noch vor Abschluss der Bauarbeiten wurden die ersten Gefangenen, polnische Freiheitskämpfer, einquartiert. Sie wurden 1848 von Berliner Märzrevolutionären befreit. Prominente Gefangene waren danach Friedrich Wilhelm Voigt, der später als „Hauptmann von Köpenick“ ganz groß raus kam. 1878 wurde Max Hödel hier hingerichtet. Er hatte sich an einem Attentat auf den Kaiser Wilhelm I. versucht. Während des ersten Weltkrieges wurden Kriegsgegner und später Teilnehmer der Novemberrevolution inhaftiert. 1933 wurde Erich Mühsam hier eingesperrt. 1940 quartierte sich die Wehrmacht in einem Flügel ein. Der Schriftsteller Wolfgang Borchert saß hier über neun Monate wegen Wehrkraftzersetzung in Einzelhaft. Unter dem Eindruck der Lautsprecheransage des nahen Lehrter Bahnhofs schrieb er das Lied „800 mal Lehrter Straße“. 1941 zog die Gestapo ein. Neben vielen heute vergessenen Antifaschisten war der Sänger und Schauspieler Ernst Busch hier eingekerkert, später zahlreiche Widerstandskämpfer im Umfeld der Attentäter des 20. Juli. In den letzten Kriegstagen wurden 16 politische Gefangene aus ihren Zellen verschleppt und auf dem nahe gelegnen ULAP-Gelände per Genickschuss ermordet. Der junge Kommunist Herbert Kosney überlebte die Hinrichtung schwer verletzt. Ohne diesen Augenzeugen wäre vielleicht auch dieses Verbrechen vergessen. In den Taschen der Leiche des Dichters Albrecht Haushofer fand man die im Gefängnis erstandenen „Moabiter Sonette“.

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Nach der Befreiung nutzten die Alliierten das durch Bomben kaum beschädigte Gebäude bis 1955. Zwischen 1946 und 1949 fanden hier mindestens zwölf Hinrichtungen (nach anderen Quellen 48) statt. Als Letzter wurde am 11. Mai 1949 der 24-Jährige Bertold Wehmeyer guillotiniert.

Um Platz zu schaffen für die – zum Glück nie realisierte – Westtangente wurde das Zellengefängnis 1958 abgerissen.

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Zum ersten Mal war ich während einer Nachtwanderung im Rahmen einer Geburtstagsfeier einer Kindergartenfreundin meiner mittlerweile über 20-Jährigen Tochter auf dem Friedhof. Abgesehen davon bin ich hier bei meinen Besuchen fast immer wunderbar allein. Ich versuche mir nicht nur die Vergangenheit dieses Ortes vorzustellen, sondern denke auch über den Unterscheid zwischen allein und isoliert sein nach. Auf dem Nachhauseweg bin ich dann immer sehr zufrieden mit meinem bescheidenen Dasein.

Adresse: Lehrter Straße, 10557 Berlin, hinter den Schrebergärten, die sich gegenüber der Einmündung Seydlitzstraße befinden